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Full text of "Die christlichen literaturen des Orients"

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l»ud)t>anblung / (Scorg Jteimer / Äarl 3. Xrübner / 33eit 6 Qomp. 

Berlin 2Ö. 10 unb Xeipsig 



3tDec! unb ^iti ber „©ammtung ®6'fcJ?en" 
ift, in ßinjetbarfl'eUungen eine Hare, teid)f» 
Derf?dnMid)e unb überjTd)fnd)e Ömfüf)rung 
in füm<nd)e ©ebiefe ber :iöifTenfd)aff unb 
Xed}n\t 3u geben; in engem iRai)men, auf 
flfreng tDijTenfd)üfind)er ©run{)lage unb unter 
23epücffi^figung be^ neuejlen 6fanbe^ ber 
5orfd)ung bearbeitet, foH jebe^ S'dnbc^en 
auDeridffige 33etet)rung bieten. 3tbe^ einjetne 
&eMti ifi in fi^ gefd)IojTen bargefleltt, aber 
bennod) ffef)en aUe :Sdnbd)en in innerem 3u» 
famment)ange miteinanber, fo ba^ ba^ ©anse, 
tt)enn e^ DoKenbet Dorliegt, eine eintjeittid^e, 
fDilematifc^e ©arfletlung unfere^ gefamten 
:iöifTen^ bilben bürfte. 



2(uöffi!)rtic^e :XJerseid)nlffc 
ber bi^f}er erfd)ienenen :Sünbc umfonjT unb pofffrd 



■'niBtwn>fw uw» iKm a a Bn n i iag n Hinnmtrannginnirnninnnnnn irfritKiLii i : iCTi;i:ia:ig: i ;mmt^'gi»gBiWinaiBKiaii!l!('l'l'im 



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Sammlung Göschen 



Die christlichen Literaturen 
des Orients 



Von ^ 



Dr. Anton Baumstark 



Einleitung 
I. Das christlich-aramäische und das koptische Schrifttum 




Leipzig 

G. J. Göschen'sclie Verlagshandiung 
1911 



Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, 
von der Verlagshandlung vorbehalten. 



IRE IKSTiTUTF CF lt^[r7H,a S'UJliö 

{0 £L^ASL'iy FL/ -£ 

TCBOU'iO 6, CA1..-.0A, 

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Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig. 



Inhaltsübersicht. 



Einleitung. Seite 

Die historischen Entwicklungsbedingungen des christ- 
lich-orientalischen Schrifttums 7 

1. Die Ausbreitung des Christentums im Orient . 9 

2. Hellenismus und Orient .; 14 

3. Der christologische Glaubenskampf 18 

4. Die Bedeutung des Mönchtums 24 

5. Das Verhältnis zum Islam 27 

6. Die Beziehungen zum Abendland 31 

I. Das christlich - aramäische und das koptische 

Schrifttum 34 

A. Die christlich-palästinensische Literatur 35 

1. Die geschichtliche Entwickelung 36 

2. Die erhaltenen Reste 38 

B. Die syrische Literatur 39 

a) Die allgemeine Entwickelung 40 

1. Die altsyrische Periode 41 

2. Das Zeitalter der Kirchenspaltung .... 46 

3. Das Zeitalter der mohammedanischen Herr- 
schaft 49 

b) Die einzelnen Literaturgebiete 52 

1. Bibelübersetzungen 53 

2. Die Liturgie 57 

3. Apokryphen 61 

4. Die gelehrte Übersetzungsliteratur .... 65 

5. Theologie 70 

6. Philosophie .73 

7. Weltliche Fachwissenschaften 77 

1* 



Inhaltsübersicht. 

8. Das bürgerliche und kirchliche Recht . . 81 

9. Hagiographische Prosa 84 

10. Prosaische ünterhaltungsliteratur .... 90 

11. Geschichtschreibung 93 

12. Sangbare Poesie 98 

13. Die metrische „Rede" 102 

C. Die koptische Literatur 106 

1. Die geschichtliche Entwickelung .... 107 

2. Bibel und Liturgie ... • 110 

3. Apokryphen 113 

4. Theologie, medizinische und Zauberliteratur 117 

5. Erzälüende Prosa 121 

6. Poesie 125 

Nachtrag 129 

Register 130 



Literatur. 



Allgemeines. 

Alexander Baumgartner, Geschichte der Weltliteratur. 

Band I. Die Literaturen Westasiens und der Nilländer. 

Freiburg i. B. 1897. S. 154—268. 
Die Kultur der Gegenwart. Ihre Entwickelung und ihre 

Ziele. Herausgegeben von Paul Hinneberg. Teil I, 

Abteilung VII. Die orientalischen Literaturen. Berlin und 

Leipzig 1906 (= K. d. G.). 
Die Literaturen des Orients in Einzeldarstellungen. VIT. Bd. 

Zweite Abteilung: Geschichte der christlichen Literaturen 

des Orients. Leipzig 1907 (= L. d. 0.). 
Revue de l'Orient Chretien. Paris 1895 ff. 
Oriens Christianus. Römische Halbjahrhefte für die Kunde 

des christlichen Orients. Rom-Leipzig 1901 ff. (=0. C.). 
Corpus Scriptorum Christianorum Orientalium, curantibus 

J. B. Chabot, J. Guidi, H. Hyvernat, B. Carra de 

Vaux. Paris 1903 ff. 
Patrologia Orientalis. Par R. Graf f in et F. Nau. Paris 1903 ff. 
Vgl. A. Baumstark, Die Messe im Morgenland. Kempten- 

München 1906. J. G. Wenrich, De auctorum graecorum 

versionibus et commentariis sjrriacis, arabicis, armeniacis 

persicisque commentatio. Leipzig 1842. 

Christlich-palästinensische Literatur. 

Burkitt, Christian Palestinian Literature, im Journal of 
theological Studies II (1901) S. 174—185. 

Syrische Literatur. 

J. Sim. Assemani, Bibliotheca orientalis Giemen tino-Vati- 
cana. Rom 1719—28. 

3005 

.B3 



6 Literatur. 

A. Fr. Pfeiffer, Joseph Simon Assemanns orientalische 
Bibliothek oder Nachrichten von syrischen Schriftstellern 
in einen Auszug gebracht. Erlangen 1776. 

G. B ick eil, Conspectus rei Syrorum literariae. Münster 1871. 

W.Wright, A short history of syriae literature. London 1894. 

R. Duval, Anciennes litteratures chretiennes. II. La litte- 

r rature syriaque. Paris 1899. 2. Aufl. 1901. 3. Aufl. 1907. 

Th. Nöldeke, Die aramäische Literatur. K. d. G. S. 103 
bis 123. 

C. Brockelmann, Die syrische und die christlich -arabische 
Literatur. L. d. 0. S. 1—74. 

Vgl. A. Baumstark, Lucubrationes Syro-Graecae. Supple- 
mente der Fleckeisenschen Philologischen Jahrbücher XXI, 
S. 353 — 527, Aristoteles bei den Syrern vom V.— VIII. Jahr- 
hundert I. Bd. Leipzig 1900; Die Evangelienexegese der 
der syrischen Jakobiten. O. C. II, S. 151—169; 358—389; 
Syrische und hellenistische Dichtung, in ,, Gottesminne*' III, 
S. 570 — 593; Ad. Merx, Historia artis grammaticae apud 
Syros. Leipzig 1889; E. Renan, De philosophia peri- 
patetica apud Syros. Paris 1852, 

Eine sorgfältige Bibliographie bei Eb. Nestle, Syrische 
Grammatik mit Literatur, Chrestomathie und Glossar. 
2. Aufl. Berlin 1888. 

Koptische Literatur. 

J. Leipoldt, Geschichte der koptischen Literatur. L. d. 0. 
S. 132—183. 

Vgl. H. Junker, Koptische Poesie des 10. Jahrhunderts, 
0. C. VI, S. 139—411; VII, S. 136-253. 

Eine sorgfältige Bibliographie bei G. Steindorff, Koptische 
Grammatik, 2. Aufl. Berlin 1904; dazu Nachtrag der 
laufenden Literatur durch W. E, Crum in den Jahres- 
berichten des Egypt Exploration Fund unter : „Christian 
Egypt". 



Einleitung. 

Die historischen Entwicklungsbedingungen des 
christlich-orientalischen Schrifttums. 

Das Erbe der antiken Literaturentwicklung hat im 
Gebiete des ehemaligen römischen Imperiums und über 
dessen Grenzen hinaus unmittelbar ein literarisches 
Schaffen von wesenhaft christlichem Charakter ange- 
treten, das, hauptsächlich, ja vielfach ausschließlich von 
Geistlichen gepflegt, in seiner ganzen Eigenart durch 
die führende kulturelle Stellung der Kirche bedingt, nur 
allmählich in seinem Schatten die Keime neuer, sich 
vom kirchlichen Einflüsse emanzipierender National- 
literaturen heranreifen ließ. 

Die Muttersprache dieses spezifisch christlichen 
Schrifttums war das Griechische gewesen, dessen sich 
bekanntlich auch die ältesten Schriftsteller der römischen 
und der gallischen Kirche bedienten. Seinen zentralen 
Grundstock wird man dementsprechend in der früh- 
christlich-griechischen, der byzantinischen und der von 
diesen beiden abhängigen kirchenslawischen Literatur er- 
bHcken. Westlich von dieser gräko- slawischen 
Mittelinie ist die christlich-lateinische Literatur, 
deren Wiege noch mehr als in Rom im romanisierten 
Nordafrika gestanden hatte, während langer Jahrhun- 
derte der internationale Ausdruck für das geistige Leben 
des gesamten durch die Stürme der Völkerwanderung 



8 Die historischen Entwicklungsbedingiingen. 

umgestalteten Abendlandes geblieben. Der uralte Kul- 
turboden des Ostens hat demgegenüber in Vorderasien, 
Ägypten und dessen südlichen Hinterländern eine Eeihe 
christlich-orientalischer Einzelliteraturen zur Ent- 
wicklung gebracht, deren Vielheit seiner Neigung zu 
nationalkirchlichen Sonderbildungen entspricht. Von 
semitischen Sprachen haben hier das Aramäische, Ara- 
bische und Äthiopische, es haben ferner die letzte Ent- 
wicklungsstufe der Jahrtausende alten Landessprache 
Ägyptens, das Koptische, das der indogermanischen 
Sprachenfamilie angehörende Armenische und das Idiom 
des Kaukasusvolkes der Georgier, als Ausdrucksmittel 
christlichen Geisteslebens eine hervorragende Bedeutung 
gewonnen. 

Ein christliches Schrifttum hat es außerdem auch in 
mittelpersischer Sprache, dem sog. P e h 1 e w i , und in der 
Nuba-Sprache des Sudans gegeben. Der ersteren 
haben sich nestorianische Kirchenfürsten bis in das 9. Jahr- 
hundert vielleicht häufiger literarisch bedient, als die dürf- 
tigen diesbezüglichen Nachrichten ahnen lassen. Doch ist 
von einschlägigen Texten bislang kaum etwas zutage getreten. 
Reste der altnubischen christlichen Literatur sind dage- 
gen neuerdings in Bruchstücken von Handschriften etwa des 
10. bis IL Jahrhunderts bekannt geworden. Neben dem Frag- 
ment eines kirchlichen Perikopenbuches handelt es sich um 
ein Apokryphon, das über eine von Christus vor seiner Himmel- 
fahrt an die Apostel gerichtete Lehrrede berichtet und u. a. 
einen hymnenartigen Preis des Kreuzes enthält, einen Text 
über den Märtyrer Menas, den wundermächtigen Patron der 
libyschen Wüste, und vielleicht eine Übersetzung der Konzils- 
kanones von Nikaia. Indessen entziehen sich diese Literatur- 
denkmäler vorläufig noch einer vollständigen Entzifferung. 

Die folgende Darstellung versucht es, über die Ent- 
wicklung und die wichtigsten Erscheinungen der ver- 
schiedenen Zweige dieses christlich- orientalischen Schrift- 
tums in dem bescheidenen Rahmen eines einheitlichen 



Die Ausbreitung des Christentums im Orient. 9 

elementaren Überblicks zu orientieren. Ein solcher Ver- 
such kann nicht gemacht werden, ohne zunächst auf die 
allgemeinen historischen Vorbedingungen einzugehen, 
unter denen sich jene Entwicklung vollzog. 

1. Die Ausbreitung des Christentums im Orient. — 
Schon der palästinensische Mutterboden der christ- 
lichen Verkündigung war ein gemischtsprachlicher ge- 
wesen, auf dem, abgesehen von dem Latein der römi- 
schen Garnisonen und Verwaltungsorgane und dem 
Hebräischen der jüdischen Liturgie und Gelehrtenlitera- 
tur, der griechischen Weltsprache als eigentliche Landes- 
sprache ein westlicher Dialekt des Aramäischen gegen- 
überstand, das sich unter der persischen Herrschaft als 
internationales Verständigungsmittel von Mesopotamien 
bis nach Ägypten hinein verbreitet hatte. Außerhalb 
Palästinas hat das Christentum dann allerdings zunächst 
in den griechisch redenden Gebieten und Bevölkerungs- 
schichten des Orients sich verbreitet, in denen das selbst 
nach Sprache und Kultur hellenistische Judentum der 
westlichen Diaspora und dessen Proselyten ihm die Wege 
gebahnt hatten. 

Aber spätestens im Laufe des 2. Jahrhunderts hat die 
christliche Propaganda, den Handels- und Verkehrs- 
straßen auch der östlichen jüdischen Diaspora folgend, 
vom griechischen erfolgreich auf das ostaramäische 
Sprachgebiet übergegriffen, wo zwischen dem Römer- 
und dem Partherreiche eingebettete Pufferstaaten vom 
Westen herkommenden Kultureinflüssen weit geöffnet 
waren. Die östlich vom oberen Tigris gelegene Land- 
schaft Adiabene ist wohl der älteste, die nordmesopo- 
tamische Osrhoene mit ihrer Hauptstadt Edessa der 
weitaus bedeutsamste Herd eines national-aramäischen 
Christentums geworden, dessen Sendboten, noch weiter 



10 Die historischen Entwicklungsbedingungen. 

ostwärts vordringend, die Kirche des neupersischen 
Reiches der Sassaniden begründeten, das seit dem Jahre 
224 an die Stelle des parthischen der Arsakiden ge- 
treten war. 

Die erste Verkündigung des Evangeliums im mesopo- 
tamisch-persischen Osten wird von der Legende dem Apostel 
Thomas oder einem der siebzig ' Herren jünger des Namens 
Addai bzw. dessen Schüler Mär(j) zugeschrieben. Als histo- 
risch bezeugt darf heute die Verbreitung des Christen- 
tums in der Adiabene bereits für den Anfang des 2. Jahr- 
hunderts gelten. Sie könnte hier sehr wohl in unmittelbarem 
Zusammenhange mit den außerordentlichen Erfolgen zu- 
nächst der jüdischen Propaganda stehen, welche in der 
Zeit des Kaiser Klaudius (41 — 54) den Landesherrn Izates, 
dessen Mutter Helena und die gesamte königliche Famiüe 
für den mosaischen Monotheismus gewonnen hatte. Von den 
Beherrschern der Osrhoene soll einer Sage zufolge, der auf 
Grund angeblicher Dokumente eines edessenischen Archivs 
schon Eusebios eine Stelle in seiner Kirchengeschichte ein- 
räumte, Abhgar V ükkama („der Schwarze") (4 v. — 7 n. und 
wieder 13 — 50 n. Chr.) sogar mit dem Heiland selbst in Brief- 
wechsel gestanden und hernach von Addai die Taufe emp- 
fangen haben. Tatsächlich hat aber erst Abhgar IX. (179 
bis 216), gleich jenem Zeitgenossen Christi der Sohn eines 
Ma'nü, — wohl bald nach einer im Jahre 202 unternommenen 
Reise nach Rom und vielleicht unter dem Einfluß derselben — 
•das Christentum angenommen. Eine ursprünglich juden- 
•christliche Gemeinde kann indessen damals schon geraume 
Zeit in Edessa bestanden haben und eine Reorganisation 
dieser Gemeinde das Werk des ersten heidenchristlichen Bi- 
schofs der Stadt, eines Pälüt, gewesen sein, der zu Anti- 
•ocheia von dem dortigen Bischof Serapion (190 — 210) die 
Weihe erhielt. Seit 216, von einer vorübergehenden Restau- 
ration des einheimischen Königtums abgesehen, unmittelbar 
dem römischen Reiche einverleibt, hat die Osrhoene alsdann 
noch die letzten großen Christenverfolgungen desselben mit- 
zuempfinden gehabt. 

Die einheitliche Organisa tion der p e r s i s c h e n R e i eil s - 
kirche unter dem Primat des den Titel eines KathoÜkos 



Die Ausbreitung des Christentums im Orient. H 

führenden Oberbischofs der Doppelhauptstadt Seleukeia- 
Ktesiphon reicht bis in den Anfang des 4. Jahrhunderts 
zurück. Auch sie hat, immer unter Beibehaltung der 
vom Westen her übernommenen ostaramäischen Kirchen- 
sprache, eine weitere nach Osten gerichtete Missions- 
tätigkeit entwickelt. Im Anfang des 6. Jahrhunderts 
hatte diese bereits an der Malabarküste und auf Ceylon 
bedeutende Erfolge aufzuweisen. Von denjenigen, welche 
ihr selbst in China beschieden waren, legt ein Steindenk- 
mal vom Jahre 781 bei Singanfu mit seiner zweisprachigen 
syrisch-chinesischen Inschrift Zeugnis ab. Dagegen hat 
das persische Christentum in seinem Mutterlande den 
vollkommenen Sieg über die zoroastrische National- 
religion niemals zu erringen vermocht. Auch nach der- 
jenigen Säpürs II. (309 — 379), die, durch ein Edikt vom 
Jahre 317 entfesselt, seit 340 mit erhöhter Grausamkeit 
eingesetzt hatte, ist es vielmehr bis zum Untergange des 
Sassanidenreiches hier immer wieder der Gegenstand 
blutiger Verfolgungen gewesen. 

Erfolgreicher ist in der Bekämpfung des einheimischen 
Heidentums eine nach Norden zu über das griechische 
Sprachgebiet hinausgreifende christliche Propaganda ge- 
wesen, deren Träger wenigstens ursprünglich nicht so- 
woh griechische, als vielmehr gleichfalls aramäische 
Missionare waren. Unter König Trdat (ca. 282 — 330) 
ist das Christentum die offizielle Staatsreligion Arme- 
niens geworden, und eine gleiche Stellung hat es alsbald 
unter einem König Mirian (ca. 265 — 342) wesentlich 
wohl zweifellos von Armenien aus auch bei den Geor- 
giern gewonnen. 

Auch die Anfänge einer christHchen Mission bei den Ar- 
meniern und den Georgiern werden durch die Legende bis 
in das apostolische Zeitalter hinaufgerückt. Die offizielle 



12 Die historischen Entwicklungsbedingungen. 

Bekehrung Armeniens erscheint in der Überlieferung als das 
Werk des hl. Grigor (Gregorios) des „Erleuchters", der auf 
griechischem Boden in dem kappadokischen Kaisareia die 
bischöfliche Weihe erhielt. Doch haben vor und neben 
ihm syrische Glaubensboten an derselben einen hervor- 
ragenden Anteil fjehabt. Die offizielle Bekehrungsgeschichte 
Georgiens ist aufs engste mit der stark sagenhaften Gestalt 
einer hl. Jungfrau Nina oder Theognosta verknüpft, die aus 
Syrien über Armenien in das Gebirgsland des Kaukasus ge- 
kommen wäre, wo aus Konstantinopel berufene Geistliche 
das von ihr begonnene Missionswerk vollendet hätten. Die 
Häupter der beiden nördlichen Nationalkirchen führten 
seit alters gleichfalls den Titel eines Katholikos. 

Inzwischen hatten auch innerhalb der römischen 
Reichsgrenzen immer entschiedener gerade die nicht 
griechisch redenden breiten Bevölkerungsmassen der 
Ostprovinzen sich dem Christentum zugewandt. Das 
aramäische Kirchengebiet erw^eiterte sich dadurch nach 
Westen, wie durch die persische Missionstätigkeit nach 
Osten zu, und seit die Bauern- und Handwerkerkreise 
des Nillandes sich in Menge zum Glauben an den Ge- 
kreuzigten bekannten, trat dem griechischen Kirchen- 
tum Alexandreias ein national-ägyptisches zur Seite, 
für dessen Entwicklung der äußerste Süden Ägyptens, 
die alte Thebais, das Sä^id der späteren arabischen 
Geographen, die nämliche Bedeutung gewann, welche 
für diejenige des national-aramäischen der Adiabene und 
Osrhoene zukam. 

Eine werbende Kraft hatdieseskoptische Christen- 
tum allerdings höchstens bei dem nubischen Volkstum 
des unmittelbar benachbarten Sudans bekundet. Im 
übrigen sind auch nach Süden zu die wesentlichen Er- 
oberungen für das Christentum durch Sendboten, sei es 
der griechisch, sei es der aramäisch redenden Elirche 
Syriens gemacht worden. Es waren zunächst nicht 



Die Ausbreitung des Christentums im Orient. 13 

wenige Stämme Arabiens, welche dasselbe von dieser 
Seite her empfingen. Das Fürstentum der Gassän am 
nordwestlichen und dasjenige von al-Hira unter den 
Fürsten aus dem Hause der Lachm am nordöstlichen 
Rande der arabischen Wüste, im Norden ferner alle 
Qudä^astämme, im Süden die Banü-1-Härit ibn Ka'b 
und ihre Nachbarn haben sich in vorislamischer Zeit 
zu ihm bekannt, und auch im Negrän und im himj ar- 
tischen Reiche, wo freiUch jüdische Propaganda sich 
noch größerer Erfolge erfreute, ist es verbreitet gewesen. 
Vor allem aber wurde es über das Rote Meer hinüber 
auch nach dem altäthiopischen Reiche von Aksüm 
getragen, dessen Bestand durch die Angaben grichischer 
Schriftsteller bereits für das 1. nachchristliche Jahr- 
hundert gesichert wird, während seine Christianisierung 
nach Maßgabe der Inschriften seiner Könige etwa in 
der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts erfolgt sein dürfte. 
Als die ersten Apostel Äthiopiens werden von der Über- 
lieferung Aidesios und Frumentios, die Söhne eines anti- 
ochenischen Kaufmanns Meropios, genannt, von welchen 
der zweite unter dem Namen Abbä Salämä der Begründer 
der einheimischen Hierarchie geworden wäre. Ihre Wirk- 
samkeit soll noch in die Lebenszeit des hl. Athanasios 
gefallen sein. Ein Kreis von ,,neun Heiligen", wohl aus Süd- 
arabien gekommenen syrischen Mönchen, soll wenig später das 
von ihnen Geschaffene endgültig befestigt haben. Von den 
Inschriften dreier aksumi tischer Herrscher des 4. und 5. Jahr- 
hunderts, ^Aizane, Ela-^Amedä undTazenä (?), bekunden erst 
diejenigen des dritten den Übergang von heidnischem zu 
christlichem Glauben. Späterhin hat sich darf aksumitische 
Reich als Schutzmacht auch der südarabischen Christen 
gefühlt. Als der sich zum Judentum bekennende himjari- 
tische Herrscher Dü-Nuwäs ums Jahr 524 in blutigem Re- 
hgionskrieg deren Vernichtung unternahm, ist einer seiner 
Könige, Ela-Asbeha oder Kaleb mit Namen, an der Spitze 
eines starken Heeres nach Arabien übergesetzt, um für die 
Hingemordeten Rache zu üben, den Bedrängten beizustehen. 



14 Die historischen Entwicklungsbedingungen. 

Bis unter die Mauern von Mekka sind in dieser Zeit sieg- 
reiche äthiopische Scharen vorgedrungen. 

2. Hellenismus und Orient. — Vergleicht man die 
Verhältnisse, welche sich bei der Ausbreitung des Christen- 
tums im nichtgriechischen Orient, und diejenigen, welche 
sich bei der Christianisierung der jungen germanischen 
Völkerwelt des Abendlandes ergaben, miteinander, so 
ist ein für die literarische Entwicklung entscheidender 
Gegensatz nicht einen Augenblick zu verkennen. Während 
die abendländischen Missionare überallhin die lateinische 
Bibel und den lateinischen Gottesdienst verbreiteten, 
mit dem Christentum selbst auch die Keime des ein- 
heitlichen christlich-lateinischen Schrifttums verbreitend, 
hat ähnliches im Osten wohl bis zu einem gewissen Grade 
bezüglich des Aramäischen, nicht aber bezüglich des 
Griechischen stattgefunden. Kein einziger Teil des früh- 
christlich-orientalischen Missionsgebietes hat mit dem 
neuen Glauben die Sprache seiner Offenbarungsschriften 
als Grundlage seiner kirchlichen Kultur übernommen. 
Immer wieder ist vielmehr die Übertragung von Bibel 
und Liturgie in die Landessprache diejenige Aufgabe, 
welche sich den Glaubensboten fast unverweilt auf- 
drängt. Diese werden nicht zu Verbreitern eines einzigen 
universalkirchlichen, sondern zu Begründern mannig- 
faltigen kirchlich-nationalen Schrifttums. 

Es wäre verfehlt, hier von einer bewußten, auf irgend- 
welcher Überlegung beruhenden Anwendung verschie- 
dener Missionsmethoden zu reden. Sucht man nach 
einer Erklärung für die Tatsache des ausgesprochen 
völkischen Charakters alles nicht bodenständig griechi- 
schen Christentums im Orient, so wird vielmehr auf eine 
allgemeiue kulturelle Erscheinung zu verweisen sein, die 
in neuerer Zeit besonders durch die kunstgeschichtliche 



Hellenismus und Orient. 15 

Forschung ans Licht gestellt wurde. Es ist dies das 
Wiedererstarken der uralten orientalischen Kulturele- 
mente auf Kosten des hellenistischen. 

Der Vorderorient war durch die unerhörten Waffen- 
erfolge Alexanders d. Gr. einem Prozeß weitgehender 
Hellenisierung erschlossen worden. Griechische 
Sprache und Bildung hielten ihren siegreichen Einzug 
allüberall, wo bisher national-orientalische Eigenart ge- 
herrscht hatte, und verbanden den ganzen Umkreis des 
östlichen Mittelmeerbeckens zu einer einheitlichen helle- 
nistischen Kulturwelt. Aber so recht eigentlich haben 
zu dieser Kulturwelt doch immer nur die Küstenzonen 
gehört. In den Hinterlandsmassen hat alles Griechische 
stets bloß einen dünnen Firnis gebildet, der in die ge- 
waltige Unterschicht des Altorientalischen niemals hin- 
eingedrungen ist. Dies Altorientalische machte sich, je 
länger, um so kraftvoller geltend. Das zurückgedrängte 
aber nicht überwundene drängte wieder vor. Das An- 
wachsen der parthischen und der neupersischen Macht 
mit allen den schweren Kämpfen, welche die römischen 
Waffen gegen den östlichen Feind zu bestehen hatten, 
den Niederlagen, welche sie ihm gegenüber erlitten, ist 
der Ausdruck dieses Vordringens auf dem Gebiete der 
politischen Geschichte. Der religiöse Synkretismus der 
römischen Kaiserzeit, die Umwandlung der Philosophie 
in eine pantheis tische Erlösungsreligion, welche der Neu- 
platonismus vollzog, zeigen, wie sehr auch auf dem Ge- 
biete des Geisteslebens die Bewegung eine rückläufige 
geworden, der Hellenismus seinerseits in einem Prozeß 
der Orientalisierung fortgeschritten war. Neben der 
Summe kunstgeschichtlicher Tatsachen, die der bahn- 
brechende Vertreter der einschlägigen neueren Forschung, 
J. Strzygowski, bündig in dem Schlagworte von „Hellas 



16 Die historischen Entwicklungsbedingungen, 

in des Orients Umarmung" zusammengefaßt hat, muß 
nun auch die Entwicklung der nichtgriechischen christ- 
lichen Literaturen des Ostens als ein Exponent jener 
großen ostwestlichen Reaktionsbewegung gewürdigt wer- 
den, deren Wellengang auch den Samen des Christen- 
tums selbst und innerhalb des Frühchristentums die 
Gedanken der Gnosis, eines Markion und Mani nach dem 
Westen getragen hat. Es könnte in dieser Richtung nichts 
bezeichnender sein als der Umstand, daß wenigstens 
eine jener Literaturen dem christlich-griechischen Schrift- 
tum gegenüber als der gebende, befruchtende Teil er- 
scheint, die altbyzantinische Kirchendichtung sich an 
dem Muster der syrischen gebildet, eine Übersetzung 
älterer syrischer Literaturdenkmäler ins Griechische 
stattgefunden hat. 

Die Hymnendichtung des Romanos (im 6. Jahrhundert) 
zeigt im griechischen Sprachkleide vollkommen die Weise 
des Madhrägä und der Soghithä der aramäisch redenden Syrer. 
— Über die griechischen Übersetzungen von Stücken wie 
dem Dialog „über das Schicksal" und den Thomasakten vgl. 
unten S. 63. 74. Von anderen syrischen Originalen sind Werke 
Aphrems (S. 43), die asketischen Abhandlungen Ishaqs von 
Ninive (S. 71), Legenden wie diejenigen vom hl. Alexios und 
von den „sieben Schläfern" (S. 86 f.), die Akten persischer und 
edessenischer Märtyrer in die griechische Literatur überge- 
gangen. Nochim 1 I.Jahrhundert haben ursprüngliche Pehlewi- 
werke wie Kalilagh und Damnagh oder das Sindbän-Buch 
(S.91f.) ilirenWeg in das byzantinische Schrifttum durch Ver- 
mittelung s5?Tischer Texte genommen. Vereinzelt wurden 
auch koptische und armenische Literaturdenkmäler ins Grie- 
chische übertragen: so Briefe und die Mönchsregel Pachoms 
(S. 117 f.), bzw. das Buch des angeblichen Agathangelos 
(II, S. 88f.). Doch kann von einem koptischen oder arme- 
nischen Einfluß auf das christlich-griechische Schrifttum 
deshalb noch nicht die Rede sein. 

Die orientalische Reaktion gegen den Hellenismus 
ging aber nicht nur von einer uralten, sondern vielfach, 



Hellenismus und Orient. 17 

so namentlich in Ägypten, auch von einer alternden 
Kultur aus. Ihre Kraft war mindestens auf literarischem 
Gebiete verhältnismäßig rasch erschöpft. So hat sich 
denn der christliche Orient einer äußeren Gräzi- 
sierung zwar erwehrt, ist dafür aber nur um so voll- 
kommener dem inneren Einfluß des Griechentums 
unterlegen. Übersetzungen aus dem Griechischen bilden 
in allen seinen Literaturen eine grundlegende Schicht, 
sei es, daß man sich nur die wichtig erscheinenden Stücke 
christlich-griechischer Literatur aneignete, sei es, daß 
man, was seitens der S}Ter und Armenier geschah, auch 
auf das wissenschaftlich- literarische Erbe der Antike 
zurückgriff. Der Umfang dieser Schicht ist in den 
einzelnen Literaturen ein verschiedener. Ihre Bedeu- 
tung ist überall die gleiche. Selbst im aramäischen 
Sprachgebiete ist sie für die literarische Weiterentwick- 
lung im allgemeinen im höheren Grade maßgeblich ge- 
worden als die Schicht ältesten, von griechischen Ein- 
flüssen noch nicht wesentlich bestimmten kirchlichen 
Schrifttums, die ihr hier voranging. 

Für uns ist diese griechisch-orientalische Über- 
setzungsliteratur begreiflicherweise nur da von größe- 
rem Werte, wo durch sie im Original Verlorenes gerettet 
wird. Ihre entwicklungsgeschichtliche Stellung wird aber 
in ein völlig falsches Licht gerückt, wenn man notge- 
drungen sich auf eine möglichst summarische Andeutung 
ihres jeweiligen Bestandes beschränkt, um ungleich ein- 
gehender bei den uns interessanteren Originalschöpfungen 
in der betreffenden Sprache zu verweilen. In ihr hat 
der Hellenismus sich dem Orient gegenüber schließlich 
doch als die stärkere Macht erwiesen, sich für die christ- 
lich-orientalische Welt in einer wesenhaft gleichen Rolle 
behauptet, wie sie Rom für die christlich-abendländische 
Baumstark, Christi. Literatur. I. 2 



18 Die historischen Entwicklungsbedingungen. 

spielt. Während sie ihrer sprachlichen Form nach eine 
Fortsetzung von Altorientalischem darstellt, ist die 
christliche Literatur in aramäischer, koptischer und ara- 
bischer Zunge, ist, soweit und solange sie den christlich- 
kirchlichen Charakter bewahrte, auch die Literatur Arme- 
niens, Georgiens und Abessiniens inhaltlich nicht minder 
als die byzantinische zu einer Fortsetzung des früh- 
christlich-griechischen Schrifttums geworden. 

3. Der christologische Glaubenskampf. — Die inner- 
liche Hellenisierung alles christlich- orientalischen Schrift- 
tums ist eigentümlicherweise gerade durch diejenige 
dogmen- und kirchengeschichtliche Krise mächtig be- 
fördert worden, welche den weitaus größten Teil des 
nichtgriechischen christlichen Ostens äußerlich von der 
griechischen Kirche losriß. Der große christologische 
Glaubenskampf des 5. bis 7. Jahrhunderts hat für die Ent- 
wicklung der christlich- orientalischen Literaturen eine 
derartige Bedeutung gewonnen, daß man bei einer Be- 
schäftigung mit denselben die Hauptdaten seines Ver- 
laufes sich immer gegenw^ärtig zu halten hat. 

Nachdem in den dogmatischen Wirren des 4. Jahr- 
hunderts das Bekenntnis der Wesensgleichheit des Sohnes 
Gottes mit dem Vater, der wahren und zweifellosen Gott- 
heit Christi den verschiedenen arianischen Eichtungen 
gegenüber sich siegreich durchgesetzt hatte, bildete die 
Frage nach dem Wie der Vereinigung von Göttlichem 
und Menschlichem naturgemäß das sozusagen in der 
Luft liegende Problem weiterer dogmatischer Erörte- 
rungen. In ihrer verschiedenen Beantwortung kam der 
tiefgehende Gegensatz zu gewaltsamem Austrag, der 
zwischen den beiden großen Theologenschulen des Ostens, 
den zu rationalistischer Nüchternheit neigenden konser- 
vativen Antiochenern mit ihrer historisch -t}^ologi- 



Der christologische Glaubenskampf. 19 

seilen und den nach immer tiefsinnigerer spekulativer 
Durchdringung der Glaubensgeheimnisse ringenden fort- 
schrittlichen Alexandrinern mit ihrer allegorischen 
Bibelerklärung, bestand. In Antiocheia neigte man zur 
Annahme einer bloß äußerlichen Vereinigung des ewigen 
Gottessohnes mit einem ihm nur als Tempel oder Werk- 
zeug dienenden reinen Menschen Jesus, in Alexandreia 
zu der entgegengesetzten Auffassung von einer möglichst 
innigen Vermählung von Gottheit und Menschheit in 
einem einzigen persönlichen Subjekt. Es bezeichnete 
das Signal zum Ausbruch des offenen Kampfes, als der 
seit 427 auf den Patriarchenstuhl von Konstantinopel 
erhobene S}Ter Nestorios aus Germanikeia am Euphrat 
in folgerichtiger Konsequenz der antiochenischen An- 
schauung mit Entschiedenheit die Bezeichnung Marias 
als ,,Gottesgebärerin" ablehnte. Ihm ist Kyrillos von 
Alexandreia entgegengetreten, und im Jahre 431 hat das 
dritte allgemeine Konzil von Ephesos die von Nestorios 
vertretene Lehre verurteilt. Aber im östlichen Syrien 
blieben ihre Anhänger zahlreich. Von Edessa ging eine 
Bewegung aus, in welcher die theologische Fronde gegen 
die ephesinischen Beschlüsse durch den nationalen Gegen- 
satz des aramäischen Kirchentums gegen das griechische 
verstärkt wurde und deren Endergebnis die Umwand- 
lung der persischen Eeichskirche in eine nestorianische 
Sonderkirche von national-aramäischem Gepräge ge- 
wesen ist. 

Bischof von Edessa war beim Ausbruch der Wirren Rab- 
bülä (412 — 435), der anfänglich eine schwankende Haltung 
einnahm, sich jedoch entschlossen, auf den Boden der ephe- 
sinischen Entscheidung stellte, nachdem Kyrillos in der For- 
mulierung der alexandrinischen Lehre Zugeständnisse ge- 
macht hatte. Mit seinem Tode kam die nestorianisch gesinnte 
Richtung obenauf. Ihre Hochburg war die,, Schule der Perser", 

2* 



20 Die historischen Entwicklungsbedingungen. 

welche das geistige Zentrum nicht nur der edessenischen 
Kirche selbst, sondern der gesamten ostaramäischen Christen 
heit bildete. Nachdem schon im Jahre 457 eine erste staat- 
liche Maßregelung hervorragender Lehrer derselben diese 
über die nahe persische Grenze getrieben hatte, erfolgte im 
Jahre 489 ihre vollständige Unterdrückung durch einen Erlaß 
Kaiser Zenons, und auch der Rest derjenigen, welche an ihr 
die antiochenische Theologie vertreten hatten, suchte ein 
neues Wirkungsfeld im Sassanidenreiche. Bar Saumä, einer 
schon der früheren Emigranten, ist hier als Bischof von Nisibis 
der entscheidende Vorkämpfer des nestorianischen Gedankens 
geworden, dessen wissenschaftlicher Vertretung er in der be- 
rühmten theologischen Hochschule seiner Bischofsstadt eine 
neue Heimstätte schuf. Die persische Staatsgewalt begün- 
stigte aus politischen Gründen die Orientierung des Bekennt- 
nisses ihrer christlichen Untertanen in einer Richtung, welche 
auf römischem Gebiete verfemt war. Der Katholikos Aqäq 
(Akakios) (485 — 495), ein ehemaliger Studiengenosse Bar 
Saumäs an der Perserschule, sah sich zwar durch diesen wie 
schon sein Vorgänger in offener Auflehnung bekämpft, teilte 
aber seinen dogmatischen Standpunkt, so daß ein von ihm 
im Jahre 486 zu Seleukeia versammeltes Konzil als die Be- 
siegelung der Nestorianisierung ihrer Lehre betrachtet werden 
muß, vermöge deren die offizielle persische Kirche tatsäch- 
lich, wenn auch geräuschlos, ihren Zusammenhang mit der 
Christenheit des römischen Reiches löste. 

Die in Ephesos siegreich gebliebene Lehre von einer 
denkbar innigsten Vereinigung der Gottheit und der 
Menschheit in Christus ließ selbst wieder eine doppelte 
Deutung zu. Man konnte diese Vereinigung als eine 
solche zu einer einzigen Person oder als eine solche 
sogar zu einer einzigen gottmenschlichen Natur fassen. 
Die letztere radikale Auffassung vertrat der konstantino- 
politanische Klosterobere Eutyches, der an dem alexan- 
drinischen Patriarchen Dioskuros einen mächtigen Rück- 
halt fand. Das vierte allgemeine Konzil zu Chalkedon 
im Jahre 451 entschied zugunsten der Annahme zweier 
getrennter Naturen in der einen Person Christi. Aber 



Der christologische Glaubenskampf. 21 

diese Entscheidung stieß auf eine noch ungleich stärkere 
Opposition, als die ephesinische gefunden hatte. Die 
Hauptherde derselben waren Ägypten und das westliche 
Syrien. Die byzantinische Staatsgewalt stellte sich 
mehrfach auf die Seite der monophysitischen, d. h. 
Einnaturenlehre oder suchte doch eine den Anhängern 
derselben günstigere Vermittlung, um den äußeren Schein 
einer Glaubenseinheit des römischen Reiches zu retten. 
Am zähesten wurde ein solcher Vermittlungsversuch auf 
Grund des sogenannten Henotikons Zenons in den Jahren 
482 — 519 durchgeführt. Am Ende dieses Zeitraumes 
steht (512 — 519) die kurze Regierung des monophysi- 
tischen Patriarchen Severus von Antiocheia (f 538), 
dessen Lehre zum verpflichtenden Bekenntnis zunächst 
einer zweiten national-aramäischen Sonderkirche Syriens, 
derjenigen der sog. Jakobiten, geworden ist. 

Schon im 5. Jahrhundert hatte der Monophysitismus sich 
weit im aramäischen Sprachgebiete, ja sogar bis nach dem 
Perserreiche verbreitet, wo die Tätigkeit Bar Saumäs sich in 
erster Linie gegen seine Propaganda richtete. Die Zeit 
des Severus bezeichnete seinen vollständigen Sieg in dem rö- 
mischen Anteil jenes Sprachgebietes. Jahrzehntelang einer 
hierarchischen Organisation beraubt, durften seine Bekenner 
sich alsdann wieder offen zusammenschließen, als der ara- 
bische Gassänidenfürst Härit ihn Jaballäh im Jahre 542/543 
vom byzantinischen Kaiserhofe die Erlaubnis zur Weihe 
zweier monophysitischer Diasporabischöfe mit den Titular- 
sitzen vonBosra undEdessa, eines Theodoros und desJa'qübh 
Bürde 'änä, erwirkte. Der letztere (f 578) ist durch eine rast- 
lose Agitations- und Organisationstätigkeit zunächst im rö- 
mischen Syrien der Begründer der denn auch nach ihm ge- 
nannten jakobitischen Monophysitenkirche aramä- 
ischer Zunge geworden. Die monophysitische Propaganda 
auch im Sassanidenreiche hat schon sein Zeitgenosse Ahü- 
dheemmeh wieder aufgenommen. Aber erst im folgenden 
Jahrhundert hat der Erzbischof Märüthä von Taghrith am 
unteren Tigris (1 649) die hierarchische Organisation des 



22 Die historischen Entwicklungsbedingungen. 

sevexianischen Monophysitismus in diesem ferneren Osten 
vollendet. Seine Nachfolger führten als Oberbischöfe eines 
großen orientalischen Missionsgebietes des Einnaturen- 
bekenntnisses den Titel eines Maphrejäna („Frucht- 
bringenden"), während das Gesamtoberhaupt der jakobi- 
tischen Kirche denjenigen eines Patriarchen von Antiocheia 
behauptete. 

Auch in der national-ägyptischen und in der abessi- 
nischen Kirche ist die von Severus vertretene Form des 
monophysitischen Bekenntnisses zur Glaubensnorm ge- 
worden. Dagegen hat die armenische und mit ihr ur- 
sprünglich auch die georgische Kirche sich einer anderen 
Form desselben zugewandt, welche ein Zeitgenosse des 
Severus, Julianos von Haiikarnassos, ihm gegenüber ver- 
fochten hatte, indem er die von dem Antiochener ge- 
lehrte wesenhafte und notwendige Unterwerfung des 
noch nicht verklärten Christus unter alle nicht sünd- 
hafte Schwäche gemeiner Menschlichkeit leugnete. 

In Alexandreia geht die zusammenhängende Reihe mono- 
physitischer Patriarchen, welche von der koptisch redenden 
Christenheit Oberäg3rptens als die rechtmäßigen Träger der 
kirchlichen Obergewalt betrachtet wurden, bis auf Timotheos 
mit dem Beinamen Ailuros („Kater") zurück, der im Jahre 
457 durch eine blutige Volkserhebung zur höchsten geist- 
lichen Würde geführt worden war. Die Ersetzung des Grie- 
chischen durch das Koptische als offizielle Sprache der mono- 
physitischen Landeskirche auch in Unterägypten ist erst 
nachträglich erfolgt und zum Abschluß wohl kaum vor der 
mohammedanischen Eroberung gelangt. Auf Abessinien soll 
wenigstens mittelbar die Wirksamkeit Ja'qübh Bürde^änäs 
sich erstreckt haben, und erst weit später wurde hier der 
kirchliche Einfluß des syrischen durch denjenigen des kop- 
tischen Monophysitismus bis zu dem Grade abgelöst, daß das 
Oberhaupt der äthiopischen Kirche jeweils vom koptischen 
Patriarchen ernannt wurde. Die armenische Kirche hat ur- 
sprünglich in einem ähnlichen Abhängigkeitsverhältnisse von 
Kaisareia gestanden. Eine Bewegung in der Richtung auf 
eine Lösung dieses Verhältnisses und die Herstellung einer 



Der christolügische Glaubens kämpf. 23 

möglichst vollkommenen kirchlichen Unabhängigkeit Ar- 
meniens machte sich schon seit der Regierungszeit des Königs 
Pap (369 — 374) geltend, ohne daß es jedoch vorerst zu einem 
radikalen Bruche mit dem katholischen Einheitsprinzip ge- 
kommen wäre. Erst ein Konzil, welches der KathoUkos 
Babken im Jahre 505/06 zu Dwin versammelte, nahm, wohl 
unter dem Einfluß des Zenonischen Henotikons, in mono- 
physitischem Sinne Stellung, während ein Schreiben des Ka- 
tholikos Nerses II. (548/49 — 556/57) erstmals unter gleich- 
zeitiger ausdrückhcher Verwerfung der Lehi'en des Nestorios, 
des Severus und des Konzils von Chalkedon sich tatsächlich 
speziell zu derjenigen des nicht mit Namen genannten Juhanos 
bekennt. Zu der armenischen stand in den engsten Bezie- 
hungen, wie von Haus aus die georgische, so auch eine julia- 
nistische Syrerkirche, die unter einem eigenen Patriarchen bis 
über das letzte Viertel des 8. Jahrhunderts fortbestand, in 
welchem ohne endgültigen Erfolg eine Union zwischen ihr und 
der jakobitischen angebahnt wurde. Doch sind Denkmäler 
eines literarischen Lebens bei diesen syrischen Julianisten bis- 
lang nicht nachzuweisen. 

Das letzte Auszittern des christologischen Glaubens- 
kampfes bezeichnet der im ersten Viertel des 7. Jahr- 
hunderts entbrannte Streit um die Zahl der bei Christus 
anzunehmenden Willen und Wirksamkeiten, der auf dem 
sechsten allgemeinen Konzil zu Konstantinopel im Jahre 
680 durch die Verurteilung der monotheletischen Lehre 
von einer einzigen und in einem einzigen Willen wurzeln- 
den gottmenschlichen Wirksamkeit entschieden wurde. 
Aus der Opposition gegen diese Entscheidung ist die 
jüngste der aramäischen Sonderkirchen, diejenige der 
ursprünglich monotheletischen Maroniten des Libanon- 
gebietes hervorgegangen, während der Name der Mel- 
kiten (,, Königlichen"), zuerst in geringschätzigem Tone 
von den konfessionellen Gegnern gebraucht, die der 
byzantinischen Orthodoxie in Ägypten und Syrien noch 
verbliebenen Anhänger bezeichnet. Zu dieser Orthodoxie 
zurückgekehrt ist schließlich die georgische Kirche, in- 



24 I^ie historischen Entwicklungsbedingungen. 

dem sie seit dem Ende de 5 6. Jahrhunderts von der 
armenischen Schwesterkirche abrückte, die um 608/09 
sie als des Abfalls vom ,, alten Glauben der Väter" 
schuldig verdammte, und dafür unter feierlicher An- 
erkennung der dogmatischen Beschlüsse von Chalkedon 
den festesten Anschluß an Konstantinopel suchte. 

4. Die Bedeutung des Mönchtums. — Ursprünglich 
ein nationaler Ausdruck des kulturellen und Rassen- 
gegensatzes, in welchem sich auch der christianisierte 
Orient dem Griechentum gegenüber fühlte, sind die 
christlich -orientalischen Literaturen im Gefolge der viel- 
gestaltigen religiösen Spaltung des Ostens zu wesenhaften 
Kirchenliteraturen verschiedener sich freundlich oder 
feindselig gegenüberstehender Konfessionen geworden, 
welche ihre hauptsächlichsten Lebenskräfte aus be- 
stimmten Schichten der literarischen Hinterlassenschaft 
griechischen Geistes schöpften. Die führende Stellung 
in allen in Betracht kommenden Konfessionen nahm 
aber das Mönchtum ein. Die maßgeblichen Pflege- 
stätten des literarischen wie des geistigen Lebens über- 
haupt in ihnen waren die Klöster. 

Es genügt, sich an die Bedeutung der Askese im brah- 
manischen Indien, an die Stellung des Mönchtums im Bud- 
dhismus und an die Selbstpeinigungen persischer Fakirs zu 
erinnern, um in der zeitgeschichtlich bestimmten Form, 
welche der Gedanke der Weltentsagung im frühchristlichen 
Asketentum mit seinen oft so bizarren Einzelerscheinungen 
annahm, ein echt Orientalisches zu erkennen, dessen Ver- 
breitung nach dem Westen zu den bezeichnendsten Symp- 
tomen der großen ostwestlichen Kulturbewegung der Spät- 
antike und des Frühmittelalters gehört. Die Durchdringung 
alles christlich-orientalischen Lebens durch den mönchischen 
Geist war demgemäß eine innere Notwendigkeit. Am schroff- 
sten kommt dabei ihr Charakter als Mönchskirche bei der 
national-ägjrptischen Kirche zur Geltung. An der Kloster- 



Die Bedeutung des Mönchtums. 25 

weit der Thebais, in welcher der hl. Pachom (f 346) den ent- 
scheidenden Schritt vom reinen Einsiedlertum zu einer ge- 
nossenschaftlichen Organisation der Weltflucht getan hat, und 
an derjenigen der unterägyp tischen Natronwüste nannte sie 
die beiden Hauptzentren ältesten christlichen Mönchslebens 
ihr eigen. Eine syrische Enklave in der letzteren, das jako- 
bitische Gottesmutterkloster der ,,Skete", hat durch ihre 
beispielsweise im Jahre 932 vom Abt Mose aus Nisibis um 
wertvolle Erwerbungen bereicherte Bibliothek für die Er- 
haltung älterer syrischer Literaturdenkmäler eine einzig- 
artige Bedeutung gewonnen. Das palästinensische Mönch- 
tum, als dessen führende Heroen die hl. Chariton (im 4. Jahr- 
hundert), Euthymios (f 473), Sabas (| 532) und Theodosios 
der „Koinobiarch" (f 529) erscheinen, hat eine hervor- 
ragende Rolle vor allem im Zeitalter der älteren monophy- 
sitischen Bewegung und bei der Begründung eines melki- 
tischen Schrifttums in arabischer Sprache gespielt, an welcher 
namentlich die im Jahre 492 von Sabas gegründete ,, große 
Laura", das noch heute seinen Namen tragende Kloster 
Mär Säbä, zwischen Jerusalem und dem Toten Meer, in erster 
Linie beteiligt gewesen zu sein scheint. Im ostaramäischen 
Gebiete soll ein Ägypter, der hl. Eugenios, schon im 4. Jahr- 
hundert das Mönchtum eingeführt haben. Sein wichtigstes 
monastisches Zentrum ist das Gebirge Izlä nördlich von Nisi- 
bis geworden, wegen der Menge seiner klösterlichen Nieder- 
lassungen in der Folgezeit Tür Abdin (,, Gottesknechteberg") 
genannt. Aber zahlreiche, teils nestorianische, teils jakobi- 
tische Klöster bedeckten daneben alle seine Teile mit ihrem 
dichten Netze. Besonders hat sich die monophysitische Propa- 
ganda auch hier im Osten auf das Mönchtum gestützt. Ein 
Bollwerk derselben ist seit alters das Matthäuskloster nord- 
östlich von Mossul gewesen. Einen überragenden Rang als 
Pflegestätte armenischer Bildung hat beispielsweise das 
Kloster Narek in der Provinz Waspurakan eingenommen. 
Die georgische Kirche besaß ihrem späteren ,, orthodoxen" 
Charakter entsprechend vor allem eine Niederlassung auf 
dem ,, heiligen Berge" Athos, das Kloster Iviron („der Iberer"), 
das noch heute an seine ursprünghchen Bewohner durch 
seinen bloßen Namen erinnert und an dem Kloster des hl. 
Kreuzes bei Jerusalem eine kulturell nicht minder wichtige 
monastische Kolonie auf dem Boden Palästinas. In Abessinien 



26 Die historischen Entwicklungsbedingungen. 

wurde noch im 14. Jahrhundert ein Ewostätewos (Eusta- 
thios) der Stifter eines gewaltigen, nach ihm genannten 
Mönchsordens. 

Man wird der Eigenart christlich - orientalischen 
Schrifttums nur dann gerecht, wenn man bei seiner 
Würdigung sich auf den Standpunkt mönchisch-kirch- 
licher Interessen stellt, wie sie für seine Entwicklung 
maßgebend waren. Echt volkstümliche Art ist hier nur 
ein Mitläufer, der sich hin und wieder einmal aus der 
Ecke hervorwagt, in die er gedrängt ist. Nicht aus dem 
Herzen des Volkes heraus für das Volk, sondern in der 
Klosterzelle für die Klosterzelle wird geschrieben. Das 
Theologische steht beherrschend im Mittelpunkte, und 
das Erbauliche nimmt wieder innerhalb der theologischen 
Literatur den breitesten Raum ein: Asketisches, die 
hagiographische Erzählung verschiedenster Art, insbe- 
sondere die Mönchsgeschichte. Die Poesie dient ent- 
weder zur Verherrlichung des Gottesdienstes, oder sie 
wird als bloße Form zur Behandlung prosaischer Gegen- 
stände mißbraucht. Die Bibel liefert Grundlage und 
Maßstab für alles. Liturgie und Kirchenrecht erfordern 
eine besonders aufmerksame Beachtung, das letztere zu- 
mal auch deshalb, w^eil es infolge der Ausdehnung der 
bischöflichen Gerichtsbarkeit auf die weltliche Rechts- 
sphäre das bürgerliche Recht mit umfaßt. Für die Ge- 
schichtsschreibung liegt der Hauptnachdruck auf dem 
Kirchengeschichtlichen, und die Grenze nach der Legende 
zu ist eine so verschwimmende, daß fromme Romane 
als Fundamentalwerke historischer Literatur empfunden 
werden können. Soweit eine Pflege weltlicher Wissen- 
schaft stattfindet, ist auch sie ausschließlich Sache- geist- 
licher Kreise, vor allem der Klöster selbst. 

Nun treten freilich diese Züge nicht überall gleich- 



Das Verhältnis zum Islam. 27 

mäßig auf. Nur wo die Kirche zugleich den Staat er- 
setzt, die Konfession alles geworden ist, weil das Schick- 
sal der Nation ihre politische Selbstverwirklichung ver- 
sagt hat, wie bei Syrern und Kopten, zeigt das christlich- 
orientalische Schrifttum seine eigenste Physiognomie. 
Wo, wie in Georgien, Abessinien und in den glücklichen 
Perioden der armenischen Geschichte, das literarische 
Leben sich nicht nur im Rahmen einer Kirche, sondern 
in demjenigen eines nationalen Staatswesens vollzieht, 
ist sein mönchisch-kirchlicher Charakter naturgemäß ein 
weniger ausschließlicher. Einzelne Könige und Große 
des Staates nehmen an ihm tätigen Anteil. Die Dar- 
stellung der Profangeschichte tritt auf Kosten der 
Kirchengeschichte in den Vordergrund. Selbst eine 
weltliche Poesie wird möglich, und allmählich bahnt sich 
der Übergang zur Entwicklung eines nationalen Schrift- 
tums an, das den Namen eines spezifisch christlichen 
nicht mehr verdient. Den modernen Menschen mag 
gerade derartiges am meisten anziehen, aber im Gesamt- 
rahmen der literarischen Entwicklung des christlichen 
Orients stellt es nicht ein Höhenziel dar, demgegenüber 
ein vorangehendes kirchliches Schrifttum als bloße Vor- 
bereitung zu betrachten wäre, sondern eine Grenzmarke, 
an welcher von dem Alten, dessen Behandlung der vor- 
liegende Umriß gewidmet ist, ein wesenhaft andersartiges, 
anders zu beurteilendes und zu bewertendes Neue sich 
zu scheiden beginnt. 

5. Das Verhältnis zum Islam. — Die denkbar ein- 
schneidendste Bedeutung wie für die allgemeine, so auch 
für die literarische Entwicklung des orientalischen 
Christentums hat das Eintreten des Islams in die Ge- 
schichte gewonnen. Die mohammedanische Eroberung 
ließ auf den Trümmern der römischen und persischen 



23 Die historischen Entwicklungsbedingungen. 

Herrschaft eine neue einheitliche Kulturwelt mit ara- 
bischer Sprache und einem starken Einschlag persischen 
Geistes erstehen, der sich die verschiedenen christlichen 
Volkskörper und Eeligionsparteien, soweit nicht der Ab- 
fall zum Glauben der neuen Machthaber ihre Eeihen 
lichtete, als geduldete Elemente eingefügt sahen. Nur 
Georgien und Abessinien haben sich als selbständige 
Enklaven christlicher Kultur unter dem Schutze eines 
nationalen Königtums dauernd zu erhalten vermocht. 

Die endgültige Formation der durch den Verlauf des 
christologischen Glaubenskampfes bedingten Verhältnisse 
des orientalischen Christentums durch die Vollendung der 
jakobitischen Hierarchie im ferneren Osten, den Übergang 
der unterägyptischen Monophysiten zur koptischen Kirchen- 
sprache, den Anschluß Georgiens an die byzantinische Ortho- 
doxie und die Entstehung der maronitischen Kirche fällt 
zeitlich ungefähr mit der großen welthistorischen Bewegung 
zusammen, welche für den Vorderorient die gewaltigste Um- 
wälzung seit dem Alexanderzuge bezeichnete. In den Jahren 
634 — 638 erfolgte die arabische Eroberung des römischen 
Syriens, 641 wurde diejenige Ägyptens durch die Einnahme 
Alexandreias besiegelt, 651 starb als Besiegter und Ent- 
thronter der letzte Sassanide Jezdegerd III. und ein Jahrzehnt 
später kam mit dem Untergange des vierten Kalifen AH die 
stürmische Frühperiode der mohammedanischen Geschichte 
zum Abschluß. Die nun anschließende Herrschaft der Omaj- 
jaden von Damaskus bezeichnet die Grundlegung der neuen 
Kultur. Ihre Vollendung erfolgte aber erst unter den Abba- 
siden von Bagdad (seit 751). Namentlich gewann die Re- 
gierung der Kalifen al-Mansür (754 — 775) und al-Ma'mün 
(813 — 833) entscheidende Bedeutung für die Übernahme des 
Erbes griechischer Philosophie und Wissenschaft. 

Auch Georgien wurde im 7. Jahrhundert von der 
Sturzwelle der mohammedanischen Eroberung wie später im 
13. von derjenigen der mongolischen Invasion vorüber- 
gehend bedeckt. Doch erhob sich das einheimische König- 
tum immer wieder, bis im Jahre 1424 eine Reichsteilung in 
die drei Herrschaften von Kharthlien, Kachethien und 
Imerethien stattfand und zu Anfang des 19. Jahrhunderts das 



Das Verhältnis zum Islam. 29 

ganze Land dem russischen Reiche einverleibt wurde. A b e s - 
s i n i e n , durch die schwertgewaltige Ausbreitung des 
Islam von jedem Zusammenhange mit sonstiger christlicher 
Kultur abgeschnitten, versank in einem Dunkel der Ge- 
schichtslosigkeit, aus dem es erst wieder heraustrat, als im 
Jahre 1270 ein sich von Salomon und der Königin von Saba 
herleitendes Herrschergeschlecht mit Jeküno Amlak an die 
Stelle der vorangehenden Dynastie der Zägue trat. Anderer- 
seits hat auch das armenische Volk, dessen altes arsakidisches 
Königtum nach einer um 387 erfolgten Teilung Arme- 
niens zwischen Römern und Persern im persischen An- 
teile nur noch ein Schattendasein bis zum Jahre 428 gefristet 
hatte, unter den Herrschern aus dem Hause der Bagratiden 
von 885 — 1045 eine staatliche Selbständigkeit im Schatten 
erst des Kalifen-, dann des byzantinischen Reiches erlangt, 
und noch später hat in Kilikien ein kleinarmenisches Reich 
unter den Dynastien der Rubeniden (1080 — 1342) und der 
Lusignans (1342 — 1375) bestanden, bis es der Macht der ägyp- 
tischen Mamlukensultane erlag. 

Von vornherein war innerhalb des jungen Kalifen- 
reiches den arabischen Eroberern gegenüber das christ- 
liche Bevölkerungselement in seinen verschiedenen natio- 
nalen und konfessionellen Schattierungen das kulturell 
überlegene. Ihm fiel die Aufgabe zu, jenen das Geistes- 
erbe der Antike zu vermitteln, das die Grundlage ihrer 
Profanwissenschaft werden sollte. Es ist das Verdienst 
vor allem aramäischer Christen ohne Unterschied des 
Bekenntnisses, diese Aufgabe erfüllt zu haben. Aber 
die Lehrer von gestern waren auch schon die Schüler 
von morgen. Die mit Mohammedanern untermischt 
wohnenden Christen konnten nicht umhin, die allgemeine 
arabische Umgangssprache anzunehmen. Das Aramä- 
ische wurde wesentlich, das Koptische vollständig zur 
toten Liturgie- und Gelehrtensprache, bis letzteres voll- 
ständig ausstarb, während ersteres in verschiedenen 
Volksdialekten sich bis auf die Gegenwart vereinzelt 
lebendig erhalten hat. Rasch entwickelte sich eine um- 



30 Die historischen Entwickhmgsbedingungen. 

fangreiche christlich-arabische Literatur, an welcher nun 
auch die Melkiten eifrig Anteil nahmen, deren Zusammen- 
hang mit Konstantinopel die Losreißung Westsyriens 
und Ägyptens vom byzantinischen Reiche so weit lockerte 
daß sie in Syrien selbst als Sprache des Gottesdienstes 
das als solche bisher festgehaltene Griechische mit dem 
Aramäischen oder dem Arabischen vertauschten. Die 
Hochblüte dieses jüngsten Zweiges christlich- orienta- 
lischen Schrifttums fällt in das 12. — 14. Jahrhundert, 
in das Zeitalter, in welchem der mongolische Völkerstrom 
sich über den Vorderorient dahinwälzte und vor ihm 
Stück für Stück die Herrlichkeit des Kalifats zusammen- 
brach, bis eine türkische Welt an Stelle der arabischen 
getreten war. Auch ein mächtiges Wiederaufblühen der 
syrischen und der armenischen, ja selbst ein letzter Ver- 
such zur Wiederbelebung der koptischen Literatur ist 
für dieses Zeitalter bezeichnend, das somit geradezu 
als ein solches einer umfassenden christlich-orien- 
talischen Renaissance erscheint, die vielfach von 
der mohammedanisch-arabischen Kultur und Literatur 
in ähnlichem Grade abhängig ist, wie die ältere christlich- 
orientalische es von der griechischen gewesen war. 

Greifbar deutlich ist besonders der vorbildliche Einfluß, 
welchen der systematische und enzyklopädische Zug der 
islamischen Wissenschaft auf die christliche Literatur aus- 
geübt hat. Auch dienten wissenschaftliche Werke moham- 
medanischer Autoren inhaltlich als Quelle oder wurden ge- 
egentlich sogar geradezu aus dem Arabischen ins Syrische 
übersetzt. Selbst ein Einfluß persischer bzw. persisch-ara- 
bischer Poesie ist bei Georgiern, Armeniern und einem sy- 
rischen Nestorianer CAbhdigo" bar Berikhä) nicht zu ver- 
kennen. (Vgl. S. 105; II, S. 98 f., 107 ff.) Schon früher waren 
Stücke der ünterhaltungsliteratur aus dem Arabischen ins 
Syrische übersetzt worden. (Vgl. S. 91 f.) 

Es scheint, als habe sich in der Zeit der Mongolen- 



Die Beziehungen zum Abendland. 31 

stürme wenigstens bei führenden christlichen Geistern 
die Hoffnung geregt, daß auch für die religiöse Macht 
des Islams die letzte Stunde geschlagen habe und daß 
es möglich sein werde, die rohen ostasiatischen Sieger 
statt für ihn für das Christentum zu gewinnen. Ein 
derartiges Hoffen hat bitter getäuscht. Mit der festen 
Begründung der Türkenherrschaft beginnt der grausame 
Vernichtungskampf, den ein von der wesentlichen Tole- 
ranz der arabischen Zeit traurig abstechender mohamme- 
danischer Fanatismus immer wieder gegen orientalisches 
Christentum unternimmt. Während Kirchen und Klöster, 
vom Pöbel geplündert, ein Raub der Flammen wurden 
und die Christenmetzeleien ihre Opfer nach Tausenden 
zu fordern begannen, mußte auch das christlich-orien- 
talische Schrifttum verkümmern. Das 15. und 16. Jahr- 
hundert bezeichnen, soweit die alten kirchlichen Litera- 
turen in Frage kommen, die Epoche seines endgültigen 
Verfalles. Nur die jüngere äthiopische Literatur hat 
als Tochter der christlich-arabischen gerade jetzt erst 
ihre Blütezeit erlebt. 

6. Die Beziehungen zum Abendland. — Was außer- 
halb Abessiniens seit dem 17. Jahrhundert orientalische 
Christen an literarischer Tätigkeit entfaltet haben, steht 
fast ausschließlich im Zeichen einer bestimmenden Be- 
einflussung durch die abendländische Kultur. Mit dieser 
ist die christlich-orientalische allerdings nicht erst in 
dieser Spätzeit in Berührung gekommen. Schon das 
Zeitalter der Kreuzzüge hat kulturellen Einflüssen des 
Abendlandes auf die nichtgriechische Christenheit des 
Ostens eine breite Einfallstraße eröffnet und zu einer, 
wenn auch meist nur vorübergehenden Union einzelner 
ihrer Zweige mit der katholischen Kirche desselben 
geführt. 



32 Die historischen Entwicklungsbedingungen. 

Bereits auf einer Ostersynode im Jahre 1140 waren zu 
Jerusalem um den päpstlichen Kardinallegaten Alberich von 
Ostia mit den Vertretern der neuen lateinischen Hierarchie 
solche der Armenier und der Jakobiten versammelt, und min- 
destens letztere haben sich damals unumwunden zum ka- 
tholischen Glauben bekannt.. Im Jahre 1182 erfolgte die 
erstmalige Union der Maroniten, die, von geringen Schwan- 
kungen abgesehen, seitdem die einzigen unentwegt treuen 
Anhänger Roms im Orient geblieben sind. Papst Honorius III. 
(1216 — 1227) hat eine den päpstlichen Primat anerkennende 
Gesandtschaft Georgiens empfangen. Im Jahre 1239 ist der 
spätere nestorianische Katholikus Jabhallähä III. als Gesandter 
eines Mongolenfürsten in Rom erschienen und zur gottes- 
dienstlichen Gemeinschaft zugelassen worden. Maßgebend 
wurde der abendländische Einfluß aber vor allem in dem 
kiUkischen Armenierreiche, seit dessen Fürsten Lewon II. im 
Jahre 1198 vom Papste die Königskrone verliehen und unter 
völligem Bruch mit bisher zur Geltung gekommenen Be- 
strebungen in der Richtung auf eine Union mit den Griechen 
diejenige mit der Kirche des Abendlandes proklamiert worden 
war. Neben Minoriten haben namentlich Dominikaner als 
Pioniere des KathoUzismus hier gewirkt, und einer der letzteren, 
Bartholomäus aus Bologna (f 1333), hat im 14. Jahrhundert 
unter dem Namen der Unitoren einen eigenen Zweig seines 
Ordens zur Missionstätigkeit unter den Armeniern und Geor- 
giern gestiftet. 

Eine neue Etappe noch umfassenderer katholischer 
Unionsbemühungen bezeichnet das allgemeine Kon- 
zil von Florenz im Jahre 1438. Eine Spaltung der arme- 
nischen Nation und Kultur in einen unierten und den 
altgläubig monophysitischen Zweig hat seit demselben 
dauernden Bestand gehabt. Erst allmählich ist dagegen 
eine entsprechende Spaltung auch innerhalb der Haupt- 
masse des aramäischen Christentums eingetreten. 

Ein Streit über die Nachfolge in der erblich gewordenen 
Würde des nestorianischen Katholikos führte im Jahre 1551 
zur Bildung einer unierten Kirche, welche sich den Namen 
einer chaldäischen beilegte, deren Patriarchat aber, nach 
einem vorübergehenden xA.bfalle im Jahre 1681 wieder her- 



Die Beziehungen zum Abendland. 33 

gestellt, eine wirkliche Bedeutung erst seit 1778 gewann. Die 
von den Portugiesen sog. „Thomaschristen" der Malabar- 
küste vollzogen unter Abschwörung des Nestorianismus auf 
einer Synode zu Diamper im Jahre 1599 eine vollständige 
Union, gingen aber nachmals teilweise zum jakobitischen 
Bekenntnisse über. Der jakobitischen Kirche selbst steht 
seit 1781 das unierte Patriarchat der ,, Syrer des reinen 
Ritus" oder ,,von Antiocheia" gegenüber, das aus einer 
seit 1546 bestehenden unier ten Gemeinde von Aleppo her- 
vorging. 

Im 17. Jahrhundert war es einerseits Georgien, das 
durch die Wirksamkeit von Theatinerchorherrn und 
Kapuzinermönchen, welche hier für den Katholizismus 
die bedeutendsten, ihm erst durch den russischen Ein- 
fluß wieder entrissenen Eroberungen machten, der abend- 
ländischen Kultur erschlossen und einer modernen Ent- 
wicklung seines Volkslebens und seiner Literatur ent- 
gegengeführt wurde. Andererseits gelang es den Jesuiten, 
welche schon im Jahre 1555 erstmals den Fuß in das 
damals eng mit Portugal in Beziehung stehende Abessi- 
nien setzten, im Jahre 1626 unter König Süsnejos (1607 
bis 1632) eine formelle Union durchzusetzen, die aber 
schon durch dessen Nachfolger Fäsiladas (1632 — 1667) 
wieder aufgehoben wurde, wobei eine grausame Ver- 
folgung und gänzliche Austreibung der katholischen 
Missionare den Sieg der altgläubigen Monophysiten- 
partei sicherstellte. Das literarische Leben der unierten 
Armenier endlich nahm einen mächtigen Aufschwung 
durch die im Jahre 1701 zu Konstantinopel gegründete 
Ordenskongregation der Mechitharisten, die seit 1716 
auf der venetianischen Insel San Lazzaro ihr Mutter- 
kloster und auch in Wien eine bedeutende Niederlassung 
besitzt. 

Dem katholischen folgte der protestantische und 
der Einfluß der modernen interkonfessionellen 

Baumstark, Christi. Literatur. I. 3 



34 Das christlich-aramäische und koptische Schrifttum. 

Kultur Vordereuropas und Amerikas. Eine vor allem 
von Amerikanern ausgehende protestantische Mission 
begann im 19. Jahrhundert eine bedeutsame Tätigkeit 
unter den Resten der ostsyrischen Christenheit und im 
Libanongebiet zu entfalten. Im letzteren hat sie an der 
im Jahre 1821 begründeten presbyterianischen Missions- 
station von Beirut ein hervorragendes Zentrum geistigen 
und literarischen Lebens geschaffen, dem seit 1875 auf 
katholischer Seite ein noch Größeres leistendes an der 
dortigen St.- Josephs -Universität der Jesuiten gegen- 
übersteht. 

Eine umfangreiche neuarmenische und neugeorgische 
Literatur von durchaus modernem Gepräge, eine emsige 
von Christen für Christen, aber gleichfalls in neuzeit- 
lichem Geiste entwickelte Schriftstellerei in arabischer 
Sprache sind neben Versuchen, auch die dialektischen 
Reste ostaramäischer Volkssprache zu literarischem Ge- 
brauche zu erheben, die bisherigen Früchte der Durch- 
dringung dessen, was vom christlichen Orient übrig ge- 
blieben ist, mit abendländischen Kulturelementen. Sie 
stellen etwas völlig Neuartiges dar, das mit der alten, 
bodenständigen Entwicklung eines spezifisch christlichen 
Schrifttums in keinerlei innerem Zusammenhange mehr 
steht. 



I. Das christlicli - aramäische und das koptische 

Schrifttum. 

Es sind, wie ein Blick auf die Ausbreitung des Christen- 
tums im Orient gelehrt hat, Syrien und Ägypten, 
welche als das doppelte Stammland aller kirchlichen und 
literarischen Entwicklung des nichtgriechischen christ- 



Die christlich-palästinensische Literatur. 35 

liehen Ostens zu gelten haben. Palästina, das mesö- 
potamische Hinterland Antiocheias und das national- 
ägyptische Hinterland Alexandreias, die Wiege des christ- 
lichen Glaubens selbst und die Einflußsphäre der beideti 
neben Kom in der altchristlichen Kirchengeschichte be- 
herrschend hervortretenden Metropolen, sind der Mutter- 
boden eines christlich-morgenländischen Schrifttums ge- 
worden, das sich allem übrigen gegenüber wie durch sein 
Alter, so durch seinen besonders rein kirchlichen Charak- 
ter auszeichnet. Kein politisches Gebilde hat je dem 
christlichen Volkstum, um dessen geistige Lebensäuße- 
rungen es sich hier handelt, schiitzenden und stärkenden 
Rückhalt geboten. Die Kirche ist ihm schlechthin alles 
gewesen. In dieser Tatsache ist die große sachliche Be- 
schränktheit seines literarischen Nachlasses wie der her- 
vorragende Wert begründet, welchen demselben doch 
auch wieder sein dauernder engster Zusammenhang mit 
Altchristlichem verleiht. • ^ 

A. Die christlich^palästinensische Literatur,"' 

Die Sprache, in w^elcher Jesus Christus selbst den 
Umwohnern des Sees von Genezareth die frohe Bot- 
schaft des Gottesreiches verkündete und in welcher nach 
der schon ums Jahr 130 durch Papias von Hierapolis 
bezeugten altchristlichen Tradition der Apostel Matthäus 
den ältesten Bericht über Worte und Taten des Herrn 
aufgezeichnet hat, war der zur Umgangssprache des 
palästinensischen Judentums gewordene westaramä- 
ische Dialekt, den griechisch redende Kreise, ohne ihn 
von der Sprache der alttestamenthchen Offenbarungs- 
schriften zu unterscheiden, geradezu als ,, hebräisch" 
bezeichneten. Wesentlich dieser Dialekt ist auch in der 

3* 



36 Die christlich-palästinensische Literatur. 

Folgezeit bis über die Jahrtausendwende herab von 
Christen literarisch gebraucht worden, und es ist so in 
demselben das allerdings wohl niemals besonders be- 
deutsam gewesene, sogen, christlich - palästinensische 
Schrifttum erwachsen, dessen bekannte Keste, fast aus- 
nahmslos in stark fragmentarischer Gestalt auf uns ge- 
kommen, im Laufe der letzten Jahrzehnte sich ebenso 
ständig als beträchtlich vermehrt haben. 

1. Die geschichtliche Entwicklung. — Die Großkirche 
selbst des eigentlichen Palästina ist seit der letzten jüdi- 
schen Schilderhebung unter Bar Kokhbä (132 — 135) eine 
heidenchristliche und dementsprechend eine griechisch- 
redende gewesen. Für eine literarische Produktion in 
aramäischer Sprache blieb hier zunächst nur in der 
Sphäre eines mehr oder weniger weit von ihr seitab- 
stehenden Judenchristentums ein bescheidener Kaum , 
und wenigstens soviel vermögen wir noch heute zu er- 
kennen, daß eine möglicherweise sogar wiederholte ara- 
mäische Neubearbeitung des evangelischen Erzählungs- 
stoffes in dieser Sphäre erfolgte. 

Schon vor Mitte des 2. Jahrhunderts war eine von dem 
Ür-Matthäus verschiedene westaramäische Evangelienschrift 
entstanden, die gegen Ende desselben den christlichen Ge- 
lehrtenkreisen Alexandreias bereits in einer griechischen Über- 
setzung zugänglich gewesen zu sein scheint und als das „Evan- 
gelium nach den Hebräern" bezeichnet wurde. Gegen Ende 
des 4. Jahrhunderts hat der abendländische Kirchenvater 
Hieronymus in den Händen einer von ihm ,,Nazaräer" ge- 
nannten judenchristlichen Sekte einen dem kanonischen 
Matthäusevangelium nächstverwandten aramäischen Evan- 
geliumstext gefunden, den er ums Jahr 390 sowohl ins Grie- 
chische, als auch ins Lateinische übertrug, zwei Übersetzungs- 
arbeiten, die leider gleich dem Originale untergegangen sind. 
Er selbst hat geschwankt, ob er seinen Fund dem „hebrä- 
ischen'' Urtext des Matthäus oder dem alten Hebräerevan- 
gelium gleichsetzen solle. Noch weniger sind wir heute mehr 



Die geschichtliche Entwicklung. 37 

in der Lage, die Identität desselben mit dem letzteren mit 
voller Entschiedenheit behaupten oder in Abrede stellen zu 
können. 

Es war ursprünglich nur ein mündlicher Gebrauch, 
den bei der Feier ihres Gottesdienstes auch die alte 
katholische Kirche Palästinas von der aramäischen 
Landessprache machte. Eine abendländische Palästina- 
pilgerin des ausgehenden 4. Jahrhunderts, die sogen. 
Silvia oder Ätheria, berichtet von einer Übertragung 
in dieselbe, welche zu ihrer Zeit im Kultus Jerusalems 
wie die vom Bischof griechisch gesprochenen Predigten, 
so auch die in der Liturgie verlesenen biblischen Peri- 
kopen durch einen Priester erfuhren. Kirchliche Peri- 
kopenbücher und Homilien haben diesen ältesten Ver- 
hältnissen entsprechend die Hauptmasse auch des später- 
hin in christlich-palästinensischer Mundart schriftlich 
Fixierten gebildet. Bis in das 7. Jahrhundert reichen, 
nach ihrem Schriftcharakter zu schließen, die frühesten 
erhaltenen Reste dieses Schrifttums zurück, das allzeit 
wesenhaft eine bloße Ubersetzungsliteratur aus dem 
Griechischen geblieben ist. Die auf dem Boden der 
Konzilsbeschlüsse von Chalkedon stehende byzantinische 
Orthodoxie bildet das konfessionelle Gebiet, auf das 
sich seine Entwicklung beschränkte. Das Katharina- 
kloster auf dem Sinai scheint in älterer Zeit eine seiner 
hervorragendsten Pflegestätten gewesen zu sein. 

Eine Art von Renaissance dürfte nach Maßgabe der 
handschriftlichen Überlieferung der kirchlich-literarische 
Gebrauch des christlich-palästinensischen Dialekts im 
n. Jahrhundert durchgemacht haben. Näherhin waren 
es nunmehr vor allem die Melkiten des griechischen 
Patriarchats von Antiocheia, bei denen man sich seiner 
zur Feier des Gottesdienstes bediente. Antiocheia selbst, 



38 Die christlich-palästinensische Literatur. 

dessen nähere Umgebung und insbesondere, wie es 
scheint, ein in derselben gelegenes Bliaskloster kommen 
hauptsächlich als Heimstätten der dieser jüngeren Zeit 
entstammenden Texte und Textreste in Betracht. Auch 
im Gebiete des Patriarchats von Alexandreia , in Ägypten, 
hat es indessen nicht an einzelnen Gemeinden gefehlt, 
die zeitweilig den Gottesdienst in cliristlich-palästinen- 
sischer Sprache abhielten. Aber schon seit dem 12. Jahr- 
hundert ist diese endgültig teils durch das edessenische 
Syrisch, teils durch das Arabische selbst dort verdrängt 
worden, wo ihr Gebrauch die verhältnismäßig meiste 
Bedeutung gewonnen hatte, ohne daß wir imstande 
wären, den Namen auch nur einer einzigen Schrift- 
steller- oder wenigstens Übersetzerpersönlichkeit anzu- 
geben, der mit dieser gesamten literarischen Entwick- 
lung verknüpft wäre. 

2. Die erhaltenen Reste. — Einen vollständigen 
christHch-palästinensischen Bibeltext dürfte es schwer- 
lich jemals gegeben haben. Einen Volltext mindestens 
der vier Evangelien allerdings hat das 7. Jahrhundert 
besessen. Denn einem solchen entstammen einige so 
alte Bruchstücke, die lediglich beigefügte Notizen über 
die liturgische Verwendung einzelner Abschnitte des noch 
fortlaufend gebotenen Textes enthalten. Die große 
Masse des in syro-palästinensischer Übersetzung ans 
Licht getretenen biblischen Stoffes gehört dagegen 
eigentlichen Perikopenbüchern an, die wenigstens teil- 
weise vielleicht als Ganzes aus dem Griechischen über- 
tragen worden waren. Neben mehr oder minder be- 
scheidenen Fragmenten solcher Bücher behaupten eine 
führende Bedeutung das im Jahre 1029 geschriebene, 
im Besitz der Vatikanischen Bibliothek befindliche 
Exemplar eines Evangelistars, das unzutreffend als 



Die erhaltenen Reste. — Die syrische Literatur. 39 

,,Evangeliarium Hierosolymitanum" bezeichnet wird, 
da es aus der Gegend des großen Antiocheia am Orontes, 
nicht aus derjenigen von Antiocheia am Chrysorrhoas 
oder Gerasa im palästinensischen Ostjordanlande stammt, 
und ein Perikopen aus dem Alten Testament, der Apostel- 
geschichte und den Apostelbriefen, darunter einen voll- 
ständigen Text des Jonasbuches enthaltendes Lektionar, 
das auf ägyptischem Boden im Gebrauche gewesen sein 
dürfte, weil es von der gelehrten Engländerin Mrs. Lewis 
in Kairo erworben wurde. 

Nächst biblischen Stücken sind es, wie berührt, vor 
allem Predigten, welche durch die Fragmenten weit 
der christlich-palästinensischenLiteratur bekannt werden. 
Eine durch apokryphen Legendenstoff auf fallende Homilie 
über die Sintflut und eine die Grundlagen des päpst- 
lichen Primatsanspruches bekämpfende über den Apostel- 
fürsten Petrus verdienen hier einige Aufmerksamkeit. 
Zu hagiographischen Prosatexten, wie sie über 
einen Blutzeugen Philemon und den hl. Sabas (vgl. S. 25) 
vorliegen, gesellen sich weiterhin Trümmerreste litur- 
gischer Poesie. Ein besonders merkwürdiges Stück 
ist schließlich das wieder aus Ägypten stammende Eitual 
einer alljährlich vorzunehmenden Segnung des Nils, die 
sogen. Nilliturgie. 

B. Die syrische Literatur. 

Im Gegensatz zum westaramäischen Dialekt Pa- 
lästinas pflegt die christlich-ostaramäische Sprache als 
die syrische bezeichnet zu werden : entsprechend der Tat- 
sache, daß die Christen ostaramäischer Zunge selbst 
den unmittelbar aus dem Griechischen entlehnten Syrer- 
namen (Sürjäje, griechisch: 2lvqoi, abgekürzt aus : Aoov- 



40 Die syrische Literatur. 

Qioi) auf sich anwandten, während sie den semitischen 
Volksnamen der Arafnäer (Arämäje, assyrisch: Arimi; 
vgl. hebräisch : Aräm) als gleichbedeutend mit : ,, Heiden" 
gebrauchten. Es ist näherhin Edessa, das hier, eine 
ähnliche Stellung wie Athen in der Entwicklung der 
griechischen, Florenz in der Entwicklung der italienischen 
Sprache und Literatur einnehmend, seinen Dialekt zum 
einheitlichen Idiom eines ganzen nationalen Schrift- 
tums werden sah. 

Im Gesamtrahmen der christlich-orientalischen Lite- 
raturen behauptet dieses syrische Schrifttum unter mehr 
als einem Gesichtspunkte den ersten Platz. Wie es eine 
Kückwirkung selbst auf das christlich-griechische aus- 
geübt hat, so legen eine stattliche syrisch-armenische und 
eine noch umfangreichere syrisch - arabische Uberset- 
zungsliteratur für seine fundamentale Bedeutung Zeugnis 
ab. Ja sogar ins Koptische und Äthiopische sind ein- 
zelne seiner Denkmäler übergegangen. Bis in das 2. Jahr- 
hundert reichen seine Anfänge hinauf, und nicht weniger 
als vier Konfessionen des Orients: Nestorianer, Jakobiten, 
Maroniten und syrische Melkiten, haben in ihm den Aus- 
druck ihres geistigen Lebens gefunden. 

Dabei kann von einer dialektischen Spaltung der syrischen 
Literatursprache kaum die Rede sein. Nur in der Schrift und 
in einzelnen phonetischen Erscheinungen stehen sich eine 
vorwiegend nestorianische und eine jakobitisch-maroni tische 
Observanz als Ausdruck einer östlichen und einer westlichen 
Überlieferung in grammatischen Dingen gegenüber. 

a. Die allgemeine Entwicklung. 

Fassen wir zunächst die Gesamtentwicklung der 
syrischen Literatur ins Auge, so werden die entscheiden- 
den Einschnitte innerhalb derselben durch den Aus- 
bruch des christologischen Glaubenskampfes und durch 



Die altsyrische Periode. 41 

das Einsetzen eines maßgeblichen Einflusses bezeiclinet, 
den die von der mohammedanischen Eroberung ge- 
schaffenen neuen Kulturverhältnisse auf das literarische 
Leben ausüben. An eine altsyrische schließen sich die 
Periode der s}Tischen Kirchenspaltung und Sonder- 
kirchenbildung und diejenige der konsolidierten Herr- 
schaft des Islams über S}Tien an. Der Tod Bischof 
Rabbüläs von Edessa und die Thronbesteigung des 
ersten Abbasiden können als die ungefähren Zeitgrenzen 
für den Beginn der zweiten und der dritten Periode be- 
trachtet werden. 

1. Die altsyrische Periode. — Ein literarisches Leben 
in ostaramäischer Sprache ist nicht erst durch das 
Christentum erzeugt worden. Vielmehr haben das nörd- 
liche Mesopotamien und seine unmittelbaren Nachbar- 
gebiete bereits eine von hellenistischem Geist befruchtete 
pagane Literatur in der Landessprache besessen, die 
uns dadurch noch einigermaßen greifbar wird, daß 
einzelne ihrer Erzeugnisse auch noch in christlicher Zeit 
fortlebten. 

Es weisen zunächst ihrer Natur nach die Hauptformen 
der älteren christlich-syrischen Poesie auf eine noch heid- 
nische Dichtung zurück, die mit der aramäischen Sprache ein 
geistig hellenistisches Gepräge vereinigte. Neuere Forschung 
hat weiterhin sogar zwei in die apokryphen Akten des Apostels 
Thomas eingelegte Hymnen als erhaltene Reste dieser Dich- 
tung erwiesen. Aus vollständigen Übersetzungen einzelner 
Stücke des Meisters der neuen attischen Komödie scheinen 
die noch lange Zeit gerne gelesenen syrischen ,, Sprüche des 
Menandros" zu stammen und von einer heidnischen Hand 
Schriften des Abderiten Demokritos ins Syrische übersetzt 
worden zu sein, welche aus demselben späterhin durch christ- 
liche Syrer ins Arabische weiter übersetzt wurden. Einen 
Brief, welchen im 2. oder 3. Jahrhundert ein aramäischer 
Stoiker Märä aus Samosata an seinen in der Fremde den 
Studien obliegenden Sohn Serapion richtete, hat eine in ihm 



4:2 Die syrische Literatur. 

enthaltene Bezugnahme auf Jesus, den mit Sokrates und 
Pythagoras auf die nämhche Stufe gestellten „weisen König" 
der Juden, einem Christen des 7. Jahrhunderts der Abschrift 
würdig erscheinen lassen, in der er sich erhalten hat. Der von 
einem Heiden abgefaßte Bericht über eine Hochwasser- 
katastrophe, durch welche Edessa im Jahre 201 verwüstet 
wurde, hat Aufnahme in eine christliche Stadtchronik des 
6. Jahrhunderts gefunden. Wenigstens inhaltlich hängt mit 
der alten heidnischen Literatur endlich auch das aus dem 
Syrischen direkt oder indirekt in die verschiedensten orien- 
talischen Sprachen übergegangene Volksbuch vom weisen 
Ahiqar zusammen, auf dessen Sagenstoff bereits das biblische 
Tobiasbuch beiläufig Bezug nimmt. 

Vor und neben der heidenchristiichen Großkirche 
und ursprünglich mindestens mit nicht geringerem Er- 
folge als sie hat sodann im oberen Euphrat- und Tigris- 
gebiet allerhand gnostisches und verwandtes Sektentum 
nicht nur überhaupt das Erbe der ältesten judenchrist- 
lichen Missionsbewegung anzutreten gesucht, sondern 
auch seine eigene literarische Tätigkeit entwickelt. Ein 
am IL Juli 154 geborener Sohn vornehmer heidnischer 
Eltern, BarDaisän(f214), ist durch eine umfassende 
schriftstellerische Tätigkeit in Prosa und Poesie für 
Edessa der einflußreichste Vertreter dieser Richtung 
und der Mittelpunkt eines Schülerkreises geworden, aus 
dem zwei erhaltene Denkmäler ältester edessenischer 
Literatur hervorgegangen sind. Die geistig-literarische 
Überwindung seiner noch immer fortlebenden Schule 
wie der im ostaramäischen Sprachgebiet nicht minder 
mächtig gewordenen Markioniten und Manichäer war 
das Lebenswerk desjenigen Mannes, welcher als der Be- 
gründer einer katholischen Literatur größeren Stiles in 
syrischer Sprache und zugleich als deren unübertroffener 
Klassiker sich die liebende Bewunderung aller Teile 
seines nun bald der konfessionellen Zerrissenheit ver- 



Die altsyrisclie Periode. 43. 

fallenen Volkes für alle Zeiten gesichert hat, des hl. 
Aphrem. 

Zu Nisibis im Jahre 306, der Überlieferung nach als Sohn 
eines heidnischen Priesters und einer christlichen Mutter ge- 
boren, wurde Aphrem in der Religion der letzteren durch 
Ja^qübh, den berühmten Bischof seiner Heimatstadt, unter- 
wiesen, der, in der diokletianischen Verfolgung zum Bekenner 
geworden, im Jahre 325 am ersten allgemeinen Konzil zu 
Nikaia teilnahm. Als Diakon und cliristlicher Lehrer hat auch 
er selbst die längste Zeit seines Lebens in Nisibis gewirkt. Der 
Abzug des Perserkönigs Säpür IL, der im Jahre 338 die Stadt 
belagerte, wurde auf die Erhörung seines Gebetes zurück- 
geführt. Erst als sie im Jahre 363 von den Römern an Persien 
abgetreten A^oirde, ist er mit anderen gelehrten Vertretern des 
Christentums ausgewandert und hat in Edessa eine neue 
Heimat gefunden. Hier sind er und seine Gefährten vielleicht 
die Gründer der ,, Perserschule" geworden. Jedenfalls ist er 
bis zu seinem am 9. Juni 373 erfolgten Tode deren hervor- 
ragendster Lehrer gewesen. Mit dieser Lehrtätigkeit dürften 
die in Prosa abgefaßten exegetischen Werke des Heiligen in 
unmittelbarem Zusammenhange gestanden haben, von denen 
sich im Original nur weniges erhalten hat. Ungleich nach- 
haltiger als durch sie hat Aphrem aber durch seine ver- 
schiedenartigen Dichtungen gewirkt, unter welchen die etwa 
in den Jahren 350 — 370 entstandenen Gedichte über die zeit- 
genössischen Schicksale von Nisibis und anderen Städten 
Nordmesopotamiens und die Streitpoesien gegen die „Grübler", 
gegen die Häretiker und gegen Julianus Apostata das zuver- 
lässigste Bild von der Eigenart des Meisters der altsyrischen 
Dichtkunst gewinnen lassen. Nur in einer stark durch jüngere 
Zusätze erweiterten Gestalt ist das sog. „Testament" Aphrems 
überUefert. 

Wie Bar Daisän war Aphrem, namentlich als Dichter, 
das Haupt einer literarischen Schule, und die Berühmt- 
heit seines Namens brachte es bergreiflicherweise mit 
sich, daß manches nur aus dieser Schule Herausge- 
wachsene zu Unrecht als seine persönliche Schöpfung 
überliefert wurde. In einzelnen Fällen vermögen wir 



44 Die syrische Literatur. 

diese Sachlage mit vollster Sicherheit zu erkennen. Wie 
weit sie aber tatsächlich sich erstreckt, dürfte wohl nie- 
mals genau ermittelt werden können. Der Abschluß 
der von Aphrem ausgehenden Bewegung wird erst durch 
das Wirken Eabbüläs bezeichnet, der die Eingliederung 
der Osrhoene in den geistigen Organismus des katho- 
lischen Christentums allseitig vollendete. 

Aber auch außerhalb der Schule Aphrems ist schon 
das 4. und beginnende 5. Jahrhundert eine Blütezeit 
syrischer Literatur gewesen. Auf persischem Boden hat 
bereits ein älterer Zeitgenosse des Heiligen, der erst 
in reiferem Alter zum Christentum übergetretene ,, per- 
sische Weise" Aphrähät, vielleicht Bischof im Matthäus- 
kloster bei Mossul, in den Jahren 337 und 344/45 in einer 
Reihe von 22 nach ihren Anfangsbuchstaben alpha- 
betisch geordneten Abhandlungen eine Art von Ge- 
samtbild der christlichen Religionslehre entworfen, wie 
sie von seiner Umwelt erfaßt wurde. Ein Bischof 
Märüthä von Maipherqat (Mart3rropolis), der in den 
ersten Regierungs jähren des Sassaniden lezdegerd I. 
(399 — 420) zweimal mit einer diplomatischen Mission an 
den Kaiserhof in Konstantinopel betraut wurde, hat als- 
dann erstmals die persische Reichskirche in eine nicht 
zuletzt literarisch bedeutsame engere Fühlung mit dem 
Christentum des Römerreiches und dessen hellenistischer 
Kultur gebracht. Andererseits gehören dem römischen 
Westsyrien zwei weitere Hauptvertreter altsyrischer 
Poesie an: Bälai, der dem Bischof Akakios von Aleppo 
(t 432) als Gehilfe in der Verwaltung seines bischöflichen 
Amtes zur Seite gestanden zu haben scheint, und Qüril- 
lönä, von dessen wenigen erhaltenen Dichtungen eine 
den Einfall der Hunnen im Jahre 396 zum Gegen- 
stande hat. 



Das Zeitalter der Kirchenspaltung. 45 

2. Das Zeitalter der Kirchenspaltung. — Seit dem 
zweiten Drittel des 4. Jahrhunderts ist die Entwicklung 
der syrischen Literatur so unlösbar wie diejenige keiner 
anderen des christUchen Orients mit der Entwicklung 
des dogmatischen Streites um Person und Natur Christi 
verbunden, und gleichzeitig vollzieht sich in ihr der 
Sieg des griechischen über den bodenständig aramäischen 
Geist, der das älteste Schrifttum beherrscht hatte. 

An der Schwelle der neuen Zeit steht Hibhä, in den 
Jahren 435 — 449 und wieder seit 451 Nachfolger Rab- 
büläs auf dem bischöflichen Stuhle von Edessa, (f 457) 
als maßgeblicher Bannerträger des nestorianischen 
Gedankens wie als einer der ältesten Vertreter einer 
Übersetzungsliteratur aus dem Griechischen, für welche 
an erster Stelle die Werke des Aristoteles und diejenigen 
des radikalsten Vorkämpfers antiochenischer Theologie 
auf griechischem Boden, des Bischofs Theodoros von 
Mopsuestia ("f um 428), in Betracht kamen. Unter den 
Lehrern der ,, Perserschule", welche die Traditionen der- 
selben an der neuen Schule von Nisibis fortsetzten, hat der 
erste Leiter der letzteren, Narsai von Ma^allethä (f 502), 
die führende Stellung eingenommen. Mit Mär(j) Abhä 
(f 552), der auf ausgedehnten Reisen namentlich in 
Alexandreia und Konstantinopel mit dem Griechentum 
in die unmittelbarste Berührung getreten war, hat im 
Jahre 536 ein Hauptvertreter der in Nisibis gepflegten 
gräko-syrischen Richtung auch den Patriarchenstuhl 
des Katholikos zu Seleukeia-Ktesiphon bestiegen, wo 
der nisibenischen nun eine ebenbürtige Tochterschule 
erstand. Die aristotelische Philosophie und die Theo- 
logie der drei ,, griechischen Lehrer" Diodoros von Tarsos, 
Theodoros und Nestorios, namentlich die Exegese des 
als ,,der Erklärer" schlechthin verehrten Theodoros, 



46 Die syrische Literatur. 

sind seit der Mitte des 6. Jahrhunderts als die unverrück- 
bare Grundlage alles höheren Geisteslebens der nestoria- 
nisch- persischen Kirche außer Frage gestellt. Jede 
offene Gegenströmung gegen das herrschende theologische 
System mußte der kirchlichen Verurteilung verfallen. 

Der Adiabener Hannänä, dessen im Jahre 590 erlassene 
Statuten der nisibenischen Schule einen EinbHck in deren 
Organisation und Studienbetrieb gestatten, hat seinen Ver- 
such den gemäßigteren Antiochener Chrysostomos an Stelle 
des Theodoros als Schulautorität zur Geltung zu bringen, mit 
einer Verdammung durch zwei aufeinanderfolgende Kirchen- 
versammlungen zu büßen gehabt. Der Bischof Sahdonä 
(Martyrios) ist ein halbes Jahrhundert später durch seinen ab- 
weichenden theologischen Standpunkt geradezu zum Bruche 
mit der nestorianischen Kirche und zum Bekenntnis des 
chalkedonensischen Dogmas zurückgedrängt worden. Als 
Ergänzung zu dem Gelehrtengeist der Schulen haben, ge- 
iegenthch unter bewußter Ablehnung desselben, nur die nesto- 
rianischen Klöster eine mehr asketische Richtung, wie des 
Lebens, so auch des Denkens und literarischen Schaffens ge- 
pflegt. Unter demselben hat das „große Kloster" des Izlä- 
gebirges den Ehrenplatz eingenommen. Auch seine Statuten 
haben sich in zwei ihnen in den Jahren 571 bzw. 588 durch 
die Vorsteher Abraham und DädhiSö' gegebenen Rezen- 
isonen erhalten. 

Eine letzte literarische Bewegung von grundlegender 
Bedeutung brachte auf nestorianischer Seite die Zeit 
des Katholikos Isö'jabh IIL (647—658), der in seinen 
jüngeren Jahren als Mitglied einer im Jahre 630 an den 
byzantinischen Kaiserhof entsandten persischen Ge- 
sandtschaft wiederum Konstantinopel besucht hatte. Es 
war insbesondere die Liturgie, welche durch ihn ihre für 
die Folgezeit maßgeblich gebliebene Gestalt erhalten hat, 
nicht ohne daß auch auf diesem Gebiete griechische Ein- 
flüsse in nicht unerheblichem Grade sich geltend ge- 
macht hätten, welche die alte aramäische Eigenart 
modifizierten. 



Das Zeitalter der Kirchenspaltung. 47 

Der nestorianischen gegenüber hat die mono- 
pliysi tische Literatur in syrischer Sprache ihre Blüte- 
zeit schon vor der Konsolidierung des jakobitischen 
Kirchentums erlebt. Ihre eigentlichen Klassiker sind 
Philoxenos, Bischof von Mabbögh (Hierapolis), und 
Ja'qübh von Serügh gewesen, deren literarische Tätig- 
keit aus dem 5. in die ersten Jahrzehnte des 6. Jahr- 
hunderts herüberragt. 

Philoxenos (Aksenäjä) hatte auf persischem Gebiete das 
Licht der Welt erblickt und in Edessa in der Zeit Hibhäs 
studiert. Die bischöfliche Weihe hat der streitbare Anhänger 
der Einnaturenlehre im Jahre 485 erhalten. Im Jahre 519 
mußte er wie 53 andere Bischöfe, welche die Anerkennung 
des Konzils von Chalkedon und seiner dogmatischen Ent- 
scheidung verweigerten, in die Verbannung gehen. Erst nach 
Thrakien, später nach Paphlagonien geschleppt, endete er um 
523 durch mörderische Hand. — Ja'qübh, geboren im Jahre 
451 in einem Dorfe am Ufer des Euphrat, ist spätestens seit 
den ersten Jahren des 6. Jahrhunderts Periodeutes (kirch- 
licher Visitator) zu Haurä in seinem Heimatsdistrikt Serügh 
gewesen, 519 Bischof von dessen Hauptstadt Batnän geworden 
und, ohne von seinem Sitze vertrieben worden su sein, am 
29. November 521 gestorben. 

Stehen diese beiden Größten noch wesenhaft auf dem 
Boden echt aramäischer Art, so hat doch schon zu ihren 
Lebzeiten auch auf monophysitischer Seite eine ungemein 
eifrige Übersetzungstätigkeit aus dem Griechischen ein- 
gesetzt, für welche an Theologischem naturgemäß die 
Werke des Severus von Antiocheia im Vordergrunde 
des Interesses standen. Für die Überleitung auch 
griechischer Profanwissenschaft, vor allem wieder der 
aristotelischen Philosophie, in die Geisteswelt des 
syrischen Monophystismus ist die schriftstellerische 
Wirksamkeit des Priesters und Staatsarztes Sergios von 
Bis^ainä (f 536) bahnbrechend geworden. Gleichzeitig 
hat auf persischem Gebiete als erster Apostel der mono- 



43 Die syrische Literatur. 

physitischen Lehre der Bischof Sem^ön von Beth Arsäm 
gewirkt, von dessen Hand zwei als Geschichts quellen 
wertvolle Schreiben auf die Nachwelt gekommen sind. 
Den eigentlichen Herd der literarischen Bewegung in 
monophysitischem Geiste scheint aber Jahrzehnte hin- 
durch die römische Grenzfestung Amida gebildet zu 
haben, aus welcher an Johannän, Bischof von Ephesos, 
der letzte klassische Vertreter des altmonophysitischen 
Schrifttums hervorging. 

Geboren um 505, hat Johannän im Jahre 529 als Mönch 
in einem Johanneskloster seiner Vaterstadt die Diakonats- 
weihe erhalten und ist seit 535 in Konstantinopel als Vertreter 
der monophysitischen Sache mit solchem Erfolge tätig ge- 
wesen, daß er, zum Bischof ihrer Anhänger in Kleinasien 
geweiht, sich der hervorragendsten Gunst des Kaisers Justi- 
nianus erfreute, der sich seiner auch bei der Bekämpfung ge- 
heimer heidnischer Konventikel in der Reichshauptstadt und 
ihrer Umgebung bediente. Nach dem Tode seines kaiserlichen 
Gönners einer ebenso unbarmherzigen Verfolgung verfallen, 
wurde er im Jahre 571 eingekerkert und ist nach einem un- 
stäten und drangsalreichen Lebensabend nicht vor 585 ge- 
storben. 

Im Schöße der jakobitischen Kirche hat das 
Schaffen dieser älteren syrischen Monophysten seine 
geradlinige Fortsetzung gefunden. Wenn es derselben an 
einem den nestorianischen. Hochschulen von Nisibis und 
Seleukeia entsprechenden wissenschaftlichen Zentrum 
fehlte, so sind dafür ihre Klöster in höherem Grade als 
die nestorianischen zugleich Heimstätten gelehrter Stu- 
dien gewesen. Unter diesen klösterlichen Hochburgen 
griechisch-syrischer Gelehrsamkeit ragte besonders das 
von Johannän bar Aphtönjä (| 538) gegründete Thomas- 
kloster von Qennesre (,, Adlerhorst") am linken Euphrat- 
ufer südwestlich von Edessa hervor. Der Begründer 
einer ruhmvollen Studientradition in seinen Mauern ist 



Das Zeitalter der mohammedanischen Herrschaft. 49 

im frühen 7. Jahrhundert Severus Sebhökht geworden, 
aus dessen Schule die jüngsten Hauptvertreter griechisch- 
syrischer Gelehrsamkeit, der im Jahre 684 zur Patriarchen- 
würde erhobene Athanasios von Bälädh (f 687/88), der 
Bischof Ja^qübh von Edessa (t708) und Georgios, Bischof 
noch immer christlich gebliebener Araberstämme im Ge- 
biete von Küfa, (f 724/25) hervorgingen. Die schon 
vollständig dem Zeitalter der mohammedanischen Herr- 
schaft angehörende Tätigkeit dieser drei durch, die Bande 
persönlicher Freundschaft verknüpften Männer, zumal 
diejenige des gleich gediegenen wie universalen Ja^qübh 
von Edessa, bezeichnet eine großartige abschließende 
Nachblüte des älteren syrischen Schrifttums, während 
sie zugleich in mehrfacher Hinsicht die Grundlage einer 
neuen, durch die neuen Verhältnisse bestimmten lite- 
rarischen Entwicklung geschaffen hat. 

3. Das Zeitalter der mohammedanischen Herrschaft. 
— Die syrische Literatur zeigte auch unter der end- 
gültig ^gefestigten Herrschaft des Islams zurächst keines- 
wegs die Züge eines raschen oder gar plötzlichen Ver- 
falles. Nestorianer und Jakobiten sahen sich in dem- 
selben einzigen Staatsgebilde des Kalifenreiches in 
gleichem Verhältnis zu derselben nichtchristlichen, aber 
die Duldsamkeit einer uninteressierten Neutralität 
wahrenden Staatsgewalt einander gegenübergestellt und 
darauf angewiesen, auf der ganzen Linie in freiem Wett- 
streit die geistigen und nicht zuletzt die literarischen 
Kräfte des beiderseitigen Bekenntnisses zu messen. Die 
eben jetzt erst entstandene maronitische Kirche und dit 
Melkiten Syriens begannen, ihren allerdings stets ver- 
hältnismäßig bescheiden gebliebenen Anteil an der Ent- 
wicklung des syrischen Schrifttums zu nehmen. Die 
von der aramäischen Christenheit übernommene Ver- 

I Baumstark, Christi. Literatur. I. 4 



50 Die syrische Literatur. 

mittlung griechischer Geistesschätze an die neue ara- 
bische Kulturwelt hatte zur Begleiterscheinung eine 
hochbedeutsame Erneuerung auch der griechisch-syri- 
schen Ubersetzungstätigkeit, deren Höhepunkt die Ar- 
beiten des nestorianischen Arztes Hunain ibn Ishaq 
(•j- 873) bezeichnen. Denn bis in das 9. Jahrhundert 
hinein war das Vorgehen vielfach dieses, daß die Schriften 
griechischer Philosophen, Mathematiker, Mediziner und 
Naturforscher zunächst ins Syrische und erst auf Grund 
eines syrischen Textes ins Arabische übertragen wurden. 

Aber das Syrische wurde doch gerade hier nur mehr 
in dienender Stellung gebraucht. Hinter demjenigen in 
arabischer mußte das literarische Schaffen in der alten 
aramäischen Sprache je länger, um so entschiedener 
zurücktreten. Ein hervorragender Jakobite, Mose bar 
Kephä, als Bischof von Mossul Severus genannt, (t 903), 
ist für lange Zeit der letzte sich ausschließlich des 
Syrischen bedienende Schriftsteller gewesen, dessen 
Schaffen sich an Vielseitigkeit mit demjenigen der späte- 
sten Gestalten der klassischen Periode vergleichen läßt, 
während der im Jahre 975 geborene nestorianische 
Metropolit Elias bar Sinäjä von Nisibis (f nach 1049) 
schon mehr der christlich-arabischen als der syrischen 
Literaturgeschichte angehört. 

Auch die gegen Mitte des 12. Jahrhunderts ein- 
setzende großzügige syrische Eenaissanceliteratur 
hat ihre hervorragendsten Vertreter in den Eeihen der 
hohen jakobitischen Geistlichkeit gefunden. An den 
Patriarchen Mikhä'el I. (1166 — 1169), der hier eine 
führende Stellung einnimmt, schließt sich unmittelbar 
der von ihm zum Metropoliten von Amida ordinierte 
Ja^qübh oder Dionysios bar Salibhi (fini) an. Während 
diese beiden noch wesenhaft in dem kirchlichen Schrift- 



Das Zeitalter der mohammedanischen Herrschaft. 51 

tum der Vergangenheit wurzehi, gewinnt im 13. Jahr- 
hundert der Einfluß der arabischen Kultur auf die spät- 
syrische seinen schärfsten Ausdruck bei Ja'"qübh bar 
Sakko, als Bischof im Matthäuskloster bei Mossul Seve- 
rus genannt, (f 1211) und bei Bar 'Ebhräjä, dem schlecht- 
hin vielseitigsten aller christlich-aramäischen Schrift- 
steller, dessen gewaltige Fruchtbarkeit allen von dieser 
Literatur einer s}Tischen Wiedergeburt angebauten Ge- 
bieten, der Grammatik und Philosophie, der Exegese 
und spekulativen Theologie, dem Kirchenrecht und der 
Geschichtsschreibung, gleichmäßig zugute kam. 

Gregorius mit dem arabischen Beinamen Abü-I-Farag, 
genannt Bar'Ebhräjä (,, Hebräersohn"), war im Jahre 1226 zu 
Melitene als Sohn eines Arztes von jüdischer Abstammung 
geboren. In griechischer und arabischer Wissenschaft, in 
Philosophie und Theologie, Medizin und Rhetorik unter- 
wiesen, wurde der erst zwanzig] älirige junge Mönch schon im 
Jahre 1246 zur bischöflichen Würde erhoben, die der in- 
zwischen in die innerkirchlichen Wirren seiner Zeit ver- 
wickelte Mann in verschiedenen Diözesen, zuletzt in der- 
jenigen von Aleppo, bekleidete, um sie schließlich im Jahre 
1264 mit derjenigen des Maphrejänä zu vertauschen. Als 
solcher hat er neben seiner schriftstellerischen eine nicht 
minder bedeutende kirchlich- administrative Tätigkeit ent- 
faltet und starb am 30. JuU 1286 in der persischen Stadt 
Marägha östlich vom Urmiasee. Die ehrende Teilnahme von 
Griechen, Armeniern und Nestorianern an seinem Leichen- 
begängnis legte von der ungewöhnlichen Hochachtung Zeugnis 
ab, die einer ihrer Größten, sich in der gesamten orienta- 
lischen Christenheit ohne Unterschied des Bekenntnisses er- 
worben hatte. 

Auf nestorianischer Seite hat, abgesehen von der 
Beschäftigung mit grammatischen Studien, deren Her- 
vortreten für dieselbe bezeichnend ist, die Spätzeit 
syrischen Schrifttums vor allem eine nicht unverächt- 
liche Nachblüte kirchlicher Poesie gebracht. Ein Erbe 
der unter arabischem Einfluß stehenden wissenschafthch- 

4* 



52 Die syrische Literatur. 

universalen Richtung einzehier Jakobiten ist sodann auf 
ihr an dem Metropoliten "Abhdiso^ bar Berikhä von 
Nisibis (f 1318) erstanden, mit dem die letzte über- 
ragende Schriftstellerpersönlichkeit des aramäischen 
Christentums ins Grab stieg. Nicht allzu vieles ist nach 
dessen Tode mehr in der alten Literatursprache ge- 
schrieben worden. Nur im Volksmund lebte und lebt 
wesentlich auch bis auf die Gegenwart ein verschiedent- 
lich dialektisch gespaltenes ostaramäisches Sprachtum 
im Tür Abdin, in der Umgebung von Mardin und an 
den Ufern des Sees von Urmia fort. Insbesondere tritt 
hier einem neujakobi tischen Toräni ein neunestoriani- 
sches Fellihi gegenüber. Immerhin haben wenigstens 
die letztere Mundart einige nestorianische Geistliche des 
beginnenden 17. Jahrhunderts nicht ohne Glück auch 
literarisch zu verwerten gesucht, indem sie Perlen alt- 
syrischer Kirchenpoesie in derselben nachzudichten 
unternahmen. Weltliche Lieder, Sprüche und Volkser- 
zählungen in beiden neu-ostaramäischen Volksdialekten 
sind dann von europäischen Gelehrten des 19. Jahr- 
hunderts nach Diktaten gesammelt oder auf ihre An- 
regung hin aufgezeichnet worden. 

b. Die einzelnen Literaturgebiete. 

Die vielfach geradezu den Charakter eines Ver- 
nichtungskampfes annehmende Unterdrückung, welche 
das aramäische Christentum je länger, um so mehr unter 
der türkischen Herrschaft erfuhr, der immer tiefere 
geistige Verfall seiner nationalen Hauptkirchen, ließ 
von der Gesamtmasse syrischer Literaturdenkmäler, 
welche eine Entwicklung von rund zwölf Jahrhunderten 
erzeugt hatte, gewaltige Schichten dem Untergange an- 
heimfallen. Von dem Erhaltenen ist trotz der unge- 



Bibelübersetzungen. 53 

mein regen Editionstätigkeit, welcbe vor allem die 
letzten Jahrzehnte auf dem Gebiete der syrischen Stu- 
dien entfaltet haben, noch immer nicht weniges erst 
durch Ausgaben allgemein zugänglich zu machen. Der 
folgende Überblick über das in den einzelnen Zweigen 
literarischen Schaffens von den Syrern Geleistete sieht 
mit seltenen Ausnahmefällen von denjenigen Erschei- 
nungen, welche uns nurmehr dem Namen nach oder 
durch Zitate späterer Schriftsteller bekannt sind, von 
vornherein ab und berücksichtigt von dem überhaupt 
auf uns Gekommenen in erster Linie alles das, was im 
Drucke bereits vorliegt oder, wie bestimmt zu erwarten 
steht, in absehbarer Zukunft vorliegen wird. 

1. Bibelübersetzungen. — Was bei einer auch nur 
flüchtigen Umschau über den Bestand der syrischen 
Literatur ins Auge fällt, ist ihr hervorragender Reich- 
tum an verschiedenen Bibeltexten. Der verbreitetste 
derselben, die von Nestorianern, Jakobiten und Maro- 
niten gleich hochverehrte, im 2. Jahrtausend auch bei 
den syrischen Melkiten herrschend gewordene sogen. 
Pesittä, ^vird durch diesen Namen als ,,die einfache" 
Übersetzung bezeichnet. Aber schon er stellt, weit da- 
von entfernt, ein wesenhaft einheitliches Werk aus 
einem einzigen Gusse zu sein, das Endergebnis einer 
weder kurzen, noch wirklich einfachen Entwicklung dar, 
die zum Abschluß durch eine auf die Durchsetzung 
einer der griechischen seiner Zeit möglichst konformen 
ostaramäischen Kirchenbibel gerichtete Tätigkeit Rab- 
büläs von Edessa gebracht worden sein dürfte. 

Den Grundstock des Alten Testaments der Peäittä hat 
eine bereits selbst von verschiedenen Händen geschaffene 
Übersetzung des hebräischen Urtextes ursprünglich mit 
Ausschluß der Chronik und der Bücher Ezra und Nehemia 
gebildet, die wohl noch aus jüdischen oder doch aus Juden- 



54 Die syrische Literatur. 

christlichen Kreisen hervorgegangen und vielleicht eher in 
der Adiabene als in der Osrhoene entstanden war. Dieser 
Grundstock wurde nun aber nachträglich nicht nur erweitert, 
sondern auch in seiner eigenen Textgestalt nicht unwesentlich 
verändert. Es wurden gleichfalls nach dem Hebräischen die 
ihm fremden Bestandteile des masoretischen Kanons, nach 
dem Griechischen die in diesem fehlenden sog. deuterokano- 
nischen Bücher der vom Urchristentnm übernommenen 
hellenistisch-jüdischen Bibel hinzugefügt. Der endgültige 
PeSittätext des Sirachbuches scheint sogar aus der Verschmel- 
zung einer Übersetzung des neuerdings wieder aufgefundenen 
hebräischen und einer solchen des griechischen Textes er- 
wachsen zu sein. Eine systematische Überarbeitung auf Grund 
griechischer Handschriften trug endlich, in verschiedenen 
Partien derselben verschieden stark eingreifend, auch in das 
älteste Werk allmählich immer tiefer einen gewissen Einfluß 
der Septuaginta hinein, der sich noch am wenigsten in Hiob, 
besonders nachdrücklich im Psalter und in den Propheten 
geltend macht. 

Als wichtige Vorstufen speziell des Neuen Testaments 
der Pesittä kommen das Diatessaron des ,,Assyrers" 
Tatianos und die altsyrische Evangelienübersetzung „der 
Getrennten" (Ewangeljon da-Mepharrese) in Betracht. 
Insbesondere das erstere hat bis in den Anfang des 
5. Jahrhunderts hinein den eigentlich offiziellen Evan- 
gelientext der ostaramäischen Christenheit gebildet und 
konnte aus dieser Stellung in der Zeit Eabbüläs nur 
unter gewaltsamer Vernichtung zahlreicher im kirch- 
lichen Gebrauche befindlicher Exemplare verdrängt 
werden. 

Tatianos, der auch selbst als Verfasser einer erhaltenen 
Apologie der christlichen Lehre in griechischer Sprache her- 
vortrat, war für dieselbe in Rom durch den Apologeten Ju- 
stinos gewonnen worden, geriet aber bald mit ihrer groß- 
kirchlichen Gestalt in Konflikt und ist um 172 nach dem 
Osten zurückgekehrt. Hier, genauer wohl in seiner meso- 
potamischen Heimat, hat er seine Evangelienharmonie ge- 
schaffen, die außer mit ihrem griechischen Namen von den 



Bibelübersetzungen. 55 

Syrern auch als das Evangelium ,,der Vermischten" (Ewan- 
geljon da-Mehallete) bezeichnet wurde. Die vielerörterte 
Frage nach der ursprünglichen Sprachform und der unmittel- 
baren textlichen Grundlage derselben darf heute wohl end- 
gültig in dem Sinne entschieden werden, daß sie ein syrisches 
Originalwerk auf Grund des griechischen Textes der vier 
kanonischen EvangeUen gewesen sei. Unsere Kenntnis ihres 
eigenen Textes beruht, von wenigen ausdrücklichen Zitaten 
abgesehen, leider auf Quellen, deren Zuverlässigkeit nicht 
weniges zu wünschen übrigläßt: den naturgemäß nicht 
immer wörtlich getreuen Anführungen von Evangelienstellen 
in erhaltenen syrischen Schriftwerken des 4. und frühen 
5. Jahrhunderts, einem nur in armenischer Übersetzung vor- 
liegenden Kommentar Aphrems, in welchem der erklärte 
Text dem dringenden Verdachte einer durchgängigen Kor- 
rektur von späterer Hand unterliegt, und einer arabischen 
Nachbildung angeblich des Nestorianers Abü-1-Farag ibn 
at-Tajjib aus dem 11. Jahrhundert, die unter Zugrundelegung 
des Evangelientextes der Pesittä auf das alte Diatessaron 
überhaupt nur bezüglich der Anordnung des Materials zu- 
rückgriff. Dem Werke des Häretikers Tatianos dürften 
schon Zeit und kirchliche Richtung Pälüts den altsyrischen 
Text der selbständigen Evangelien gegenübergestellt haben, 
von dem zwei nächstverwandte Redaktionen durch eine im 
Jahre 1892 von der Engländerin Mrs. Lewis im Katharina- 
kloster auf dem Sinai aufgefundene Palimpsesthandschrift 
(codex Sinaiticus) und ein bereits im Jahre 1858 von Cureton 
bekannt gegebenes fragmentarisches Exemplar des Britischen 
Museums (codex Curetonianus) überliefert sind. Neben dem 
Alten Testament und den beiden Gestalten des Evangelien- 
buches scheint die ostaramäische Kirche ursprünglich nur 
noch eine Übersetzung der Paulusbriefe besessen zu haben. 
Die kleineren „katholischen" Apostelbriefe und die geheime 
Offenbarung haben noch dem Neuen Testament der Pesittä, 
wie sie sich im Zeitalter Rabbülas durchsetzte, zunächst 
gefehlt. 

Einen noch engeren Anschluß an die griechische Bibel, 
als ihn die abschließende Gestalt der alten Kirchenbibel 
erreicht hatte, hat seit Anfang des 6. Jahrhunderts eine 
Reihe j üngerer Übersetzungen erstrebt. Eine solche 



56 Die syrische Literatur. 

ist auf nestorianischer Seite an einer Neuübertragung 
beider Testamente aus dem Griechischen durch Mär(j) 
Abhä I. in Verbindung mit einem Thomas von Edessa 
geschaffen worden, hat aber ihre einzigen Spuren wohl 
in den Zitaten eines ,, Griechen" hinterlassen, die für das 
Alte Testament sich bei späteren nestorianischen Bibel- 
erklärern finden und auf denjenigen griechischen Text 
desselben zurückgehen, welcher durch den im Jahre 312 
als Blutzeuge gestorbenen antiochenischen Presbyter 
Lukianos festgestellt worden war. Schon etwas früher 
als die nestorianische war eine monophysitische Ge- 
samtübersetzung der griechischen Bibel, die sogen. 
Philoxeniana, auf Anregung des Philoxenos durch einen 
Landbischof Polykarpos hergestellt worden, aber auch 
von diesem Werke liegen neben dem Text der Evan- 
gelien nur mehr Bruchstücke des Propheten Isaias 
vor. Mehr als die Hälfte besitzen wir dagegen, vor 
allem Dank einer Handschrift zu Mailand (codex Am- 
brosianus), noch von der Übersetzung nur des Alten 
Testamentes, die ein Bischof Paulos von Tellä in den 
Jahren 616 und 617 nach dem Wunsche des jakobitischen 
Patriarchen Athanasios I. herstellte, der sogen. Syro- 
Hexaplaris, welche den nach Origenes hergestellten 
,,hexaplarischen" Septuagintatext mit allen seinen Vari- 
anten und kritischen Anmerkungen wiedergab. Diese 
reine Gelehrtenarbeit war natürlich zur Verwendung im 
Gottesdienst ebensowenig bestimmt als geeignet. Da- 
gegen hat eine solche innerhalb des jakobitischen Kultus 
in ausgedehntestem Maße die denn auch mit einziger 
Ausnahme der geheimen Offenbarung vollständig er- 
haltene sogen. Heraclensis gefunden: eine in sklavischer 
Anlehnung an das Griechische bis zur Mißhandlung der 
Sprache fortschreitende Revision der Philoxeniana des 



Die Liturgie. 57 

Neuen Testaments, die gleichfalls in den genannten 
beiden Jahren der von seinem Bischofsitz Hierapolis 
vertriebene Thomas von Harqel (Herakleia) in einem 
Antonioskloster am neunten Meilensteine von Alexan- 
dreia durchgeführt hat. Wieder nur gelehrten Zwecken 
zu dienen war demgegenüber von vornherein eine letzte 
Revision des ostaramäischen Alten Testaments bestimmt, 
die im Jahre 705 durch Ja'qübh von Edessa in der Weise 
unternommen wurde, daß dem Text der Pesittä die 
Varianten späterer Übersetzungen zur Seite gestellt 
wurden. Die Bücher Mosis, Samuels und der Anfang 
der Königsbücher, die Propheten Isaias, Ezechiel und 
Daniel haben sich bislang in dieser Bearbeitung nach- 
weisen lassen. 

Auch etwas der jüdischen Masora Entsprechendes 
ist schließlich, seit unter mohammedanischer Herrschaft 
das Syrische eine tote Sprache zu werden anfing, für 
die syrische Bibel an einer mit genauer Vokal- und 
sonstiger Aussprachebezeichnung versehenen Zusammen- 
stellung aller irgendwelche grammatische Schwierigkeit 
darbietenden Worte und Stellen sowohl auf nestoriani- 
scher als auch auf j akobitischer Seite geschaffen worden. 
Auf letzterer, wo dieses masoretische Hilfsmittel bezüg- 
lich des Neuen Testaments für den heraklensischen wie 
für den Pesittätext hergestellt wurde, ist das Qarqaphtä 
(,,Schädel")-Kloster bei Ris^aina die maßgebliche Stätte 
entsprechender kritisch-grammatischer Studien geworden, 
die hier in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts ihre 
Blütezeit erlebten und an den beiden gelehrten Kopisten 
Tübhänä und Säbhä zwei oft zitierte Hauptvertreter 
fanden. 

2. Die Liturgie. — Neben demjenigen der Bibelüber- 
setzung ist es vor allem das Gebiet der Liturgie, auf 



58 Die syrische Literatur. 

welchem infolge der kirchlichen Zerklüftung des ara- 
mäischen Christentums die syrische Literatur einen 
einzigartigen Reichtum aufweist. Wie auf jenem kommt 
zugleich auch hier das für ihre Gesamtentwicklung be- 
zeichnende Zurückweichen des Heimischen, Boden- 
ständigen vor einem sich immer siegreicher durchsetzen- 
den griechischen Einfluß zu ausgesprochenster Geltung. 

Die ursprüngliche Eigenart des von diesem Ein- 
fluß noch nicht berührten ostaramäischen Kultus wird 
am zuverlässigsten durch die Reste eines eucharistischen 
Liturgieformulars vertreten, die sich auf zwei dem 
6. Jahrhundert entstammenden Pergamentblättern des 
Britischen Museums erhalten haben. Nächst denselben 
sind es ein altes auf den Apostelfürsten Petrus oder die 
Gesamtheit der Apostel zurückgeführtes Meßformular 
der Maroniten und das den ,, Aposteln des Orients" 
Addai und Mär(j) zugeschriebene nestorianische Normal- 
formular der eucharistischen Feier, in welchen jene Eigen- 
art noch ihren Ausdruck findet. Doch ist bei dem 
nestorianischen Text ein merklicher Einfluß der byzan- 
tinischen, bei dem maronitischen ein solcher der späteren 
jakobitischen Liturgie bereits nicht zu verkennen. 

Die letztere selbst ist in ihren prosaischen Formu- 
laren durchweg und teilweise sogar in ihren Texten 
sangbarer liturgischer Poesie so entschieden als möglich 
von der griechischen Welt abhängig. Das altchristliche 
Jerusalem, das altchristliche Antiocheia und die byzan- 
tinische Kirchendichtung noch des 8. Jahrhunderts haben 
der Reihe nach bestimmend auf sie eingewirkt. Nur an 
der eigentümlichen Form des sogen. Sedhrä, einer Ab- 
folge von einleitendem Gottespreis, einem ursprünglich 
den Charakter eines allgemeinen Fürbittengebets tragen- 
den Hauptstück und abschließendem Gebet zur Be- 



Die Liturgie. 59 

gleitung eines Räucherungsaktes , hat sie einen echt 

aramäischen T}^us liturgischer Texte zur Entwicklung 

und Blüte gebracht, als dessen klassischer Meister der 

Patriarch Joliannän I. (631 — 648) gilt. 

Das Normalformular der jakobitischen Messe ist die dem 
„Herrenbruder" Jakobus beigelegte eucharistische Liturgie 
Jerusalems in einer nur teilweise von ihrer überHeferten grie- 
chischen abweichenden syrischen Textgestalt geworden. Nach 
dem Muster ihrer entsprechenden Gebete sind für den Zentral- 
teil der heiligen Feier, die sog. Anaphora, fast zahllose weitere 
Formulare geschaffen worden, die teils apokryphe Verfasser- 
namen an der Stirne tragen, teils wirklich als Schöpfungen 
hervorragender Persönhchkeiten der jakobitischen Kirchen- 
und Literaturgeschichte gelten dürfen, denen sie von der 
Überlieferung zugeschrieben werden. Die ältesten dieser 
gleich der vorbildhchen Jakobusliturgie im Laufe der Zeit 
auch von den Maroniten übernommenen Texte mögen bis 
in das späte 6. oder beginnende T.Jahrhundert hinaufreichen; 
der jüngste dürfte die „Anaphora" des Patriarchen Ignatios 
ibn Wähib (f 1304) sein. Das bedeutsamste Denkmal des auf 
die jakobi tische Liturgie von Antiocheia ausgeübten Ein- 
flusses ist das kirchliche Liederbuch (,,Oktoechos", nach den 
acht Kirchentonarten genannt), des Severus, das erstmals von 
einem Bischof Paulos aus dem Griechischen übersetzt wurde, 
seine endgültige syrische Textgestalt aber durch Ja^qübh von 
Edessa im Jahre 674/75 erhielt. Auch das älteste der von den 
Jakobiten benützten Formulare der Taufliturgie und das 
maßgebUche Formular ihrer Präsanktifikatenmesse werden 
Severus als ursprünglichem Verfasser zugeschrieben, was 
mindestens dafür eine Gewähr bieten dürfte, daß es sich auch 
hier um Übersetzung griechischer Originale handelt, die zu 
Antiocheia im Gebrauche waren. In nicht geringer Zahl sind 
endlich in syrischer Übersetzung griechische Kirchengesänge 
von dem durch Andreas von Kreta (f 720) zur Vollendung 
gebrachten Typus des sog. Kanons in das jakobitische Tag- 
zeitengebet übergegangen, wo sie als „griechische Kanones" 
den entsprechenden originalsyrischen Gesangstexten („^En- 
jäne") gegenübergestellt werden. Eine Neuordnung des Ponti- 
ficale und Rituale der Jakobiten hat im 12. Jahrhundert der 
Patriarch Mikhä'el I. vorgenommen. 



ßO Die syrische Literatur. 

Auch die nestorianische Liturgie hat schon vor 
ihrer entscheidenden Ordnung durch den Katholikos 
Iso^jabh III. in nicht unerheblichem Maße griechischen 
Einfluß erfahren. Nach derselben hat sich um ihre 
Weiterbildung besondere Verdienste noch der Katholikos 
Elias III., genannt Abu Halim (1175 — 1190) erworben, 
dessen Namen eine Sammlung zum Vortrag an der 
Grenze des täglichen Nacht- und Morgenoff iziums be- 
stimmter Gebetstexte trägt. 

Bereits Mar(i) Abhä I. hat aus dem Griechischen die 
beiden neben ihrer „Apostel"-Liturgie von den Nestorianern 
benützten Meßformulare unter dem Namen des Theodoros 
von Mopsuestia und des Nestorios übersetzt, von welchen das 
dem letzteren zugeschriebene eine der griechischen Chryso- 
stomosliturgie gegenüber ältere Gestalt der stadtkonstantino- 
poUtanischen Messe darstellt. Die Tätigkeit ISo'jabhs IIL 
hat sich hauptsächlich auf die Normierung des kirchlichen 
Tagzeitengebets für die Sonn- und Festtage und auf ver- 
schiedene Ritualien erstreckt, unter denen dasjenige der 
Taufe eine besondere Hervorhebung verdient. Für die nesto- 
rianische Messe hatte wohl schon diejenige seines gleich- 
namigen Vorgängers ISo'jabh I. (581—595) eine entsprechende 
maßgebliche Bedeutung gewonnen. 

Die gesamte byzantinische Liturgie ist endlich seit 
der Jahrtausend wende zum Gebrauche der Melkiten 
ins Syrische übersetzt worden, wobei merkwürdigerweise 
nicht selten ein arabischer Text die Mittelstufe zwischen 
dem griechischen Original und der neuen ostaramäischen 
Gestalt des in Konstantinopel heimischen Ritus bildete. 
Noch das 15. Jahrhundert, in welchem sie durch einen 
Bischof Makarios von Qärä und verschiedene Mitglieder 
seiner Familie eine besonders liebevolle Pflege gefunden 
zu haben scheint, ist eine Blütezeit dieser syrisch- 
melkitischen Liturgie gewesen, deren zahlreich erhaltene 
handschriftliche Denkmäler einen noch völlig ungenützten 



Apokryphen. 61 

Teil des überlieferten christlich-aramäischen Schrifttums 
bilden. Erst das 17. Jahrhundert sah als Liturgiesprache 
der syrischen Melkiten das iVrabische durchdringen oder 
das Griechische wieder eine, wenn auch beschränkte. 
Bedeutung gewinnen. 

3. Apokryphen. — Griechischer Einfluß ließ nament- 
lich, aber doch nicht ausschließlich im Schöße der 
jakobitischen Kirche auch in einzelnen Exemplaren 
der syrischen Bibel apokryphes Gut eine Stelle finden. 
So begegnen als heilige Schriften des Alten Testa- 
ments neben fünf apokryphen Psalmen gelegentlich: 
das sogen, dritte und vierte Ezrabuch, von denen das 
erstere, wie es scheint, den ursprünglich den hebräischen 
Büchern Ezra und Nehemia entsprechenden Septuaginta- 
text repräsentiert, das letztere, eines der bedeutendsten 
Stücke spätjüdischer Apokalyptik, von einem palästinen- 
sischen Juden unter dem noch frischen Eindruck der 
Zerstörung Jerusalems durch Titus abgefaßt wurde ; eine 
dieser Visionsschrift unter dem Namen Ezras nächst- 
verwandte Apokalypse des Baruch; die auf christlichem 
Boden als drittes und viertes Makkabäerbuch gezählten 
hellenistisch-] üdischen Legenden; ja selbst das siebente 
Buch von Flavius Josephus' Werk ,,über den jüdischen 
Krieg". Zwei angebliche Briefe des römischen Apostel- 
schülers Klemens ,,an die Jungfrauen", von deren etwa 
im 3. Jahrhundert entstandenem griechischem Original 
nur Bruchstücke erhalten sind, rücken entsprechend 
eng an das Neue Testament heran. 

Diese verhältnismäßig wenigen höchst gewerteten 
Nummern stellen indessen nur einen geringen Bruchteil 
der Gesamtmasse des den Syrern überhaupt vom griechi- 
schem Westen her zugeflossenen apokryphen Schrifttums 
dar. Außer dem wohl in das 1. Jahrhundert hinauf- 



52 I^ie syrische Literatur. 

reichenden altchristlichen Psalmenbuch der sogen. ,,Oden 
Salomons", das vollständig erst neuerdings durch eine 
syrische Übersetzung bekannt wurde, und einer umfang- 
reichen Literatur pseudo-apostolischer Kirchenordnungen, 
welche für das syrische Kirchenrecht eine grundlegende 
Bedeutung gewannen, gehört hierher vor allem noch eine 
ausgedehnte Schicht aus dem Griechischen über- 
tragener Legendenschriften, die für gläubigen Sinn 
eine Ergänzung teils der alttestamentlichen, teils der 
neutestamentlichen Geschichtsquellen bedeuteten. 

An Behandlungen alttestamentarischer Stoffe hat sich 
die ums Jahr 570 durch einen Mose von Aghel übertragene 
Geschichte von Joseph und seinem ägyptischen Weibe Aseneth 
vollständig erhalten. Nur Fragmente liegen dagegen syrisch 
von einem sich als , »Testament" des ersten Menschen ein- 
führenden christlichen Adambuch und von dem „Buche der 
Jubiläen" (oder der ,, kleinen Genesis") vor, einer ursprünglich 
hebräisch abgefaßt gewesenen Ausmalung der Patriarchen- 
geschichte in Geist und Geschmack des Spätjudentums. Aus 
dem Stoff kreise neu testamentlicher Legende sind zunächst 
die Übersetzungen des sog. „Protoevangeliums des Jakobus" 
(eines mindestens seinem Kerne nach schon von Origenes ge- 
kannten Marienlebens bis zum bethlehemistischen Kinder- 
mord), eines Textes der auf „Thomas, den Hebräer" zurück- 
geführten Kindheitsgeschichte Jesu und der als Pilatusakten 
bekannten Ausgestaltung der Auferstehungsgeschichte zu 
nennen. In mehreren Rezensionen liegt sodann syrisch die 
Erzählung vom Tode der seligsten Jungfrau und von den ihn 
begleitenden Wundern vor. Eine datierte Handschrift vom 
Jahre 411 hat eine mithin schon im 4. Jahrhundert über- 
setzte Rezension des altchristlichen Romans der sog. Kle- 
mentinen erhalten, die sich im ersten Teile näher mit der von 
Rufinus ins Lateinische übertragenen (den ,,Recognitiones"), 
im zweiten näher mit der im griechischen Original auf uns ge- 
kommenen (den 'OfiiKai) berührt. Auch andere ursprünglich 
griechisch geschriebene Apostelromane der altchristlichen 
Literatur waren einst in syrischer Übersetzung viel gelesen. 
Doch trägt, was sich sonst hier erhalten hat, den Charakter 
des Trümmerhaften. Neben Martyrien der Apostelfürsten 



Apokryphen. 63 

Petrus und Paulus bzw. des Evangelisten Lukas, dem apo- 
kryphen Briefwechsel zwischen Paulus und den Korinthern, 
den „Akten" der Paulusschülerin Thekla und einer Legende 
über die Auffindung des Paulushauptcs sind der den alten 
gnostischen „Akten" dieses Apostels entstammende Bericht 
über die „Entrückung" des Johannes, eine dem Kirchen- 
historiker Eusebios zugeschriebene Geschichte seines Wirkens 
in Ephesos sowie Texte über die Missionstätigkeit des Andreas 
und Matthias im Lande der Menschenfresser und des Phi- 
Hppus in Karthago namhaft zu machen. Durch eine Reihe 
syi'ischer Texte wird schließlich noch die weitverzweigte 
Kleinliteratur von Nachrichten über Leben und Lebensende 
der Propheten, Apostel und siebzig Jünger vertreten, die mit 
den Verfassernamen Dorotheos, Epiphanios und Hippolytos 
in Verbindung gebracht zu werden pflegt. 

Bevor das Einströmen dieser Legendenmasse von 
Westen her einsetzte, etwa um die Mitte des 3. Jahr- 
hunderts, war von einem Scbüler Bar Dai$äns an dem 
phantastischen Apostelroman der Thomasakten ein um- 
fangreiches Werk verfaßt worden, das, die Reihe ent- 
sprechender syrischer Originale eröffnend, umge- 
kehrt durch eine frühzeitige Übersetzung ins Griechische 
von Ost nach. Westen verbreitet wurde. Doch trägt der 
erhaltene syrische so gut als der griechische Text unver- 
kennbare Spuren einer nachträglichen Bearbeitung, die 
aus der Schöpfung eines nicht rechtgläubigen Autors 
das für katholische Leser Anstößige auszumerzen be- 
müht war. Vollends nur als Kern eines frühestens um 
die Wende vom 4. zum 5. Jahrhundert entstandenen 
Buches über die Urgeschichte des Christentums in Edessa, 
der ,, Lehre des Addai", liegt in ihrer ostaramäischen 
Muttersprache die schon von Eusebios gekannte edesse- 
nische Abhgarsage vor. 

Mit der BehandlungTdes einheimisch mesopotamischen 
Stoffes hat sich in diesem' Buche aus dem Griechischen über- 
nommenes und auf Palästina als seine Heimat zurückweisendes 



64 Die syrische Literatur. 

Legendengut verschmolzen; so vor allem die Sage von einer 
ersten Kreuzauffindung durch Protonike, die angebliche Ge- 
mahlin des Kaisers Claudius, die, auf einer Verwechs- 
lung der gleichnamigen Mutter Konstantins mit Helena, 
der Mutter des Königs Izates von Adiabene, beruhend, 
neben syrische Texte der konstantinischen Kreuzauffin* 
dungslegende tritt. 

Nach dem Vorbild der edessenischen ist weiterhin 
auch die persische Missionslegende in einer „Lehre der 
Apostel" und, nicht vor dem 6. Jahrhundert, in den 
jeder geschichtlichen Glaubwürdigkeit baren Akten des 
hl. Mär(j) literarisch behandelt worden. Andererseits 
berührt sich mit der Abhgarsage eine seltsame ,, Ge- 
schichte der dreißig Silberlinge des Judas", welche die 
als Blutgeld für den Erlöser gezahlten Münzen durch 
Abraham geprägt werden läßt, um dann ihre Schicksale 
durch die Jahrhunderte herab zu verfolgen. 

Das hier vielleicht erstmals von einem syrischen 
Originalschriftsteller betretene Gebiet christlich-alttesta- 
mentlicher Legende hat seinen maßgeblichen Anbau im 
6. Jahrhundert durch den unbekannten Verfasser eines 
fälschlich Aphrem beigelegten Werkes erfahren: der 
,, Schatzhöhle" (Me'ärath gazze), so benannt nach der 
Höhle, in der mit den Gebeinen Adams zusammen ein 
Paradiesesschatz von Gold, Weihrauch und Myrrhe ge- 
borgen wird. Die sagen verbrämte Patriarchengeschichte 
mündet hier in der Erdentiefe unter der Kreuzigungs- 
stätte Christi aus, wo der Stammvater des Menschen- 
geschlechtes durch das Blut des Gottmenschen die 
Reinigung von der Urschuld erfährt. Eine Neubearbei- 
tung dieses Stoffes und zugleich eine Ergänzung des- 
selben durch Apostellegenden und anderes teils histo- 
risches, teils theologisches, teils märchenhaftes Material 
hat nachmals im 13. Jahrhundert die syrische Renaissance- 



Die gelehrte Übersetzungsliteratur. 65 

literatur an dem ,, Buche der Biene" (Kethäbhä dhe- 
Dhebborithä) eines nestorianischen Erzbischofs Selemon 
von Basra gezeitigt. 

Eine in dieses letztere Sammelwerk aufgenommene 
Vision ,,des Methodios im Gefängnis" über die moham-, 
medanische Eroberung Syriens führt endlich auf das 
Gebiet original syrischer Apokalypsen hinüber, wie 
sie, zeitlich nach unten an die ,, Schatzhöhle" sich an- 
schließend, beispielsweise noch unter den Namen Daniels 
und Ezras in Umlauf gesetzt wurden und den Über- 
setzungen älterer christlicher Visionsschriften aus dem 
Griechischen wie derjenigen einer gegen Ende des 
4. Jahrhunderts entstandenen Paulusapokalypse Kon- 
kurrenz machten. 

4. Die gelehrte Übersetzungsliteratur. — Noch un- 
gleich bedeutsamer als auf den Gebieten des Bibeltextes 
der Liturgie und des apokryphen Schrifttums ist der 
griechische Einfluß für die syrische Welt dadurch ge- 
worden, daß sie ihm die bleibenden Grundlagen ihrer 
theologischen wie profanen Wissenschaft verdanken 
sollte. Die griechisch und die ostaramäisch redende 
Christenheit des römischen Syriens bildete von vorn- 
herein eine Kulturgemeinschaft, innerhalb deren die 
Verschiedenheit der Sprache als ein trennendes Hindernis 
geistigen Austausches nicht empfunden wurde. Es lag 
demgemäß nahe, daß schon im 4. Jahrhundert hervor- 
ragende Theologen des mehr oder weniger auf die 
Küstenzone beschränkten griechischen Sprachgebietes 
darnach trachteten, ihren Werken durch Übersetzung 
in das semitische Idiom des Hinterlandes auch in diesem 
Verbreitung und Einfluß gesichert zu sehen. Insbe- 
sondere die edessenische Perserschule mag schon lange 
vor dem Ausbruch der christologischen Wirren die Heim- 

Baumstark, Christi. Literatur. I. 5 



66 Die syrische Literatur. 

statte einer gelehrten Übersetzungstätigkeit zunächst 
auf theologischem Gebiete gewesen sein. 

Für eine syrische Übersetzung ihrer theologischen Schriften 
dürften selbst beispielsweise Eusebios von Kaisareia {\ 340) 
und der Bischof Titos von Bostra (y 375) gesorgt haben. Denn 
wie seine Kirchengeschichte und sein Buch über die Blut- 
zeugen Palästinas, liegen die „Theophania" des ersteren und 
die Homilien des letzteren gegen die Manichäer in Über- 
tragungen vor, die nach Maßgabe ihrer handschriftlichen 
Überlieferung noch zu Lebzeiten der Verfasser entstanden 
sein müssen. Auch eine Übersetzung von 25 Osterfestbriefen 
des hl. Athanasios wird wenigstens im allgemeinen als ein 
Beleg für frühzeitigen Übergang griechisch - kirchlichen 
Schrifttums auf ostaramäischen Sprachboden anzusprechen 
sein. Schwieriger ist es, zu sagen, wie weit auch theologische 
Texte der noch vorkonstantinischen Zeit von der einmal an- 
geregten Übersetzungstätigkeit in den Bereich ihrer Arbeit 
gezogen worden sein mögen. Denn entsprechende in syrischer 
Sprache vorliegende Bruchstücke brauchen keineswegs immer 
aus vollständigen Übersetzungen zu stammen. Vielmehr 
werden sie in den meisten Fällen als Zitate im Rahmen dogma- 
tischer Stellensammlungen, deren die streitenden Parteien 
in den theologischen Kämpfen des 5. und 6. Jahrhunderts 
sich bedienten, ihren Weg aus dem Griechischen ins Syrische 
gefunden haben. Immerhin haben sich neben einer Bear- 
beitung dreier Ignatiosbriefe (an Polykarpos, die Ephesier, 
die Römer), Fragmente des Polykarposbriefes, die auf eine 
Vollübersetung mit ziemlicher Sicherheit schließen lassen, 
und einer nur zu Anfang unvollständig überlieferten Über- 
tragung der Abhandlung des hl. Bischofs Gregorios ,,des 
Wundertäters" von Neokaisareia ,,über die Seele an Tatianos" 
in syrischen Texten von hervorragendem Alter die drei Apo- 
logien des Aristeides, des Meliton von Sardes und eines Un- 
bekannten erhalten, den die griechische Überlieferung des 
Textes seiner Schrift mit Justinos, die syrische anscheinend 
mit einem Freunde des Origenes Namens Ambrosios iden- 
tifiziert. 

Im frühen 5. Jahrhundert hat alsdann nachweislich 
Kyrillos von Alexandreia einzelne seiner Arbeiten, wie 
das an den Kaiserhof gerichtete Sendschreiben ,,über 



Die gelehrte Übersetzungsliteratur. 67 

den rechten Glauben", gleichzeitig mit der Veröffent- 
lichung des Originals zum Zweck der Übersetzung an 
Rabbülä nach Edessa gesandt. Mit der Übertragung 
der Werke des Theodoros von Mopsuestia hatte sogar 
noch etwas früher an der dortigen Perserschule ein Ma^nä 
begonnen, der am Abend seines Lebens im Jahre 420 für 
wenige Monate den Stuhl des Katholikos von Seleukeia- 
Ktesiphon bestieg. Das vom 5. Jahrhundert für Theo- 
doros Geleistete haben im G.Jahrhundert Mär(j) Abhä und 
sein Gehilfe Thomas von Edessa für Nestorios nachgeholt. 

Unter den erhaltenen Übersetzungen von Werken des 
Alexandriners nimmt wegen der ungenügenden Erhaltung des 
Originals diejenige seiner Erklärung des Lukasevangeliums 
einen hervorragenden Platz ein. An Proben der altnesto- 
rianisch«m Übersetzungsliteratur sind bislang der Kommentar 
des Theodoros zum Johannesevangelium, Auszüge seines 
Psalmenkommentars und ein von dem Verbannten zur Ver- 
teidigung seines theologischen Standpunktes verfaßtes Werk 
des Nestorios mit dem Titel „Handel des Herakleides" näher 
bekannt geworden. 

Die mit der Übertragung der Werke des Severus von 
Antiocheia einsetzende theologische Übersetzungsliteratur 
auf monophysitischer Seite hat ihren bahnbrechenden 
Vertreter an dem Bischof Paulos von Kallinikos ge- 
funden, der seit 519, von seinem Sitze vertrieben, sich 
zu Edessa mit literarischen Arbeiten beschäftigte. Eine 
Reihe der von ihm oder anderen erstmals übertragenen 
Texte hat dann durch Athanasios von Bälädh und Ja'"qübh 
von Edessa eine erneute syrische Bearbeitung erfahren, 
und vereinzelt haben nestorianische Gelehrte sogar erst 
des 8. und 9. Jahrhunderts Neuübersetzungen f von 
Stücken der orthodoxen patristischen Literatur"^ des 
4. Jahrhunderts unternommen, die im Schöße ihrer Sekte 
zunächst in älteren monophysitischen Übersetzungen 
gelesen worden waren. 

5* 



68 Die syrische Literatur. 

Von dem durch Übersetzung ins Syrische vor dem Unter- 
gang bewahrten Schriftennachlaß des Severus seien neben 
seinem Hauptwerke, dem „Philalethes", und den gegen 
JuHanos von HaUkarnassos gerichteten Streitschriften na- 
mentlich die in der doppelten Übertragung des Paulos und 
Ja'qübh vorliegende Sammlung der von ihm als Patriarch 
gehaltenen Predigten und die von Athanasios übersetzte 
Auswahl seiner Briefe hervorgehoben, von welcher sich we- 
nigstens das sechste Buch erhalten hat. Sergios von Ri§'"ainä 
ist der Urheber der später von einem Phokas, Sohn eines 
Sergios, aus Edessa und einem Theodoros bar Zarüdhi kom- 
mentierten Übersetzung der Schriften des vorgeblichen]|Areio- 
pagiten Dionysios. Chrysostomos, dessen Predigten man in 
der jakobitischen Kirche mit denjenigen des Severus gleich 
hoch schätzte, Basileios, dessen „Hexaemeron" eine hervor- 
ragende Bedeutung auf syrischem Boden gewann, Gregorios 
von Nyssa, Proklos von Konstantinopel, die asketischen 
Schriften eines Euagrios vom Pontos und Isaias von Skete, 
sowie eine aus dem Kreise des ApoUinarios von Laodikeia 
(t 390) hervorgegangene Schicht von Fälschungen auf die 
Namen Gregorios des Wundertäters, des Papstes Julius I. 
und anderer römischer Päpste fanden gleichzeitig oder wenig 
später ihre unbekannt gebliebenen Übersetzer. Selbst das 
Hauptwerk des Ketzers Johannes Philoponos, der die Drei- 
faltigkeit in eine Dreizahl von Göttern auflöste, hat sich gleich 
den seiner Bekämpfung gewidmeten Arbeiten des Severus in 
syrischer Übertragung erhalten. Im Jahre 624 hat sodann 
auf Cypern ein Abt Paulos die erste Übersetzung der Werke 
des „Theologen" Gregorios von Nazianz vollendet, mit denen 
sich weiterhin syrischer Gelehrtenfleiß besonders eifrig be- 
schäftigte. Zweimal ist nämlich diese grundlegende Über- 
setzung kommentiert worden. Athanasios von Bälädh hat 
auch ihr eine Neuübersetzung gegenübergestellt, und speziell 
die jambischen Gedichte des Heiligen haben im Jahre 665 
durch einen Januarios Kandidatos und im Jahre 805 durch 
einen Theodosios eine Sonderübertragung erfahren, ohne daß 
sich heute mehr ausmachen ließe, mit welcher dieser Arbeiten 
der erhaltene syrische Text derselben zu identifizieren sei. 

Aus derjenigen auf theologischem ist die Übersetzungs- 
tätigkeit auf philosophischem Gebiete herausge- 



Die gelehrte übersetzungsliteratur. 69 

wachsen, an die sich weiterhin eine solche auch auf den 
verschiedenen Gebieten sonstiger Profanwissenschaft an- 
schloß. Den Werken des Aristoteles haben neben den- 
jenigen des Mopsuesteners schon im Kreise der nestoria- 
nischen Übersetzer der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts- 
Hibhä, Kümi und ein Probhä, der als Staatsarzt und 
Archidiakon bezeichnet wird, ihre Kräfte gewidmet. 
Als die Syrer die Vermittlerrolle zwischen griechischer 
und arabischer Kultur übernahmen, traten den Aristo- 
telesübersetzungen selbst Übertragungen auch griechi- 
scher Aristoteleskommentare zur Seite. Sogar von den 
Hauptwerken Piatons scheint es damals einen syrischen 
Text gegeben zu haben. Nicht minder erlebte erst jetzt 
die Übersetzung von Werken griechischer Mediziner, 
Mathematiker und Naturforscher ihre Blütezeit, nach- 
dem beispielsweise diejenigen des Galenos bereits seit 
dem frühen 6. Jahrhundert angefangen hatten, der 
aramäisch redenden Ärzteschaft des mesopotamischen 
und persischen Ostens zugänglich gemacht zu werden. 

Erhalten hat sich von Denkmälern dieser einst so um- 
fangreichen profanen Übersetzungsliteratur allerdings nur 
verhältnismäßig sehr weniges. Hervorzuheben sind vor 
allem Übertragungen der Einleitungsschrift {Eioaycoyr}) des 
Porphyrios in das Studium der aristotelischen Logik und 
der drei ersten Schriften des aristotelischen ,,Organons" selbst 
{KuTt]yoot'ai, IJegl eo[n]veiug , 'Avakviixü), die teilweise aus 
dem Kreise der ältesten nestorianischen Übersetzer hervor- 
gegangen sind, teilweise von Sergios von Ri§''amä bzw. erst 
von Athanasios von Bälädh oder dem Araberbischof Georgios 
herrühren. Von weiteren Arbeiten des Sergios sind unter 
seinem Namen Reste von Übersetzungen verschiedener Werke 
des Galenos und eine solche der fälschlich dem Aristoteles 
beigelegten Schrift ,,über die Welt an Alexandros" über- 
liefert. Mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit dürfen auf ihn 
aber auch diejenigen populärphilosophischer Stücke des 
Plutarchos, Lukianos, Themistios und unter dem Namen 



70 Die syrische Literatur. 

des Isokrates zurückgeführt werden. Ja vielleicht ist er selbst 
mit dem gleichnamigen Übersetzer der Landwirtschaftslehre 
-eines Vindanios Anatolios aus Beirut identisch, dessen Arbeit 
in den sog. syrischen Geoponika fortzuleben scheint. 

Erwähnung erheischt endlich eine Übersetzung der 
kleinen Grammatik des Dionysios Thrax, in welcher 
-dieses Büchlein des 2. vorchristlichen Jahrhunderts für 
den gesamten Betrieb grammatischer Studien bei den 
Syrern grundlegend geworden ist. 

5. Theologie. — Innerhalb der theologischen Original- 
literatur der Syrer hat die Bibelerklärung von jeher 
die führende Stellung eingenommen. Doch sind von der 
gewaltigen Masse exegetischer Arbeiten, welche die 
früheren Jahrhunderte erwachsen sahen, leider nurmehr 
verhältnismäßig sehr bescheidene Trümmer erhalten ge- 
bheben. Einen Ersatz für das Verlorene bieten bis zu 
einem gewissen Grade vor allem drei aus der jakobitischen 
Kirche hervorgegangene Werke von wesenhaft kompila- 
torischem Charakter: ein sogen. Kettenkommentar zur 
ganzen Bibel, der von einem edessenischen Mönche 
Severus im Jahre 861 vollendet, aber um eine Schicht 
späterer Zusätze erst von einem Sem'"6n aus Hisn-Mansür 
bereichert wurde, die sehr ausführlichen Kommentare 
des Dionysios bar Salibhi zu beiden Testamenten und 
der auch die nestorianische Tradition berücksichtigende 
gedrängtere Bibelkommentar Bar "Ebhräjäs unter dem 
Titel der ,, Scheune der Geheimnisse" (Au$ar Räze). 

Die Kommentare Aphrems zum ersten und zum größeren 
Teile des zweiten Buches Mosis, Bruchstücke der Evangelien- 
erklärung des Philoxenos und der dreibändige Psalmen- 
kommentar eines schon dem 7. Jahrhundert angehörenden 
Daniel von Salah sind fast das einzige, was sich an exege- 
tischen Leistungen aus den beiden ersten Perioden der sy- 
rischen Literaturgeschichte in direkter Überlieferung erhalten 
hat. Selbst aus späterer Zeit haben sich von Werken nesto- 



Theologie. 71 

rianischer Excgeten, deren Zahl nachweislich eine besonders 
große war, nur das um 791 verfaßte ,,Scholionbuch" 
(Kethäbhä dh-Eskoljon) des Theodoros bar Koni, die bibli- 
schen „Fragen" des Katholikos ISö" bar Nun (vgl. unten 
S. 83) und die um 850 entstandenen Kommentare eines Metro- 
politen I§6'dadh von Merw zum Alten und Neuen Testament 
gerettet. Kein viel günstigerer Stern hat auch der noch einiger- 
maßen selbständigen jüngeren exegetischen Literatur der 
Jakobiten geleuchtet. Wälirend ein Kommentar des Patri- 
archen Georgios von Be'eltän (758 — 790) zum Matthäus- 
evangelium allerdings im wesentlichen unversehrt vorliegt, 
sind von einer gleichfalls dem 8. Jahrhundert entstammenden 
Erklärung der Evangelien und Paulusbriefe aus der Feder 
eines La^zar von Beth Qandasä große Teile verloren gegangen 
und von einem Kommentare MoSe bar Kephäs zur ganzen 
Bibel sogar wiederum nur recht dürftige Bruchstücke erhalten. 

Der starken mönchischen Gebundenheit des syrischen 
wie alles orientalischen Christentums entspricht sodann 
ein ausgedehntes asketisches Schrifttum, welches 
an einem Werke des Philoxenos „über die Verbesserung 
der Sitten" in dreizehn Homilien oder Büchern eines der 
sprachlich vollendetsten Denkmäler syrischer Prosa er- 
öffnet. Weiterhin gehört demselben der Nachlaß des 
Johannän Säbhä und des Ishaq von Ninive an, zweier 
Schriftsteller des späteren 6. Jahrhunderts, die von den 
Nestorianern zu den Ihrigen gezählt werden, deren weit- 
tragender Einfluß aber tatsächlich an irgendwelche 
Schranken des Bekenntnisses nicht gebunden ist. Des- 
gleichen hat aus dem 7. Jahrhundert der vom Nestoria- 
nismus zur chalkedonensisch-byzantinischen Orthodoxie 
übergetretene Sähdonä eine umfangreiche Anleitung zur 
christlichen Vollkommenheit hinterlassen. Abgeschlossen 
wird endlich auch hier die literarische Entwicklung durch 
Bar ^Ebhräjä in seinem größeren ,, Buche der Ethik" 
(Kethäbhä dh-Ithiqon), einer systematischen Darstellung 
asketisch gerichteter Moraltheologie für weitere Kreise, 



72 Die syrische liiteratur. 

und in dem kürzeren, sich speziell an die Einsiedlerwelt 
wendenden Buch der „Taube" (Kethäbhä dhe-Jaunä), 
dessen goldene Regeln geistlichen Lebens in eine der 
seelischen Entwicklung des Verfassers gewidmete Art 
autobiographischer Skizze auslaufen. 

Eifrigst haben sich ferner syrische Theologen mit 
Liturgie und Kirchenjahr beschäftigt. Die Haupt- 
feste des letzteren haben im 6. und 7. Jahrhundert einen 
Gegenstand regelmäßiger Vorlesungen an den nestoria- 
nischen Hochschulen von Nisibis und Seleukeia gebildet, 
aus denen entsprechende literarische Abhandlungen eines 
Thomas von Edessa, Qäjörä (Kyros) und anderer her- 
vorgewachsen sind. Umfassende Erklärungen des ge- 
samten nestorianischen Kultus besitzen wir weiterhin 
aus dem 10. Jahrhundert von dem Metropoliten Georgios 
von Arbela und aus dem 14. von dem Katholikos Timo- 
theos IL (1318 — 1328), während ältere Werke gleicher 
Art, wie dasjenige eines Abraham barLiph, bislange noch 
nicht wiedergefunden worden sind. Unter den Jakobiten 
hat vor allem Mose bar Kephä sowohl in einer Samm- 
lung von Festtraktaten, als auch in Erklärung der Tauf- 
liturgie der Messe und der Ordinationsriten mit nestoria- 
nischer Gelehrsamkeit gewetteifert und in der letzteren 
Richtung wie an Ja^qübh von Edessa einen Vorgänger, 
so an Dionysios bar Salibhi einen ebenbürtigen Nach- 
folger gehabt, unter dessen einschlägigen Arbeiten eine 
Meßerklärung den ersten Platz einnimmt. 

Mit dem Gebiete des Dogmas hat sich in älterer 
Zeit besonders Philoxenos in einer Reihe kürzerer Ab- 
handlungen und in zwei größeren Werken über die 
Trinitäts- und Inkarnationslehre beschäftigt. Der pole- 
mische Ton, welcher diesen Arbeiten ihr Gepräge gibt, 
ist bei dem fortdauernden Gegensatze der Konfessionen 



Philosophie. 73 

begreiflicherweise auch später vielfach erklungen. Doch 
wurden auch der Sphäre des christologischen Glaubens- 
kampfes entrückte Gegenstände wie die Lehren von der 
Seele, vom Paradiese, von der Auferstehung der Toten, 
vom Priestertum beispielsweise durch Mose bar Kephä 
und dessen um einige Jahrzehnte älteren jakobitischen 
Glaubensgenossen Johannän, Bischof von Därä, mono- 
graphisch behandelt. Systematische Gesamtdarstellungen 
der Glaubenslehre haben dagegen, wenn man von dem 
Werke Aphrähäts absieht, erst im Zeitalter der letzten 
syrischen Wiedergeburt auf jakobi tischer Seite Severus 
bar Sakkü in seinem ,, Schatzbuche" (Kethäbhä dhe- 
Gazze) und Bar ^Ebhräjä in seiner ,, Lampe des Heilig- 
tums" (Menärath Qüdhse), auf nestorianischer "" Abhdiso" 
in seinem ,, Buche der Perle" (Kethäbhä dhe-Margänithä) 
geschaffen. 

Die verschiedensten theologischen Gebiete sind 
schließlich in einer ausgedehnten Briefliteratur be- 
handelt worden, als deren Hauptvertreter Philoxenos, 
Ja^qübh von Serügh, Ja'"qübh von Edessa und die zwei 
nestorianischen Katholici Iso'jabh III. und Timotheos I. 
(779 — 820) erscheinen. Die besonders umfangreiche 
Korrespondenz der beiden letzteren gewährt zugleich 
einen Einblick in die kirchlich-administrative Tätigkeit 
der Verfasser, was deren Schreiben einen hervorragenden 
Wert auch als Urkunden zur inneren Geschichte der 
nestorianischen Kirche verleiht, während aus einzelnen 
Briefen des gelehrten Ja'"qübh von Edessa sich vorzugs- 
weise die schätzenswertesten Erkenntnisse bezüglich der 
älteren syrischen Liturgie und Literaturgeschichte er- 
geben. 

6. Philosophie. — Die Philosophie der aramäisch 
redenden Christen ist nicht ausschließlich eine Frucht 



74 Die syrische Literatur. 

der griechisch - syrischen Übersetzungsliteratur. Viel- 
mehr hatte man bereits in dem Kreise Bar Daisäns 
philosophischen Fragen Interesse entgegengebracht. Be- 
leg dafür ist ein Dialog ,,über das Schicksal" oder ,,über 
die Gesetze der Länder", in welchem einer seiner Schüler, 
Philippos, den Meister die Freiheit des menschlichen 
Willens verfechten läßt, eines der ältesten erhaltenen 
Denkmäler originalsyrischer Prosa, von dem eine in 
verschiedenen Auszügen kenntlich werdende griechische 
Übersetzung spätestens um die Wende vom 3. zum 
4. Jahrhundert entstanden sein muß. 

Seine bleibende Richtung hat das philosophische 
Denken und Schrifttum der Syrer allerdings durch die 
Anlehnung an die Griechen, vor allem an Aristoteles 
erhalten. Einer der frühesten Übersetzer der Werke 
des Stagiriten ist auch schon der erste jene Richtung 
vertretende Originalschriftsteller geworden: Probhä, von 
dessen selbständigen Arbeiten sich eine erklärende Para- 
phrase der Eioayojyrj des Porphyrios und ein Kommentar 
zu der aristotelischen Schrift tzeql SQjurjveiag und dem 
Anfang der 'AvaXvTixd erhalten haben. Das aristo- 
telische Organon, näherhin bis einschließlich des siebenten 
Kapitels des L Buches der letztgenannten Schrift, mit 
welchem theologisch ängstliche Gemüter das Studium 
der Logik abzubrechen liebten, ist nunmehr nächst der 
Bibel die führende Großmacht im gesamten syrischen 
Geistesleben geworden. Eine ,, Logik" in sieben Büchern, 
die Sergios von Ris'"ainä einem Bischof Theodoros von 
Merw gewidmet hat, das dem Großherrn Khosrau I. 
(531 — 578) gewidmete Logikkompendium eines etwas 
jüngeren Persers Paulos, ein Kommentar zum Organon 
bis einschließlich der 'AvaXvitxd von Georgios dem 
Araberbischof und ein solcher bis einschließlich der 



Philosophie. 75 

\ijTodeiy.Tiy.d von Dionysios bar Salibhi sind die be- 
deutendsten erhaltenen Denkmäler der über eine bloße 
Übersetzungstätigkeit hinausgehenden Beschäftigung 
der aramäischen Christenheit mit der peripatetischen 
Denklehre. 

Neben dem aristotelischen hat sich in breitem Strome 
auch neuplatonischer Geist in die syrische Gedanken- 
welt ergossen. Um die Wende vom 5. zum 6. Jahr- 
hundert hat ein um seiner verwegenen Spekulationen 
willen aus der mesopotamischen Heimat vertriebener 
Mönch Stephanos bar Südhaile, der in einem palästinen- 
sischen Kloster eine Zufluchtstätte fand, mit rücksichts- 
loser Konsequenz die Gedanken eines Origenes zu Ende 
denkend, diejenigen des angeblichen Areiopagiten an 
Kühnheit weit überbietend, in einem Buche, das er als 
Werk eines Schülers des Dionysios, mit Namen Hiero- 
theos, einführte, das christliche Dogma so radikal als 
möglich in pantheistischem Sinne aus- und umgedeutet. 
Auch das etwa im 10. Jahrhundert entstandene Buch 
eines Unbekannten ,,von der Erkenntnis der Wahrheit" 
oder ,,der Ursache aller Ursachen" entwirft ein wesent- 
lich von neuplatonischem Pantheismus bestimmtes 
Weltbild. 

Von einem Zeitgenossen des falschen Hierotheos, einem 
Mönche Johannän aus Euphemeia, der in Alexandreia seine 
philosophische Ausbildung erfahren hatte, hören wir, daß er 
sich geradezu offen zu dem idealistischen Monismus eines 
Plotinos bekannte, und die Annahme drängt sich auf, daß 
kein anderer als er der Urheber einer syrischen Bearbeitung 
der Bücher IV — VI der 'ErrsdSsc: dieses größten Neu- 
platonikers gewesen sei, welche unter dem Titel einer ,, Theo- 
logie des Aristoteles" ins Arabische übertragen und in ihrer 
neuen Gestalt eines der einflußreichsten Bücher des gesamten 
Mittelalters wurde. Gegen die Ketzerei des Stephanos bar 
Südhaile selbst haben sowohl Philoxenos als auch Ja^qübh 



76 Die syrische Literatur. 

von Serügh warnend die Stimme erhoben. Gleichwohl hat 
sein Werk an dem jakobischen Patriarchen Theodosios (887 
bis 893), von dessen eigentümlichem philosophischen Inter- 
esse auch eine Sammlung von Pythagorasworten Zeugnis ab- 
legt, und an Bar 'Ebhräja Kommentatoren gefunden, deren 
Hauptaufgabe allerdings eine möglichst orthodoxe Deutung 
seiner Gedanken sein mußte. Durch geheime Kanäle hat 
sich sein Einfluß auch auf die Mystik der mohammedanischen 
Süfis, wie auf diejenige des Abendlandes geltend gemacht. 

Der literarische Verfall, den allmählich doch die 
arabisch-mohammedanische Herrschaft für das christ- 
liche Aramäertum im Gefolge hatte, machte sich natur- 
gemäß mit besonderer Stärke auf dem Gebiete philo- 
sophischer Schriftstellerei geltend. Die etwa um die 
Mitte des 10. Jahrhunderts entstandene Sammlung von 
Definitionen eines gewissen Bäzüdh hat fast nur den 
Wert, diese Tatsache grell zu beleuchten. Eine um so 
bedeutsamere, aber wesentlich unter arabischem Ein- 
fluß stehende Nachblüte der peripatetischen 
Philosophie ist dafür eine der charakteristischsten 
Erscheinungen der syrischen Renaissanceliteratur. Se- 
verus bar Sakkü hat als erster ein in den neuen Bahnen 
sich bewegendes Gesamtsystem der Wissenschaften in 
seinem ,, Buche der Dialoge" entworfen. Das nämliche 
tat Bar ^Ebhräjä im Anschluß an Ibn Sinä (Avicenna), 
dessen letztes, erst aus dem Nachlasse des Verfassers 
ans Licht getretenes Werk, das ,,Buch der Winke und Er- 
weckungen" (Kitäb al-isärät wat-tanbihät) er sogar ge- 
radezu übersetzte, und an andere Philosophen des Is- 
lams mit breitester Ausführlichkeit in dem ,, Butter der 
Weisheit" ( Hewath Hekhmethä) oder ,, Weisheit der 
Weisheiten" (Hekhmath Hekhmäthä) betitelten groß- 
artigsten Denkmal der syrischen philosophischen Lite- 
ratur, und kürzer in dem sich eng speziell mit Ibn Sinäs. 
., Quellen der Weisheit" (^Ujün al-hikmah) berührenden 



Weltliche Fachwissenschaften. 77 

Buche von der ,,Ware der Waren" (Tegherath Teghe- 
räthä). In dem ,, Buche der Pupillen" (Kethäbhä dhe- 
Bhäbhäthä) hat er dagegen nur die aristotelische Logik, 
in dem ,, Buche der Weisheitsunterhaltung" (Kethäbhä 
dha-Sewädh Sophia) Logik, Physik und Metaphysik be- 
handelt. Neben und nach, ihm hat auch im nestoria- 
nischen Lager 'Abhdisö' sich mit philosophischen Gegen- 
ständen beschäftigt, doch, scheint sich von den betreffen- 
den Arbeiten desselben, unter denen gleichfalls ein 
System ,, aller Wissenschaften" in zwölf Büchern her- 
vorragte, nichts erhalten zu haben. 

7. Weltliche Fachwissenschaften. — Wie im Schatten 
der philosophischen alsbald auch eine medizinische Über- 
setzungsliteratur aus dem Griechischen sich entwickelt 
hatte, so haben die Syrer nicht minder mit selbständigen 
literarischen Arbeiten wohl auf keinem Gebiete einer 
profanen Fachwissenschaft sich eifriger betätigt als auf 
demjenigen der Heilkunde, deren hervorragendste Ver- 
treter aramäisch redende Christen, wie später an dem- 
jenigen der Kalifen, so schon am Hofe der sassanidischen 
Großherren waren. Allein die noch ungleich bedeutendere 
medizinische Literatur in arabischer Sprache hat diese 
ihre syrische Vorstufe rasch derartig in Schatten gestellt, 
daß von ihren Denkmälern sich auch nicht ein einziges 
erhalten zu haben scheint. 

Als Schüler der Griechen haben die Syrer sich so- 
dann auch mit Himmels- und Erdkunde befaßt, 
und davon, wie hier zunächst syrische Wissenschaft und 
wissenschaftliche Literatur die Traditionen der helle- 
nistischen fortsetzte, geben wenigstens einige Bruch- 
stücke astronomischen und geographischen Inhaltes aus 
der Feder des Sergios von Ris'^ainä und Severus Sebhokht 
Zeugnis. In der Folgezeit hat einerseits das griechische 



78 -Die syrische Literatur. 

Wunderbuch des sogen. Physiologos auf die naturkund- 
liche Literatur der Syrer einen bestimmenden Einfluß 
ausgeübt; andererseits liebte man es, naturwissenschaft- 
liche Kenntnisse in der Form des Hexaemerons, d. h. 
eines selbständigen weitschichtigen Kommentars zum 
biblischen Scböpfungsbericht niederzulegen. Unter dem 
Einfluß der arabisch-mohammedanischen Wissenschaft 
steht schließlich wieder das ,,Buch des geistigen Auf- 
stieges" (Kethäbhä dhe-Sulläqä haunänäjä), in welchem 
die mathematischen und astronomischen Kenntnisse 
Bar "Ebhräjäs niedergelegt sind, während auf dem Ge- 
biete der Chemie eine Keihe syrischer Traktate durch 
ihren gesunden, wirkliches Experiment in den Dienst 
gewerblicher Praxis stellenden Geist sich sehr zu ihrem 
Vorteil von der alchimistischen Richtung arabischer 
Pseudowissenschaft abhebt. 

Die mit dem Namen des Physiologos bezeichnete Samm- 
lung wunderbarer Geschichten zunächst ausschließlich von 
Tieren, scheint in den Kreisen der hellenistischen Judenschaft 
Alexandreias entstanden zu sein. Die älteste griechische Ge- 
stalt des Büchleins ist schon Origenes bekannt gewesen, 
während die maßgebhche byzantinische Redaktion dem hl. 
Epiphanios von Konstantinia auf Cypern (f 403) zugeschrieben 
wird. Syrisch haben sich drei verschiedene Rezensionen er- 
halten, von welchen die zweite den Text durch Erläute- 
rungen auf Grund der Bibel und der christlichen Glaubens- 
lehre im Geiste theologischer Erbauungsliteratur erweitert, 
die dritte auch das Pflanzen- und Mineralreich berücksichtigt 
und reichliche Anleihen bei arabischen Quellen gemacht hat. 
Von zwei erhaltenen prosaischen Hexaemera ist das eine durch 
Ja''qübh von Edessa in seinen letzten Jahren begonnen und 
nach dem Tode des Hauptverfassers durch Georgios den 
Araberbischof vollendet worden, das andere ein Werk MoSe 
bar Kephäs. 

Zu einer intensiven gelehrten Beschäftigung mit der 
eigenen Sprache mußte man sich angeregt sehen, sobald 



Weltliche Fachwissenschaften. 79 

diese durch das Arabische in ihrer Herrschaft im münd- 
lichen Verkehr bedroht zu werden und demgemäß eine 
Unsicherheit in ihrem korrekten Gebrauche sich anzu- 
künden anfing. So ist denn Ja^qübh von Edessa der 
eigentliche Begründer der grammatischen Studien 
und einer grammatischen Literatur der Syrer geworden, 
deren erhaltene systematische Hauptwerke in Prosa die 
Grammatik des Elias bar Sinäjä, die größere von zwei 
Grammatiken des Nestorianers Joliannän bar Zo^bi, der 
um die Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert blühte, 
und die ,,Buch der Strahlen" (Kethäbhä dhe-Semhe) 
betitelte große Grammatik Bar ^Ebhräjäs darstellen. 
Der letztere hat neben derjenigen der vom Griechentum 
abhängigen älteren syrischen Grammatiker in glück- 
licher Weise die Methode arabischer Sprachwissenschaft 
zur Geltung gebracht, die schon vor ihm der nestoria- 
nische Katholikos Elias I. aus Tirhän (1028 — 1049) in den 
grammatischen Studienbetrieb der Syrer eingeführt hatte. 

Als grammatische Schriftsteller sind schon vor Ja^qübh 
von Edessa Ahüdheemmeh, der älteste Apostel des jakobi- 
tischen Monophysitismus in Persien (vgl. S. 21), bzw. neben 
ihm sein wohl älterer Zeitgenosse, der Säulenmönch Jo- 
liannän von Litarba, hervorgetreten. Doch werden uns 
deren Arbeiten wie, abgesehen von wenigen Bruchstücken, 
auch diejenige Ja'qübhs selbst nur mehr durch die Auszüge 
kenntlich, welche die Späteren aus ihnen mitteilen. Das 
nämliche Schicksal einer nur fragmentarischen Erhaltung hat 
auch die grammatische Schrift eines selbst erst dem 13. Jahr- 
hundert angehörenden David bar Paulos betroffen. Dagegen 
hat sich neben seinem Hauptwerke, einer übrigens nicht recht 
befriedigenden Jugendarbeit, von Elias I noch eine Abhand- 
lung über die Akzente vollständig dadurch erhalten, daß 
Johannän bar Zo^bi sie in seine große Grammatik aufgenom- 
men hat. Über die Behandlung der Grammatik in metrischer 
Form vgl. unten S. 105 f. 

Eine Mittelstellung zwischen Grammatik und Lexi- 



80 Die syrische Literatur. 

kographie nimmt eine in der Eigentümlichkeit der 
semitischen Konsonantenschrift bedingte Gruppe von 
Schriften über Aussprache und Bedeutung verschiedener, 
ohne Bezeichnung der Vokale in ihrem Schriftbild zu- 
sammenfallender Worte ein. Solche sind von einem 
nestorianischen Mönche ^Enäniso^ einem Studienge- 
nossen des nachmaligen Katholikos Iso^jabh III., von 
Hunain ibn Isliaq, von einem vielleicht mit Joliannän 
bar Zo'bi zu identifizierenden Unbekannten und von 
Bar ^Ebhräjä auf uns gekommen, während die älteste 
Arbeit der Art, welche schon im frühen 6. Jahrhundert 
ein Nestorianer Joseph Hüzäjä, der Erfinder der aus 
einem System von Punkten bestehenden nestorianisch- 
ostsyrischen Vokalbezeichnung, geschaffen hatte, unter- 
gegangen ist. Umfangreiche syrische Lexika von alpha- 
betischer Anordnung haben sich von Iso*" bar "Ali, 
einem Schüler Hunain ibn Ishaqs, von Iso" bar Bahlül, 
der im Jahre 963 in der nestorianischen Kirchengeschichte 
eine gewisse Rolle gespielt hat, und von einem nicht 
näher bekannten Eudochos erhalten Elias bar Sinäjä 
ist dagegen der Verfasser eines sachlich geordneten 
syrisch-arabischen Wörterbuches. 

Grundlegend für die Entwicklung der syrischen Lexiko- 
graphie selbst ist eine Arbeit Hunains geworden, die nach 
Maßgabe ihres Titels einer Erklärung speziell des ins Syrische 
übergegangenen griechischen Sprachgutes gewidmöt war. 
Eine erste, vielfach abweichende Erklärungen bietende Er- 
gänzung derselben war das Werk eines Zacharias von Merw. 
Auf den Schultern dieser beiden Vorgänger steht Bar "Ali, 
dessen Lexikon in einer Mehrzahl von Handschriften wieder 
um Zusätze eines Abraham bereichert ist, dem der Verfasser 
es gewidmet hatte. Als Hauptquelle Bar Bahlüls ist daneben 
das Lexikon eines nestorianischen Bischofs Henäniso" bar 
Saroäwai von Hira einflußreich geworden, das um die Wende 
vom 9. znm 10. Jahrhundert entstanden sein dürfte. 



Das bürgerliche und kirchliche Recht. 81 

Eine einzigartige Stellung im Rahmen des syrischen 
Schrifttums behauptet schließlich eine Rhetorik, 
welche ein jakobitischer Mönch der ersten Hälfte des 
9. Jahrhunderts, Anton (Antonios) von Taghrith, seinem 
Volke geschenkt hat. 

8. Das bürgerliche und kirchliehe Recht. — Wie für 
alle syrische Wissenschaft, so sind auch für das im 
Schöße der verschiedenen syrischen Kirchen geltende 
Recht in weitem Umfange Übersetzungen aus dem 
Griechischen die maßgebliche Grundlage geworden. Für 
die auch unter der mohammedanischen Herrschaft der 
bischöflichen Jurisdiktion mit unterstellt gebliebene 
Sphäre bürgerlichen Rechtslebens hat das vor- 
justinianische Recht des christlich gewordenen Römer- 
reiches in verschiedenen Redaktionen sich bleibende 
Geltung bewahrt. Nicht minder haben die Konzils- 
kanones auch lokaler Kirchenversammlungen desselben 
und rechtliche Entscheidungen unter dem Namen her- 
vorragender Kirchenfürsten der griechisch-römischen 
frühchristlichen Welt eine entsprechende Bedeutung als 
Quellen des syrischen Kirchenrechts behauptet. 
Namentlich sind als solche aber, wie schon oben zu 
berühren war, zahlreiche Stücke einer ausgedehnten 
pseudo-apostolischen Literatur zu höchstem Ein- 
fluß gelangt. Neben der syrischen Übersetzung der an- 
scheinend in einer palästinensischen oder nordwest- 
syrischen Gemeinde des 3. Jahrhunderts entstandenen 
,,Didaskalia der Apostel", die noch zuverlässiger in 
einer alten lateinischen Übersetzung erhalten ist und 
die Grundlage der Bücher I — VI der griechischen 
„Apostolischen Konstitutionen" bildet, sind hier vor 
allem zwei Korpora gleich den letzteren angeblich durch 
den xlpostelschüler Klemens vermittelter apostolischer 

Baumstark, Christi. Literatur. I. 6 



82 Die syrische Literatur. 

Satzungen namhaft zu machen : die nestorianische Samm- 
lung der Beschlüsse zweier vorgeblicher Apostelkonzile 
und ein pseudo-apostolisches Eechtswerk der Jakobiten 
in acht Büchern, das durch die Übersetzung des gegen 
Ende des 5. Jahrhunderts entstandenen und in griechi- 
schem Original nicht mehr erhaltenen „Testaments 
unseres Herrn Jesus Christus" eröffnet wird. 

Das bürgerliche Recht Roms ist der aramäischen Christen- 
heit erstmals durch die in monophysitischen Kreisen noch 
des 5. Jahrhunderts entstandene Übersetzung eines Korpus 
der „weltlichen Gesetze" näher gebracht worden, dessen 
griechisches Original ums Jahr 477 redigiert worden sein 
dürfte. Die Folgezeit hat dann mehr als eine Neuübersetzung 
nächstverwandter Rechtsbücher gebracht. Insbesondere haben 
die Nestorianer neben einer ursprünglichen Sammlung der 
„Gesetze und Bestimmungen der christlichen ßaodEig Kon- 
stantinos und Leon", eine ,, andere Übersetzung" der näm- 
lichen, aber um erhebliche Zusätze vermehrten Gesetze und 
eine angeblich auf Befehl des Kaisers Valentinianus IL vom 
hl. Ambrosius redigierte Gesetzsammlung erhalten. Für die 
Übertragung einer Reihe kirchenrechtlicher LTrkunden aus 
dem Griechischen ins Syrische ist ausdrücklich das Jahr 687 
bezeugt. Von Konzilskanones fanden vor allem diejenigen der 
vier ersten allgemeinen Kirchenversammlungen von Nikaia, 
Konstantinopel (381), Ephesos und Chalkedon und der sieben 
Provinzialsynoden von Agkyra, Neokaisareia, Gangra, An- 
tiocheia (330), Laodikeia, Sardika (343) und Karthago 
in syrischer Übersetzung eine ausgedehnte Einflußsphäre. 
Die älteste Übersetzung einer einschlägigen Sammlung ist vor 
dem Jahre 501, ja wahrscheinlich schon vor dem Ephesi- 
nischen Konzil entstanden. Die wohl spätestens im 9. Jahr- 
hundert bereits syrisch vorhandenen angeblichen zwei Apostel- 
konzile lassen auf die mit einem legendarischen Bericht über 
die Missionstätigkeit der einzelnen Apostel verbundenen 
Rechtssatzungen einer griechisch nicht erhaltenen „Lehre der 
Apostel" eine Übersetzung der griechisch einen Anhang der 
,, Konstitutionen" bildenden ,, Apostolischen Kanones" und 
eine solche der Kapitel 27 — 46 des achten Buches der ,, Kon- 
stitutionen" folgen. Das achtteilige pseudo-apostolische 



Das bürgerliche und kirchliche Recht. 83 

Rechtsbuch der Jakobiten ist nach 687 aus ursprünglich selb- 
ständigen Übersetzungen griechischer Vorlagen zusammen- 
gestellt worden. Auf den die beiden ersten Bücher bildenden 
syrischen Text des ,, Testaments unseres Herrn" folgt als 
Buch III die Übertragung der in Ägypten wohl gegen Ende 
des 3. Jahrhunderts entstandenen „Apostolischen Kirchen- 
ordnung" und in den Büchern IV — VII eine solche der 
verschiedenen Bestandteile des achten Buches der Konstitu- 
tionen, worauf als letztes Buch diejenige der griechischen 
„Apostolischen Kanones" den Schluß macht. 

Das von ihr übernommene Erbe griechischen Kirchen- 
rechts hat in ebenbürtiger Weise vor allem dienestoria- 
nische Kirche durch die Beschlüsse einer Reihe von 
persischen Kirchenversammlungen ergänzt, deren erste 
im Jahre 410 zu Seleukeia-Ktesiphon zusammengetreten 
war. Die Akten derselben wurden mit einigen wenigen 
andersartigen Urkunden kirchlicher Rechtsentwicklung 
des persisch-nestorianischen Ostens anscheinend zur Zeit 
des Katholikos Henäniso' II. (775/76—780) in dem 
,,Synodosbuche" (Kethäbhä dhe-Sünhädhos) zusammen- 
gefaßt. Entsprechend treten neben das aus dem 
Griechischen übersetzte Kaiserrecht im Gebiete der 
bürgerlichen Rechtssphäre namentlich die Rechtsbücher 
der drei Katholici Henäniso" I. (686 — 693), Timotheos I. 
und Iso^ bar Nun (820 — 824), sowie die ursprünglich in 
Pehlewi abgefaßten und erst nachträglich von ihren 
Urhebern auch syrisch herausgegebenen Rechtsent- 
scheidungen der Metropoliten Sem'"6n und Iso^bokht 
von RewärdeSir, Rechtsquellen, in denen neben einer 
durch den christlichen Geist bedingten selbständigen 
Rechtsbildung der Einfluß vorrömisch-hellenistischen 
wie altorientalischen Rechtes fühlbar wird. 

Die Reihe der demgegenüber bei den Jakobiten 
anerkannten originalsyrischen Rechtsdenkmäler eröffnen 
drei teilweise speziell das Mönchsleben und das Leben 

6* 



84 Die syrische Literatur. 

des Weltklerus regelnde Serien von Kanones des Rabbülä. 
an welche sich weiterhin namentlich solche des Bischofs 
Johannän bar Qürsos von Tellä (1 538) und Ja^qübhs 
von Edessa anschließen. Eine abschließende Kodifi- 
kation der geltenden Rechtsbestimmungen in der Form 
eines nach Materien geordneten sogen. Nomokanons hat 
auf jakobitischer Seite Bar ^Ebhräjä in seinem ,,B^che 
der Leitungen" (Kethäbhä dhe-Huddäje), auf nestoria- 
nischer ''Abhdiso'" in einer von ihm noch als Priester 
zusammengestellten ,, Sammlung der synodalen Kanones" 
und in einer nach seiner Erhebung zur bischöflichen 
Würde verfaßten,, Tafel der kirchlichen Rechtssatzungen" 
hinterlassen, nachdem wenigstens auf der letzteren ähn- 
liche Arbeiten schon früher mehrfach unternommen 
worden waren. 

9. Hagiographische Prosa. — Der weitschichtigen 
gelehrten Prosa der Syrer steht eine nicht minder um- 
fangreiche prosaische Erzählungsliteratur zur Seite, die 
zu ihrem größten Teile hagiographischen Inhaltes ist. 
Eine ausgedehnte Schicht originalsyrischer Mär- 
tyreraktenist hier an erster Stelle zu würdigen. Neben 
dem wohl zeitgenössischen Bericht über das anscheinend 
ins Jahr 308 fallende Martyrium einer Gruppe von 
Blutzeugen des noch westlich von Euphrat gelegenen 
Samosata kommen zunächst vier Stücke über solche 
der Osrhoene in Betracht, deren historische Verläßlich- 
keit nicht allzu hoch scheint eingeschätzt werden zu 
dürfen. Ungleich höher steht, soviel auch hier an 
legendarischer Ausschmückung von Fall zu Fall sich 
beimischte, der geschichthche Wert zahlreicher Texte 
über den Glaubenskampf von Bekennern der persischen 
Christenverfolgungen, von denen solche über die Opfer 
zunächst derjenigen Säpürs IL unmittelbar nach deren 



Hagiographische Prosa. 85 

Ende durch Märüthä von Maipherqat und den Katho- 
likos Ahai (410 — 415) gesammelt worden sein sollen. 
Einen zeitgenössischen Wiederhall in syrischer Sprache 
haben endlich auch die Leiden der südarabischen Christen 
des frühen 6. Jahrhunderts gefunden. 

Von den Akten edessenischer Märtyrer geben sich die- 
jenigen des Güriä und Sämonä bzw. eines Diakons Habbibh 
als zeitgenössische Aufzeichnungen eines Theophilos aus den 
Tagen der diokletianischen Verfolgung, und wenigstens ein 
alter Kern scheint in ihnen, wenngleich von späterer Hand 
nicht unerhebhch überarbeitet, vorzuliegen. In den Akten des 
Bischofs Barsamjä und eines von ihm bekehrten heidnischen 
Priesters Sarbil hat dagegen jüngere Legendenbildung, etwa 
des 5. Jahrhunderts, günstigstenfalls an geschichtliche Er- 
eignisse aus der Zeit des Decius (249—251) angeknüpft, wobei 
sie dieselben fälschlich in die traianische (97 — 117) hinauf- 
rückte. Den Eindruck wesentlich sehr beachtenswerter Ge- 
schichtsquellen machen demgegenüber vor allem die meisten 
erhaltenen Berichte über Martyrien aus der Zeit Säpürs II., 
ohne daß sich indessen mit Bestimmtheit sagen ließe, wie 
weit wir in denselben die Sammlung Märüthäs oder Ahais 
besitzen. Doch wurden einzelne Episoden aus diesem ersten 
Heldenzeitalter der persischen Kirche auch erst in erheblich 
späterer Zeit und in einem durchaus legendarischen Geiste 
verherrlicht, wie ihn z. B. die vermutlich im 6. Jahrhundert 
entstandenen Akten eines persischen Kommandanten der 
Adiabene Namens Qardagh atmen, der im Jahre 358 seinen 
Übertritt zum Christentum mit dem Leben gebüßt haben 
soll. Vielfach nur einen geringeren historischen Wert besitzen 
auch die Erzählungen über spätere persische Martyrien, 
unter denen an besonders bemerkenswerten Stücken die von 
einem Mönche spätestens wieder des 6. Jahrhunderts abge- 
faßte ,, Geschichte der Stadt Beth Selokh" und die in mehreren 
Rezensionen vorhegenden Akten des besonders hochver- 
ehrten hl. Pethjon auf die Zeit Jezdegerds IL (438 — 457) und 
die von Bäbhai, Abt des Izlä-Klosters, (f 628) bzw. dem Katho- 
likus Igo^jabh III. herrührenden Berichte über das Martyrium 
eines in der Taufe Georgios genannten vornehmen Persers 
Mihramgusnasp und eines Mönches Ig6''sabhran auf diejenige 
Khosraus IL (590 — 628) Bezug haben. Auf die himjaritische 



86 Die syrische Literatur. 

Christen Verfolgung des Jahres 524 beziehen sich nächst einem 
an die Verfolgten gerichteten Trostschreiben Ja^qübhs von 
Serügh ein als GeschichtsqueU besonders schätzenswerter 
Brief Sem'ons von Beth ArSam und ein nur in griechischer 
Übersetzung erhaltenes „Martyrium des Aretas", dessen sy- 
risches Original einen Bischof Sergios von Resäphä zum Ver- 
fasser hatte. 

Um Übersetzungen aus dem Griechischen 
handelt es sich hier demgegenüber bei der großen Masse 
der nicht wenigen syrischen Texte über das Ende von 
Blutzeugen der römischen Welt. Wenn diese Schicht 
hagiographischer Übersetzungsliteratur im allgemeinen 
wohl nur ein recht bedingtes Interesse einflößt, so ent- 
hält doch auch sie an der alten Übertragung der in 
dieser ausführlicheren Gestalt griechisch nicht voll- 
ständig erhaltenen Schrift des Eusebios über die palästi- 
nensischen Märtyrer seiner eigenen Zeit eine Perle ersten 
Banges. Was von syrischen Originalen sich mit angeb- 
lichen Märtyrern des Westens beschäftigt, gehört so 
vollständig wie die frühzeitig ins Griechische übersetzte, 
im Edessa des 5. Jahrhunderts heimische Sage von den 
Sieben Schläfern von Ephesos oder die Geschichte eines 
römischen Blutzeugen ""Azzazä'il der Sphäre freischaffen- 
der Legendendichtung an. 

Diese hat auch eine Keihe von Idealbildern der Ver- 
körperung des mönchisch-asketischen Gedankens 
hervorgebracht. Von denselben ist die aus dem Kreise 
Rabbüläs hervorgegangene Legende vom ,, Manne Gottes 
aus Rom" zu einer internationalen Bedeutung gelangt, 
vermöge deren Behandlungen des Stoffes in fast allen 
von Christen des Mittelalters geredeten Sprachen vor- 
liegen. 

Der Held der Legende entflieht in seiner Hochzeitsnacht 
aus Rom, um in Edessa ein Leben weltflüchtigen Büßertunis 
zu führen, und stirbt in den Tagen des Rabbülä. Spätere 



Hagiographische Prosa. 87 

Bearbeitungen, welche den alten Kern verscliiedenartig er- 
weitern, haben den ursprüngHch Namenlosen teils als Jo- 
hannän, Sohn eines Euphemianos oder ,,mit dem goldenen 
Evangelienbuche", teils mit dem Namen des hl. Alexios be- 
zeichnet, den er in der griechischen und in der abendlän- 
dischen Überlieferung der Sage führt. Die letztere wird durch 
zahlreiche, teils lateinische, teils volkssprachliche Alexius- 
lieder wie das mittelhochdeutsche des Konrad von Würzburg 
(t 1287) vertreten. — Einer wissenschaftlichen Untersuchung 
bedarf noch der sjTische Prosatext einer geistig nächstver- 
wandten xArcheladios- oder Archelliteslegende, die ihre maß- 
gebliche literarische Bedeutung in koptischer Poesie gewinnen 
sollte. (Vgl. unten S. 126 f.) 

Neben der reinen Mönchslegende steht die Einzel 
biographie hervorragender Kirchenmänner meist von 
asketischer Richtmig, in welcher ein mehr oder weniger 
starker legendarischer Einschlag den geschichtlichen Be- 
richt durchsetzt. Das weitaus Beste sind hier aus alter 
Zeit die Geschichte eines Bischofs Eusebios von Samo- 
sata, in der eine zeitgenössische Hand das Bild der Be- 
drückung des katholischen Christentums durch die 
Arianer unter Kaiser Valens (364 — 378) gezeichnet hat, 
die von einem seiner Kleriker verfaßte Biographie 
Rabbüläs selbst und die aus dem Jahre 472 stammende 
des gefeierten Säulenheiligen Sem^on, dessen Standort 
eine der großartigsten Klosteranlagen des frühchrist- 
lichen Ostens (das heutige Ruinenfeld von QaFat Sim^än) 
mit ihrer wunderbaren Architektur bezeichnete. Die 
monophysi tischen Kreise des 6. Jahrhunderts haben 
ziemlich unmittelbar nach der Entstehung der griechi- 
schen Originale eine Reihe ähnlich wertvoller Lebens- 
beschreibungen durch Übersetzung der syrischen Lite- 
ratur einverleibt, in deren Rahmen sie allein sich 
erhalten sollten. Weitere aramäische Originalarbeiten 
über die bedeutendsten Persönlichkeiten aus der Werde- 



88 Die syrische Literatur. 

zeit des jakobitischen Kirchentums schlössen sich an 
diese Übersetzungen an und fanden bald auch auf 
der nestorianischen Seite Nachahmung. Auf letzterer 
bat noch die Spätzeit syrischer Literatur eine Biographie 
von hochinteressantem Inhalt an derjenigen des Katho- 
likos Jabhallähä III. (1281—1317), eines in China ge- 
borenen Mongolen, hervorgebracht. 

Von älteren Heiligenbiographien tretendiejenige Aphrems, 
die ihm als Verfasser zugeschriebenen eines Abraham von 
Kidhünä und Julianos Säbhä, sowie die Legende des hl. Euge- 
nios hinter den genannten drei besten Stücken an geschicht- 
lichem Wert erheblich zurück. Unter den aus dem Grie- 
chischen übersetzten altmonophysitischen Texten stehen 
neben der besonders wertvollen Lebensbeschreibung eines 
Petros des Iberers (f 485) Arbeiten aus der Feder eines als 
Bischof von Mitylene verstorbenen Rhetors Zacharias obenan, 
von denen sich die Biographie eines Asketen Isaias und eine 
vielfach den Charakter von Memoiren tragende Verteidigung 
der jüngeren Lebensjahre des Severus von Antiocheia erhalten 
haben. Auch die Lebensbeschreibung des letzteren von Jo- 
hannän bar Aphtonjä scheint ursprünglich griechisch abge- 
faßt gewesen zu sein. Weiterhin liegen original -S5n?ische Bio- 
graphien vor allem von Ja'qübh Bürde'anä, Aliüdheemmeh, 
JohannänvonTellä, Märüthä vonTaghrith und von den beiden 
nestorianischen Kathohci Mär(j) Abhä und SabhriSo'" (596 
bis 604) vor. 

Auch die Gründungsgeschichte oder Gründungs- 
legende und das Leben späterer hervorragender Gottes- 
männer einzelner Klöster fanden monographische Be- 
arbeitungen. Eine umfassendere mönchsgeschichtliche Ar- 
beit hat sodann als erster Johannän von Ephesos in seiner 
bald nach 568 abgeschlossenen Sammlung von Lebens- 
beschreibungen ,, seliger Morgenländer" geschaffen, die 
durchweg Gestalten seiner eigenen Zeit gewidmet sind. 
Etwa gleichzeitig mag die Übersetzung eines verwandten 
Werkes aus dem Griechischen erfolgt sein: der haupt- 



Hagiographische Prosa. 89 

sächlich dem jüngeren Mönchsleben Palästinas ent- 
nommenen Anekdoten, die der monophysitische Bischof 
Johannes von Maiuma bei Gaza um die Wende vom 
5. zum 6. Jahrhundert unter dem Titel rih]Qoq)OQLat zur 
Bekämpfung des chalkedonensischen Bekenntnisses zu- 
sammengetragen hatte. Noch wichtiger war die Über- 
tragung der hervorragendsten Quellenschriften zur Ge- 
schichte des altägyptischen und altpalästinensischen 
Mönchtums, die auf syrischem Boden zu einem einheit- 
lichen Gesamtkorpus unter dem Titel eines ,, Paradieses 
der Väter" vereinigt wurden und unter denen die um 
420 entstandene ,, Geschichte an Lausos" eines Palladios 
den ersten Platz einnahm. 

Eine Übersetzung des Werkes des Palladios erfolgte schon 
vor 532. Die verbreitetste und vor allem in nestorianischen 
Kreisen zu kanonischer Geltung gelangte Rezension des „Pa- 
radieses der Väter" hat erst auf Anregung des Katholikos 
Georgios (661 — 680) der oben (S. 80) als Vertreter gramma- 
tisch-lexikographischer Studien erwähnte ^EnäniSo^ geschaffen. 
An Übersetzungen aus dem Griechischen waren hier vor 
allem noch die von der syrischen Überlieferung dem hl. Hie- 
ronymus beigelegte Mönchsgeschichte, deren lateinischer 
Text dem Rufinus von Aquileia zum Urheber hat, und 
eine besonders umfangreiche Anekdotensammlung verwertet, 
welche als ,, Aussprüche {d.-TO(f)dey^ata) der Väter" eingeführt 
wird. Eine in jakobischer Sphäre gangbare Rezension des 
Stoffes wird vielmehr mit Philoxenos in Zusammenhang ge- 
bracht. Wohl durchweg erst jünger als diese Übersetzungs- 
literatur sind die originalsyrischen Klostergeschichten, von 
denen zwei anscheinend besonders interessante Beispiele an 
den Geschichten des jakobistischen Dairä dhe-'^Ümrä im Tür 
Abdin und des nestorianischen Klosters des Rabban Hormizd 
bei Alqoä noch einer Ausgabe harren. 

Eine zusammenfassende Beleuchtung der Geschichte 
des mesopotamischen Mönchtums bis auf die Zeit ihrer 
Verfasser bieten schließlich die Werke zweier Nestorianer : 
das gegen Ende des 8. Jahrhunderts entstandene ,,Buch 



90 üie syrische Literatur. 

der Keuschheit" (Kethäbhä dhe-Nakhpüthä) eines Metro- 
politen Isö^denali von Basra und das in erster Linie, 
aber keineswegs ausschließlich dem Kloster von Beth 
Mbhe gewidmete ,,Buch der Vorsteher" (Kethäbhä dhe- 
Kesäne), das im Jahre 840 der Bischof Thomas von 
Margä verfaßte. 

10. Prosaische Unterhaltungsliteratur. — Wesentlich 
als eine Unterhaltungslektüre von religiöser Färbung 
mag praktisch ein großer Teil dieses hagiographischen 
Schrifttums in einer von religiösen Gedanken und Inter- 
essen beherrschten Geisteswelt gewirkt haben. Allein 
das Syrertum war doch nicht so einseitig, daß nicht 
auch andere als kirchlich-religiöse Stoffe seinem Unter- 
haltungsbedürfnis willkommen gewesen wären. Von 
einer originalsyrischen Fabelsammlung, die als ,, Gleich- 
nisse der Aramäer" zitiert wird, haben sich leider nur 
mehr einzelne Worte und Redensarten gerettet. Zu 
starken zwei Dritteln ist dagegen neben Bruchstücken 
einer jüngeren die ältere, im frühen 6. Jahrhundert ent- 
standene Redaktion eines historischen Romans mit er- 
baulicher Färbung erhalten, in dessen Mittelpunkt die 
Überwindung der letzten Wiederbelebung des antiken 
Heidentums unter dem Apostaten Julianus stand. 

Das Werk gibt sich als eine zum Zwecke der Unter- 
stützung christlicher Missionstätigkeit unternommene Arbeit 
eines Hofbeamten des Kaisers Jovianus (363 — 364) mit Namen 
Aploris oder Aploläris (Apollinarios?). Nachdem ein im 
wesentlichen verlorener erster Teil die Geschichte Kon- 
stantins d. Gr. und seiner drei Söhne behandelt hatte, hat 
der zweite die Regierung des Julianus (361 — 363) und die 
Verfolgung zum Gegenstand, welche unter derselben der tat- 
sächlich weit ältere Papst Eusebius (309) erduldet hätte. Der 
dritte ist der Verherrlichung der Taten des Jovianus selbst ge- 
widmet. Das Ganze, das durch Stil und Sprache sich in hohem 
Grade empfiehlt, ist nicht nur von syrischen, sondern auch von 



Prosaische ünterhaltungsliteratur. 91 

arabischen Geschichtschreibern des Mittelalters unbedenklich 
als glaubwürdige Geschichtsquelle behandelt worden. 

Eine bedeutsame Bereicherung der syrischen Unter- 
haltungsliteratur um rein weltliche Stoffe haben weiter- 
hin vor allem teils direkte, teils durch eine arabische 
Zwischenstufe vermittelte Übersetzungen aus dem 
Pehlewi gebracht. Indisches und Griechisches der 
hellenistischen Zeit ist auf diesem Wege in das syrische 
Schrifttum eingegangen. An der Spitze stehen hier die 
Fabeln eines Sanskritwerkes, das die gesamte Welt- 
literatur beeinflußt hat, des Pantschatantra (,,Buch der 
fünf Listen"). Durch einen persischen Arzt Barzoi auf 
Geheiß des Großherrn Khosrau I. ins Pehlewi über- 
tragen, wurde dasselbe bald darauf aus diesem durch 
einen Missionsbischof Büdh erstmals ins Syrische weiter- 
übersetzt. Eine zweite syrische Übersetzung entstand 
im 10. oder 11. Jahrhundert auf Grund eines arabischen 
Textes, den im 8. ein ^Abdallah ibn al-Muqaffa' gleich- 
falls nach dem Pehlewitexte hergestellt hatte. Beide 
syrische Versionen bezeichnen sich nach den Namen 
der im Anfang des indischen Buches die Hauptrolle 
spielenden zwei Schakale Karataka und Damanka als 
,, Geschichte von Kalilagh und Damnagh". Aus einer 
Pehlewiübersetzung und zwar unmittelbar aus einer 
solchen, also spätestens im 7. Jahrhundert, ist ferner 
ins Syrische auch der dem Kallisthenes zugeschriebene 
ursprünglich wohl im Ägypten der Ptolemäerzeit ent- 
standene, aber späterhin unter den orientalischen Kaisern 
des 3. Jahrhunderts erweiterte griechische Alexander- 
roman übergegangen. Die Wiedergabe der arabischen 
Übersetzung, die in der zw^eiten Hälfte des 8. Jahr- 
hunderts ein mohammedanischer Perser Müsä von dem 
Pehlewitext eines dritten, wieder aus Indien stammenden 



92 Die syrische Literatur. 

Werkes maclite, ist endlich die ,, Geschichte Sindbäns 
und der Philosophen seiner Umgebung", die ihrerseits 
zwischen den Jahren 1086 und 1100 aus dem S}T:ischen 
ins Griechische weiterübersetzt werden konnte. 

Aber auch an Übersetzungen aus dem Griechi- 
schen hat es auf dem Gebiete profaner Unterhaltungs- 
literatur nicht gefehlt. Aisopische Fabeln wurden in 
syrischer Überlieferung, in welcher eine Mehrzahl von 
Sammlungen solcher vorliegt, auf Grund eines Mißver- 
ständnisses in der Bezeichnung des Verfassers (Josippös 
statt Aisopos!) dem Flavius Josephus zugeschrieben und, 
nachdem sie einmal als ein Produkt spätjüdischer Lite- 
ratur galten, sogar gelegentlich als Anhang der Bibel Alten 
Testamentes gew^ertet. Ein Maronite Theophilos von 
Edessa ("j" 785), der als erster die betreffenden griechischen 
Unzialbuchstaben zur Bezeichnung der syrischen Vokale 
benützt haben soll, was späterhin herrschende Regel 
des jakobitisch- westsyrischen Schriftsystems wurde, über- 
trug aus dem Griechischen ,,die zwei Bücher des Dichters 
Homeros über die Eroberung der Stadt Ilion". Daß 
es sich hierbei wirklich um Ilias und Odyssee gehandelt 
habe, ist allerdings kaum glaubhaft und läßt sich jeden- 
falls nicht beweisen, weil dia hin und wieder in syrischer 
Übersetzung auftauchenden Homerverse sämtlich als 
Zitate in Stücken gelehrter Prosa ihren Weg ins Syrische 
gefunden haben können. Doch wwde auch schon die 
Übersetzung etwa nur eines mythographischen Hand- 
buches über die Sagen des troischen Kreises im syrischen 
Schrifttum noch des 8. Jahrhunderts eine so interessante 
Erscheinung darstellen, daß man den Untergang der 
Arbeit des Theophilos in jedem Falle lebhaft be- 
dauern muß. 

Nicht minder merkwürdig ist schließlich die Art, 



Geschieh tschreibung. 93 

in welcher die syrische Unterhaltungsliteratur der Spät- 
zeit unter arabischen Einfluß geriet. Einen Beleg 
derselben stellt ein „Buch der lächerlichen Erzäh- 
lungen" (Kethäbhä dhe-Thunnäje Meghahliekhäne) dar, 
das kein Geringerer als Bar ^Ebhräjä in seinen jüngeren 
Jahren verfaßt hat: eine Sammlung von schnurrigen 
Anekdoten, in der selbst ein stark lasciver Einschlag 
nicht fehlt. 

11. Geschichtschreibung. — Aus der Sphäre einer auf 
erbauliche Wirkung berechneten Erzählungsliteratur ist 
eine eigentliche syrische Geschichtschreibung im Laufe 
des 6. Jahrhunderts alsbald in einer Weise herausge- 
treten, welche dasselbe geradezu als deren Blütezeit 
erscheinen läßt. Bald nach den von ihm erzählten Er- 
eignissen hat ein Unbekannter, den man lange Zeit 
fälschlich als ,,Josua Stylites" zu bezeichnen pflegte, 
zu Edessa seine einem Priester Sergios gewidmete treff- 
liche Geschichte des römisch - persischen Krieges der 
Jahre 502 — 506 verfaßt. Bis zum Jahre 540 reicht vom 
Jahre 180 an die wesentlich andersartige Arbeit eines 
zweiten Unbekannten, die sogen. ,,Edessenische Chronik". 
Ein dürrer, erst vom Jahre 513 an etwas eingehender 
Geschichtsabriß verzeichnet diese kleine Schrift, die in 
das Gesichtsfeld des Verfassers fallenden Hauptereig- 
nisse jener knapp 3^4 Jahrhunderte mit einer hervor- 
ragenden Bestimmtheit der Datierung. Materialien aus 
den Archiven Edessas sind neben einer Stadt- und 
Kirchenchronik von Antiocheia und einer mit derjenigen 
des vermeintlichen ,,Josua" nicht identischen Geschichte 
des Perserkrieges als Quellen benützt. Zwischen 550 
und 569 schrieb in Anlehnung an das noch ältere Werk 
eines Häbhel ein Nestorianer Mesihäzekhä seine in die 
Form von Biographien ihrer Oberhirten gespannte 



94 Die syrische Literatur. 

Kirchengeschiclite der Adiabene, welche vielleicht das 
wichtigste Dokument zur ältesten Geschichte des ost- 
aramäischen Christentums darstellt. Am Abend seines 
Lebens hat endlich Johannän von Ephesos seine allge- 
meine Kirchengeschichte ausgearbeitet, die noch un- ^ 
gleich mehr als seine älteren Heiligenbiographien seinen 
schriftstellerischen Euhm begründete, von der aber nur 
der letzte mit dem Jahre 572 einsetzende Teil sich voll- 
ständig erhalten hat. 

Das Geschichtswerk Johannans begann mit der Zeit 
Julius Cäsars und führte in drei Teilen zu je sechs Büchern 
bis auf das Jahr 585 herab. Während der erste Teil völlig 
verloren zu sein scheint, wird der zweite noch durch direkte 
Auszüge zweier Handschriften des Britischen Museums und 
die aus ihm geschöpfte Partie eines alsbald zu berührenden 
jüngeren Werkes näher bekannt. Komposition und Durch- 
arbeitung des Ganzen wurden, wie der Verfasser sich selbst 
nicht verhehlte, durch die äußeren Verhältnisse, in denen er, 
bald im Gefängnis, bald von Ort zu Ort flüchtend, stückweise 
besonders die Berichte des voljständig erhaltenen dritten Teiles 
zu Papier brachte, aufs ungünstigste beeinflußt. 

Die in zwölf Büchern gegliederte historische Kom- 
pilation eines wieder unbekannten jakobi tischen Geist- 
lichen aus Amida, der um die Wende vom 6. zum 7. Jahr- 
hundert die um 569 entstandene syrische Übersetzung 
der ihrerseits im Jahre 518 beendeten und die Zeit von 
450 — 491 behandelnden Kirchengeschichte des Zacharias 
von Mitylene zur Hauptquelle gedient hat, führt in eine 
neue Schicht der historischen Literatur der Syrer hin- 
über, innerhalb deren auch diese vollständig unter dem 
Zeichen griechischen Einflusses steht. Einerseits 
ist es die von Eusebios begründete griechische Kirchen- 
geschichtschreibung, andererseits die von ihm in 
maßgebender Weise vertretene christlich-griechische 
Chronographie, was nun in aramäischer Sprache eine 



Geschichtschreibung. 95 

Fortsetzung findet. Leider sind diejenigen Werke, in 
welchen diese beiden Richtungen einer von griechischen 
Vorbildern abhängigen s}Tischen Geschichtschreibung 
ihre klassischste Vertretung fanden, die im Jahre 692 
als Fortsetzung der Eusebianischen vollendete Chronik 
des Ja^qübh von Edessa und das mit breiter Ausführ- 
lichkeit vor allem die Zeit und Wirksamkeit des Ver- 
fassers selbst behandelnde Geschichtswerk des jakobi- 
tischen Patriarchen Dionysios von Tellmahre (818 — 845), 
abgesehen von Zitaten bei späteren Geschichtschreibern 
bis auf mehr oder weniger beträchtliche Bruchstücke 
untergegangen. 

Der alten Übersetzung der Eusebianischen Kirchen- 
geschichte hat eine solche der Eusebianischen Chronik, die 
aber im Gegensatze zu ersterer sich nicht erhalten sollte, zu 
Anfang des 7. Jahrhunderts ein Sem'on von Beth Garmai an 
die Seite gestellt. Von sonstigen Vertretern der griechischen 
Chronographie waren den Syrern der ältere Sextus Julius 
Africanus, Anianos und ein in der griechischen Überlieferung 
selbst verschollener Andronikos bekannt. Von den Fortsetzern 
der Eusebianischen Kirchengeschichte sah vor allem der kon- 
stantinopoHtanische Scholastikos Sokrates sein die Zeit von 
305 — 439 behandelndes Werk frühzeitig ins Syrische über- 
tragen und von späteren syrischen Geschichtschreibern fleißig 
benützt. Doch scheint neben dem seinigen und demjenigen 
des Zacharias einst auch das um 450 abgefaßte Geschichts- 
werk des Theodoretos in syrischer Übersetzung vorgelegen 
zu haben. Die chronographische Originalliteratur der Syrer 
wird neben den Fragmenten Ja'qübhs von Edessa durch ein 
bald nach 664 verfaßte maronitische, eine bis zum Jahre 846 
reichende jakobitische Chronik und eine unter dem Kalifen 
HiSam (724 — 743) entstandene Zusammenstellung mehrerer 
kleiner chronographischer Dokumente vertreten, deren Cha- 
rakter durch den Titel eines ,, Buches der Kalifen" so ungenau 
als möglich bezeichnet wird. Mehr in den von der Kirchen- 
geschichte des Eusebios eröffneten Bahnen bewegen sich ein 
hauptsächlich auf Sokrates und Theodoretos beruhendes 
nestorianisches Bruchstück zur Kirchengeschichte des 4. und 



96 Die syrische Literatur. 

5. Jahrhunderts und dasjenige einer Geschichte der persischen 
Christenheit, das über die letzte Zeit der Sassanidenherrschaf t 
wertvolles Licht verbreitet. Auch ein Brief Sem'öns von Beth 
ArSam über die Ausbreitung des Nestorianismus in Persien 
und die Übersetzung des ursprünglich griechisch abgefaßten 
eines Comes Kandidianos über die Schicksale des Nestorios 
selbst verdienen als nicht wertlose Geschichtsquellen Er- 
wähnung. 

Nur zwei umfangreichere Denkmäler syrischer Ge- 
schichtsschreibung haben sich aus der Zeit von der 
mohammedanischen Eroberung bis zur Jahrtausend wende 
vollständig erhalten. Dem im vorletzten oder letzten 
Jahrzehnt des 7. Jahrhunderts abgefaßten ,,Summarium" 
(Kethäbhä dhe-Reis-melle) der Weltgeschichte" eines 
Nestorianers Johannän bar Penkäje, in dem religiös ge- 
färbte Erzählung und theologische Gelehrsamkeit sich 
zu einer Art christlicher Geschichtsphilosophie verbinden, 
steht die ums Jahr 775 zum Abschluß gebrachte histo- 
rische Kompilation eines jakobi tischen Mönches aus der 
Umgebung von Amida gegenüber, deren Armut an jedem 
höheren literarischen Eigenwert durch das Verdienst 
ausgeglichen wird, daß sie eine Reihe der wertvollsten 
Reste älterer syrischer Geschichtsliteratur erhalten hat. 

Das Werk des unbekannten Jakobiten des späten 8. Jahr- 
hunderts ist die längste Zeit zu Unrecht für ein solches des 
Dionysos von Teilmahre gehalten worden. Dasselbe gliedert 
sich in vier Teile, von welchem nur der vierte eine selbständige 
Arbeit des Verfassers darstellt. Die hier aus syrischer Legenden- 
literatur, dem Alexanderroman und Flavius Josephus ergänzte 
Hauptquelle des ersten die vorkonstantinische Zeit behan- 
delnden Teiles hat die Chronik des Eusebios gebildet. Der 
bis auf Kaiser Theodosius IL (408 — 450) führende zweite Teil 
ist in entsprechender Weise von der Kirchengeschichte des 
Sokrates abhängig. Der mit der Zeit Justinus IL (565 — 578) 
abschließende dritte schöpft hauptsächlich aus dem zweiten 
Teile der Kirchengeschichte des Johannän von Ephesos. Auch 
ist durch ihn das Geschichtswerk des vermeintlichen „Josua 



Geschichtschreibung. 97 

StyHtes" und der Brief des Sem''ön von Beth ArSam über die 
Leiden der südarabischen Christen erhalten gebheben. 

Die von ihm aufgenommenen Auszüge aus zahlreichen 
älteren syrischen Geschichtschreibern geben auch der 
zweisprachigen (arabischen und syrischen) Chronik des 
Elias bar Sinäjä ihren eigentümlichen Wert, die, im 
Jahre 1018 — 1019 abgefaßt, in einem einzigen leider un- 
vollständigen Exemplar auf uns gekommen ist. Nicht 
minder handelt es sich vielfach um kompilatorische 
Arbeit auch bei der letzten Nachblüte sjTischer Ge- 
schichtsschreibung, die wieder eine besonders bezeich- 
nende Erscheinung der Renaissanceliteratur des 
12. und 13. Jahrhunderts ist. Ein Nestorianer Sem^on 
von Sanqeläbhädh verfaßte in dieser Epoche ein Hand- 
buch der Chronologie in Frage- und Antwortform. 
Mikhä'el I. schuf an seiner großen Weltchronik wohl 
das umfangreichste Werk der gesamten historischen 
Literatur der S}Ter. Ein unbekannter jüngerer jakobi- 
tischer Glaubensgenosse des Patriarchen ist der Ver- 
fasser einer ungleich kürzeren gleichartigen Arbeit, aus 
deren die vormohammedanische Zeit behandelnden Par- 
tien beispielsweise ein wertvoller Abschnitt über die 
kirchliche Baugeschichte Edessas Aufmerksamkeit ver- 
dient. Bar ""Ebhräjä bietet in seiner größeren syrischen 
Weltgeschichte (dem sogen. Chronicon syriacum) im 
wesentlichen eine kürzende Bearbeitung und Fortset- 
zung derjenigen Mikhä'els I., und in einem ähnlichen 
Verhältnis zu einer verschollenen Kirchengeschichte des 
älteren Historikers mag auch seine Kirchengeschichte 
(das sogen. Chronicon ecclesiasticum) stehen, die geson- 
dert in einem ersten Teile die Geschichte des west- 
syrischen und diejenige des ostsyrischen Christentums, 
der älteren orthodoxen und der jakobitischen Patriarchen 

Baumstark, Christi. Literatur. I. 7 



98 Die syrische Literatur. 

von Antiocheia bezw. der persisch-nestorianischen Katho- 
lici und der jakobitischen Mapbrejäne bis zum Jahre 
1285/86 vorführt. Sein Bruder Bar Saumä hat endlich 
das letztere Werk zunächst bis zum Jahre 1288 und 
eine spätere Hand hat es sogar bis zum Jahre 1495/96 
fortgeführt, während zwei Berichte über Mongolenkriege 
der Jahre 1394 — 1403 und das Bruchstück einer Chronik 
der Zeit von 1394 — 1493 als Anhänge zur syrischen 
Weltgeschichte Bar ^Ebhräjäs überliefert sind und später 
Zusätze sich auch an das Ende der Chronik Mikhä'els 
angehängt haben. 

12. Sangbare Poesie. — Nicht minder reich als ihre 
gelehrte und erzählende Prosa hat sich die Poesie der 
Syrer entfaltet. Ihre nicht besonders kunstvolle me- 
trische Form ist ein akzentuierender Versbau, der erst, 
als die wirkliche Blütezeit dieser Dichtung dahinge- 
gangen war, von der arabischen das Kunstmittel eines 
je durch ein ganzes Gedicht bzw. einen selbständigen 
Teil eines solchen einheitlich durchgeführten Endreimes 
übernahm, um dann bald in allerhand manierierten 
Spielereien wie der Vermeidung einzelner Buchstaben 
und in einer immer unerträglicher werdenden Häufung 
griechischer Fremdwörter einen weiteren, wenig er- 
quicklichen Schmuck zu suchen. 

Eine stattliche Reihe verschiedener Dichtungsgat- 
tungen, ist zum Vortrage durch einen von einem oder 
mehreren Vorsängern geführten Chor bestimmt oder 
doch aus den Bedürfnissen des gottesdienstlichen Chor- 
gesanges herausgewachsen. An der Spitze steht, durch 
den Namen Madhräsä als eine lehrhafte Erörterung in 
poetischem Kleide bezeichnet, eine Form chorischer Lyrik 
von vorwiegend didaktischem Charakter, deren Lang- 
strophen beim Vortrag mit einer unveränderlichen 



Sangbare Poesie, 99 

kürzeren Kefrainstrophe abwechselten. Aphrem ist der 
unübertroffene Meister dieser Hymnengattung, die er 
wohl eher von der Schule Bar Daisäns übernommen, als 
selbst völlig neu erschaffen hatte. Ursprünglich von 
einem Chore gottgeweihter Jungfrauen unter der persön- 
lichen Leitung des Dichters und mit Begleitung eines 
Saiteninstrumentes zu Gehör gebracht, haben die alten 
Texte derselben sich allzeit einen Ehrenplatz im Gottes- 
dienst der verschiedenen Konfessionen erhalten. Vom 
Madhräsä, in welchem häufig mehr der gelehrte Theologe, 
der redegewaltige Prediger als der echte Dichter von 
Gottes Gnaden das Wort führt, unterscheidet sich eine 
zweite Gattung altsjnrischer Hymnendichtung, die 
Soghithä, einerseits durch das ihre Langstrophen ver- 
knüpfende, semitischer Poesie seit alters geläufige Kunst- 
mittel der alphabetischen Akrostichis, andererseits durch 
die Unmittelbarkeit wahrhaft poetischer Art, mit welcher 
wenigstens ursprünglich hier eine dramatische Lebendig- 
keit sich auswirkt, die günstigere Entwicklungsbedin- 
gungen vorausgesetzt geradlinig zu einem religiösen 
Schauspiel hätte führen müssen. Es ist durchaus volks- 
tümlicher Geist, den da eine Keihe köstlicher lyrischer 
Rededramen atmet, die wenigstens teilweise gleichfalls 
noch lange im Gottesdienst gesungen wurden, und, wie 
es bei Erscheinungen so häufig geschieht, welche der 
Sphäre der Volkspoesie wenigstens nahestehen, hat man 
die Namen der Dichter solcher Stücke frühzeitig ver- 
gessen. Auf Aphrem, Narsai und Ja^qübh von Serügh 
als maßgebliche Vertreter der Soghithädichtung hat man 
dann hinterher je nach der eigenen konfessionellen- 
Stellung geraten. 

Die eigentümliche dramatische Entwicklung der alten 
Soghithä scheint von Liedern ausgegangen zu sein, derea 

»7* 



100 Die syrische Literatur. 

Langstrophen, im Gegensatz zu der Refrainstrophe des Chores 
von einem einzelnen Vorsänger vorgetragen, eine bestimmte 
Person der heiHgen Geschichte redend einführten. Hoch- 
poetische Weihnachtsgesänge, die so der seHgsten Jungfrau 
in den Mund gelegt werden, können aus dogmengeschicht- 
lichen Erwägungen nur der Zeit vor dem Ausbruch des christo- 
logischen Glaubenskampfes zugewiesen werden. Eine Ver- 
wendung von zwei Vorsängern scheint alsdann die Möglich- 
keit geschaffen zu haben, in einem je eine Strophe dem ein- 
zelnen Sprecher zuweisenden Dialoge einen Wechsel von Rede 
und Gegenrede an die Stelle der ältesten Monologe treten zu 
lassen. Maria und der Erzengel Gabriel bei der Verkündigung 
bzw. die drei dem göttlichen Kinde huldigenden Weisen bei 
deren Ankunft aus dem Morgenlande, Christus und Johannes 
der Täufer vor der Jordantaufe, die beiden Schacher am 
Kreuze, die Seele des reuigen Schachers und der dasselbe be- 
wachende Cherub am Paradiesestor, Adam und Eva, Kain 
und Abel, Petrus und Simon der Magier, Nestorios und Ky- 
rillos, der Jordan und der Nil werden beispielsweise zu Trägern 
des Dialoges gemacht. Ein Lied von Abrahams Opfer läßt in 
einer Reihe aufeinanderfolgender Szenen sogar verschiedene 
Paare Redender sich gegenübertreten. Eine erzählende Ein- 
leitung von abweichendem metrischem Bau führt jeweils in 
die Situation ein. Von ihr ist eine offenbar jüngere Umbildung 
des Liedtypus ausgegangen, bei welcher im Rahmen einer 
balladenartigen Erzählung nurmehr die häufige Einschaltung 
direkter Rede an den ehemaligen dramatisch-dialogischen 
Charakter erinnert. Eine noch spätere Zeit hat sehr zum 
Nachteil der ersteren, in die nunmehr auch die bloße Rhetorik 
erbaulicher Reflexion ihren Einzug hielt, den Unterschied von 
Soghithä und MadhräSä geradezu verwischt. 

Unbekannt waren bestimmte Verfassernamen späteren 
Jahrhunderten auch bei denjenigen Texten einer in hohes 
Altertum zurückreichenden liturgischen Poesie, welche 
mit dem allgemeinen Namen des Q ä 1 ä (,,Ton, Weise") 
bezeichnet werden. Doch wird beispielsweise als Ur- 
heber von Hierhergehörigem, das im nestorianischen 
Kultus eine hervorragende Rolle spielt, Märüthä von 
Maipherqat namhaft gemacht. Ein bedeutenderer Ver- 



Sangbare Poesie. 10 

treter der Qälädichtiing auf monophysitischer Seite ist 
demgegenüber ein Zeitgenosse Ja^qübhs von Serügh ge- 
wesen: der Diakon Sem'"6n, genannt Qüqäjä (,,der 
Töpfer"), von dem Handwerk, durch das er sich im 
heimatlichen Dorfe Gesir den Lebensunterhalt verdiente. 
Es sind die Melodien seiner ,, Topf er weisen" noch mehr als 
die Texte derselben, denen man im jakobi tischen Kultus 
der Folgezeit reichlich begegnet. 

Eine weitere besonders umfangreiche Schicht s}Tischer 
Kirchenpoesie im großen und ganzen wohl etwas jüngerer 
Marke bezeichnet der Name 'Enjänä (,,Responsorium"). 
Wie bei der Masse der späteren byzantinischen Kirchen- 
lieder handelt es sich hier um Dichtungen, deren Strophen 
bestimmt sind, zwischen die Verse bestimmter Psalmen 
und anderer biblischer Gesangstücke eingeschalten zu 
werden. Beachtung verdienen durch ihren hohen 
Schwung besonders phantasievolle Marienlieder der- 
jenigen Klasse von Hymnen, die unter dem Namen 
des Maurebhä (,, Hochpreiset") zur Einschaltung in den 
Lobgesang der seligsten Jungfrau Lukas 1, 46 — 55 dienen. 

Der Reichtum des syrischen Christentums an verschieden- 
artigen Zweigen kirchlicher Liederdichtung ist hiermit noch 
keineswegs erschöpft. Hatte schon Aphrem mit die macht- 
vollsten Töne seiner Hymnenpoesie im Gesang an der Toten- 
bahre angeschlagen, so ist in der Folgezeit die christliche 
Totenklage des Büjjä'ä (,, Trostgesang") zu einer eigenen 
Spielart der Kirchendichtung geworden. Mit dem Namen 
Rabbüläs bringt die Überlieferung die besonders schwung- 
vollen Strophenreihen der Tahgephtä (,, Anrufung") in Zu- 
sammenhang, die eine Rolle im jakobi tischen Gottesdienste 
spielt. Eigene sog. ,, Leidensstrophen" werden in diesem 
während der Karwoche gesungen. Als ein ursprünglicher 
„Bittgesang" wird durch ihren Namen die Bä'üthä charakte- 
risiert. Vor der Verlesung des Evangeliums wird in der nesto • 
rianischen Messe der Turgämä {,,die Erklärung") gesungen, 
der, wie überhaupt die spätere Kirchenpoesie es mit Vorliebe 



102 I^iG syrische Literatur. 

tut, wieder von der alphabetischen Akrostichis Gebrauch 
macht. 

Die bedeutsame Nachblüte sangbarer Poesie endlich, 
welche bei den Nestorianern das Zeitalter der Renaissance- 
literatur hervorgebracht hat, offenbart sich in der Gat- 
tung der 'Onithä („Wechselgesang"), die, eine größere 
Langstrophenreihe mit einer kürzeren Refrainstrophe 
durchflechtend und mit einem metrisch andersartigen 
Vorgesang einleitend, die Traditionen des Madhräsä und 
der Soghithä des 4. — 6. Jahrhunderts wieder aufnimmt. 
Giwargis (Georgios) mit dem Beinamen Wardä (,,Rose") 
und Kamis bar Qardähe sind im 13. Jahrhundert die 
Hauptvertreter dieser Wiedergeburt syrischer Lieder- 
dichtung geworden, deren Erzeugnisse als eine jüngste 
Schicht heiliger Gesänge im nestorianischen Gottesdienst 
einen breiten Raum einnehmen. 

12. Die metrische „Rede". — Der Mannigfaltigkeit 
ihrer sangbaren Formen steht, soweit wir die Entwick- 
lung der syrischen Poesie hinauf zu verfolgen vermögen, 
die metrische ,,Rede" gegenüber, als welche sich die 
Dichtungsgattung des M i m r ä durch ihren Namen ein- 
führt. Im Gegensatze zu jenen, in welchen vielfach eine 
Verbindung von Versen verschiedener Länge zu kunst- 
reicheren Strophengebilden stattfindet, gibt ihr die 
durchgängige Verwendung gleichlanger Verse ohne oder 
bei kaum mehr als angedeuteter strophischer Gliederung 
den denkbar ruhigsten Fluß. Insbesondere kommen 
das von Aphrem bevorzugte siebensilbige, das von Bälai 
vertretene fünfsilbige und das zwölfsilbige Metrum 
Ja^qübhs von Serügh in Betracht, dessen regelmäßig 
paarweise verwendeter Langvers aus drei viersilbigen 
Gliedern aufgebaut ist. Inhaltlich von Hause aus bald 
der Belehrung, bald der Erzählung dienend, stellt der 



Die metrische „Rede". 103 

Mimrä einerseits den Ersatz einer geistlichen Beredsam- 
keit in prosaischer Form, andererseits das Epos der 
syrischen Literatur dar. Neben Aphrem, Bälai und 
Ja^qübh von Serügh sind Narsai und eine Mehrzahl von 
Dichtern des Namens Isliaq seine Hauptvertreter im 
Rahmen des klassischen Schrifttums gewesen. Mög- 
licherweise ein Unbekannter ist der Verfasser der um- 
fangreichsten epischen Dichtung und wohl eines der 
schlechthin höchststehenden poetischen Erzeugnisse in 
syrischer Sprache : einer in zwölf Gesänge geteilten Dar- 
stellung der Geschichte des ägyptischen Joseph in sieben- 
silbigem Metrum, die von der Überlieferung Aphrem 
oder Bälai beigelegt wird. Sicher zu Unrecht trägt den 
Namen Ja''qübhs an einem syrischen Alexanderliede die 
einzige Behandlung eines profanen Stoffes an der Stirne, 
die in der erzählenden Mimrädichtung nachweisbar ist. 

Noch mehr als bei manchem ihm zugeschriebenen heiligen 
Gesänge unterliegt bei den unter Aphrems Namen gehenden 
Produkten der Mimrädichtung im einzelnen seine Autorschaft 
begründeten Zweifeln. Eine Art von kritischer Ausgabe des 
betreffenden, sowie des unter dem Namen eines ,, Lehrers" 
Isliaq ,,des Großen" von Antiocheia überheferten Materiales 
hat erst im IL Jahrhundert der jakobitische Patriarch Jo- 
hannän IX. bar Susan (1058 bzw. 1064 — 1073) unternommen, 
ohne aber die Vollendung des großen Doppelwerkes zu erleben. 
In der Tat sind drei alte Dichter des Namens Ishaq zu unter- 
scheiden: ein Schüler Aphrems und späterer Priester seiner 
Geburtsstadt Amida, ein monophysitischer Priester der 
edessenischen Kirche, der ums Jahr 477 zu Antiocheia mit 
einer Dichtung von nicht weniger als 2137 Versen in den um 
eine Erweiterung des Dreimalheilig entbrannten Streit eingriff 
und ein gleichfall^s edessenischer Priester erst des frühen 
6. Jahrhunderts, der das monophysitische Glaubensbekenntnis 
mit dem chalkedonensischen vertauschte. Die große Masse 
der auf uns gekommenen Werke des angeblichen „Antio- 
cheners" scheint von dem mittleren dieser gleichnamigen 
Poeten herzurühren. Die metrischen „Reden" Narsais lagen 



104 Die syrische Literatur. 

der Folgezeit in einer Zahl von 360 in einer zwölfbändigen 
Ausgabe vor. Derjenigen Ja^qübhs sollen es sogar 763 ge- 
wesen sein. Doch ist auch unter seinen Namen nicht weniges 
fremde Gut geraten. Den Stoff entnahm die erzählende 
Mimrädichtung der alten Zeit der biblischen Geschichte 
beider Testamente, der Heiligenlegende und Kirchengeschichte. 
Nicht am wenigsten scheint besonders die Behandlung von 
Gegenständen aus apokrypher Apostelsage beliebt gewesen 
zu sein. 

Seit dem 7. Jahrhundert begann man in der Form 
des Mimrä auch die Mönchs- und Klostergeschichte — 
nicht sowohl wirklich dichterisch zu gestalten, als viel- 
mehr lediglich — zu versifizieren. Geschichten des 
nestorianischen Klostergründers Bar^ittä (f 611 oder 
612), des nestorianischen Klosters Beth Qoqä und des 
Rabban Hormizd von Alqos sind als charakteristische 
Beispiele dieser asketengeschichtlichen Epik zu nennen. 
Die dritte Arbeit, das in 22 je mit einem anderen Buch- 
staben des Alphabets beginnende Gesänge gegliederte 
Werkeines Mönches Sergios aus dem 16., wo nicht erst aus 
dem 17. Jahrhundert, zeigt in einer völlig entarteten 
Sprache den denkbar tiefsten Verfall poetischer Kunst. 

Eine nicht wesentlich glücklichere Entwicklung hat 
eine zunächst theologischeLehrdiclitung genommen, 
welche in entsprechendem Geiste bloßer Versifikation 
an die Traditionen des alten didaktischen Mimrä an- 
knüpfte. Elias, Bischof von Anbär, ist mit den zehn 
langen und in einer gekünstelten metrischen Form ge- 
bauten ,, Reden" seines in drei Teile zerfallenden „Buches 
der Unterweisung" (Kethäbhä dhe-Dhurräsä) in der 
ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts etwas wie ihr Be- 
gründer geworden, sein nestorianischer Glaubensgenosse 
Emmanuel bar Sahhäre in der zweiten Hälfte desselben 
mit den 24 teils in sieben-, teils in zwölf silbigem Metrum 
geschriebenen Gesängen einer gelehrten Riesenpoesie 



Die metrische „Rede". 105 

über das Sechstagewerk der Weltschöpfung wohl ihr 
hervorragendster Vertreter gewesen. Der Eenaissance- 
literatur des 13. Jahrhunderts gehört der Jakobite 
Johannän bar Kaldün (| 1270) an, der in siebensilbigem 
Maß ein versifiziertes Lehrgebäude der Moral und Asketik 
hinterlassen hat, während die beiden Nestorianer Ishaq 
Esbadhnäjä (t 1480) und Säbhä mit einer großen Dich- 
tung über die Weltregierung bzw. der metrischen Be- 
handlung einer Reihe von dogmatischen Gegenständen 
auch die Entw^icklung des theologischen Lehrgedichtes 
bis in das Zeitalter des letzten und endgültigen Verfalles 
der Literatur herab zu verfolgen gestatten. Der in ihnen 
sich bekundende Einfluß arabischer UnterhaltungsHte- 
ratur in gereimter Prosa, vermöge dessen der Verfasser 
auf den seltsamen Gedanken eines Rivalisieren s mit den 
deutsch von Fr. Rückert nachgebildeten Makamen des 
Hariri verfallen konnte, gibt schHeßlich den 50 ,, Reden" 
über theologische Fragen ein besonderes Interesse, die 
'"Abhdisö'" im Jahre 1291 unter dem Titel eines ,, Para- 
dieses von Eden" (Pardaisä dha-^edhen) zusammenfaßte 
und deren dunkle Sprache im Jahre 1316 schon er selbst 
durch einen Kommentar zu erläutern nötig fand. 

Bei dem mindestens die Entfaltung noch eines ge- 
wissen rhetorischen Schwunges gestattenden theologi- 
schen Lehrgedicht ist aber die syrische Spätzeit nicht 
stehen geblieben. Auch jedes beliebige profane Wissen, 
aristotelische Logik wie naturgeschichtUche Gelehrsam- 
keit über den Bau des menschlichen Körpers, wurde 
unbarmherzig in die metrische Form gegossen. Be- 
sonders grell beleuchtet den Mißbrauch, den man mit 
derselben zu treiben sich gewöhnte, die Tatsache, daß 
man sie nicht zuletzt kürzeren Handbüchern der 
Grammatik zu geben liebte. Die anscheinend dem 



106 I^i^ koptische Literatur. 

Ende des 12. Jahrhunderts entstammende Abhandlung 
eines Joseph bar Malkon über die Punkte der syrischen 
Schrift und je eine kleine Grammatik Johannän bar 
Z6'"bis und Bar ""Ebbräjäs gehören hierher. Etwas 
wiederum einer speziellen Beachtung Wertes hat auch 
auf dem Gebiete nichttheologischer Versifikation "Abd- 
iso' an seinem Schriftstellerkatalog in siebensilbigem 
Metrum hinterlassen. Ein Eegister der einem gelehrten 
Nestorianer an der Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert 
w^enigstens dem Namen nach noch bekannten gräko- 
syrischen Übersetzungs- und syrischen Originalliteratur, 
hat derselbe als Quellenschrift zur syrischen Literatur- 
geschichte eine einzigartige Bedeutung. 

C. Die koptische Literatur. 

Ungleich weniger reich, als das nationale christliche 
Schrifttum Syriens sich in der einheitlichen von Edessa 
ausgegangenen Literatursprache entwickelte, ist das- 
jenige Ägyptens in der Mehrzahl von Dialekten zur Ent- 
faltung gekommen, welche die letzte, stark mit griechi- 
schem Sprachgut durchsetzte Entwicklungsstufe der alten 
hamitischen Landessprache des Pharaonenreiches dar- 
stellen und mit dem zusammenfassenden Namen des 
Koptischen (von arabischem: al-qibt, einer Ver- 
stümmelung des griechischen: Aigyptos) bezeichnet zu 
werden pflegen. Es ist ein geradezu in seinem Greisen- 
alter angelangtes Volkstum, das sich hier hellenistischer 
Kultur und Weltsprache gegenüber zum letzten Male 
in einem Kampfe um seine Jahrtausende alte Eigenart 
zu behaupten sucht, um dann endgültig in der neuen 
arabischen Kulturwelt aufzugehen. Dementsprechend 
arm an eigener produktiver Kraft, ist die koptische 



Die geschichtliche Entwicklung. 107 

Literatur wieder hauptsächlich, wenn auch nicht so 
vollständig wie die christlich-palästinensische, eine Über- 
setzungsliteratur aus dem Griechischen geblieben. Ihr 
höchstes Verdienst besteht darin, besonders bedeutsame 
Stücke altchristlich-griechischen Schrifttums, die im 
Original verloren gegangen sind, entweder selbst in 
Übersetzung gerettet oder doch die Zwischenstufe ge- 
bildet zu haben, die solche Stücke durchlaufen mußten, 
um in arabischer oder äthiopischer Textgestalt auf uns 
zu kommen. Nur in vereinzelten Erscheinungen pro- 
saischer Rede, in denen am stärksten die nationale Re- 
aktion gegen griechisches Wesen fühlbar wird, und in 
ihren besten poetischen Schöpfungen vermag sie ein 
höheres selbständiges Interesse wachzurufen. 

1. Die geschichtliche Entwicklung. — Als Wiege 
eines national-ägyptischen Christentums selbst ist der 
äußerste oberägyptische Süden, die Thebais oder das 
Sä'id, auch die Wiege der koptischen Literatur ge- 
worden. Von hier hat der literarische Gebrauch der 
nationalen Sprache im Dienste des christlichen Ge- 
dankens zunächst nach dem nördlich unmittelbar an- 
grenzenden Gau von Chemmis (Panopolis), dem heutigen 
All mim, und nach der mittelägyptischen Oasenland- 
schaft des Gaues von Setet (Arsinoe), dem Fajjüm, 
übergegriffen. Es sind demgemäß die drei Dialekte des 
früher mit Vorliebe als Thebanisch bezeichneten Sai- 
dischen im engeren Sinne, des Niedersaidischen oder 
Achmimischen und des vor Zeiten unrichtig Basch- 
murisch genannten Fajjumischen, in denen sich die Ent- 
wicklung des altkoptischen Schrifttums vollzog. Von 
denselben hat jedoch das Saidische eine so überragende 
Bedeutung gewonnen, daß es unter Aufsaugung der 
beiden anderen Mundarten zur Liturgie- und Literatur- 



108 Die koptische Literatur. 

spräche des gesamten oberen Ägyptens geworden ist 
und diese Stellung bis lange über die Zeit der mohamme- 
danischen Eroberung hinaus behauptet hat, wenngleich 
außerhalb der Mauern des Gotteshauses frühzeitig das 
Arabische ihm eine erfolgreiche Konkurrenz machte. 
Noch etwa dem 10. Jahrhundert scheint eine Art von 
Renaissance des literarischen Schaffens in dieser gemein- 
oberägyptischen Schriftsprache, dem 13. Jahrhundert 
eine letzte auf Wiederbelebung ihres Gebrauches ab- 
zielende Strömung anzugehören, die wenigstens durch 
ein einziges Literaturdenkmal verbürgt wird. 

Seine Erfolge hat das Saidische der Tatsache zu ver- 
danken gehabt, daß es die Muttersprache des ober- 
ägyptischen Mönch tums war. Denn dieses ist der 
eigentliche Schöpfer der koptischen Literatur und Jahr- 
hunderte lang der ausschließliche Träger ihrer Entwick- 
lung, sein Begründer Pachom wohl der erste gewesen, 
der sich der alten Volkssprache zu einem originalen 
schriftstellerischen Schaffen in christlichem Geiste be- 
diente. In der nächsten Folgezeit hat vor allem ein 
selbst schon auf dem Boden des achmimischen Gaues 
gelegenes Hauptzentrum mönchischen Lebens, das um 
die Mitte des 4. Jahrhunderts von Pogl gegründete ,, weiße 
Kloster" (der el-abjad), eine führende Stellung als Heim- 
stätte saidischer Schriftstellerei gehabt. Der zweite Vor- 
steher desselben, Senute von Atripe (f 451), ist, wie 
überhaupt der bedeutendste Vertreter des national-ägyp- 
tischen Christentums, so auch die einzige schriftstelle- 
rische Persönlichkeit von Kraft und scharf umrissener, 
Eigenart in der Entwicklung seiner ganzen wesenhaft 
unpersönlichen Literatur geworden. 

Die Bedeutung einer jüngeren koptischen Schrift- 
sprache hat etwa seit der Wende vom 6. zum 7. Jahr- 



Die geschichtliche Entwicklung, 109 

hundert der Dialekt des Nildeltas, das Bohairisclie 
(vom arabischen: el-bohaira ,,die Seegegend") oder, wie 
man früher zu sagen pflegte, Memphitische, dadurch er- 
langt, daß er es war, welcher das Griechische als mono- 
physitische Kirchensprache Unterägyptens ersetzte. Die 
Autorität des Patriarchen, welcher bis 'zum 11. Jahr- 
hundert noch in Alexandreia, seither in Babylon-Fostät, 
dem heutigen Alt-Kairo, seinen Sitz hatte, hat auch ihn 
weit über seine ursprüngliche Heimat hinaus sich ver- 
breiten und unter Verdrängung des absterbenden Sai- 
dischen zum liturgischen Idiom der koptischen Ge- 
samtkirche werden lassen, eine Kolle, in welcher er sich 
bis in die Gegenwart behauptet hat. Die Traditionen 
der Übersetzungsliteratur aus dem Griechischen in die 
drei älteren südkoptischen Mundarten setzte nun in 
eifrigstem Betriebe eine solche aus dem Griechischen 
und dem Saidischen in diese Sprache des Nordens fort. 
Aber zu einem bedeutsamen Eigenleben konnte es das 
bohairische Schrifttum begreiflicherweise am wenigsten 
bringen. Wie einst von Alexandreia aus die Helleni- 
sierung gerade Unterägyptens sich besonders rasch und 
gründlich vollzogen hatte, so mußte ein gleiches auch, 
bezüglich seiner Arabisierung von Kairo, der Eesidenz 
der neuen mohammedanischen Beherrscher des Landes, 
aus geschehen. Wer überhaupt auf christlicher Seite 
seinerzeit noch etwas zu sagen hatte, sah sich, je länger, 
um so entschiedener auf den literarischen Gebrauch 
des Arabischen angewiesen. Nach dem 13. Jahrhundert 
ist auch in bohairischem Koptisch kaum mehr irgend 
etwas Neues geschrieben worden. Seit dem 16. Jahr- 
hundert ist die Sprache der Väter auch aus dem münd- 
lichen Verkehre vollständig geschwunden. Selbst die 
Priesterschaft, die sie bei der Feier des Gottesdienstes 



110 Die koptische Literatur. 

noch zu benutzen hat, begann frühzeitig ihrer nicht 
mehr hinreichend mächtig zu sein, und man sah sich 
genötigt, in den liturgischen Handschriften die koptischen 
Texte mit einer arabischen Übersetzung zu begleiten. 

Daß unter solchen Umständen vollends jede Fühlung 
mit dem ehemaligen literarischen Leben der älteren Dia- 
lekte verloren gehen mußte, liegt auf der Hand. Die 
in ihnen geschriebenen Bücher gingen, eines Leserkreises 
entbehrend, in immer größerer Zahl langsam, aber 
rettungslos der Zerstörung entgegen. So sind es denn 
in weitaus den meisten Fällen nurmehr zerrissene Teile, 
ja einzelne Blätter und Blattfetzen solcher Bücher, was 
uns die älteren Schichten koptischer Literatur erhalten 
hat. Diesen ist wie dem christlich-palästinensischen 
Schrifttum das Merkmal des Fragmentarischen aufge- 
drückt, das ihren Gesamteindruck der Fülle des syrischen 
gegenüber noch besonders ungünstig gestaltet. 

2. Bibel und Liturgie. — Nur in ihrer jüngsten, 
bohairischen Form liegen vollständig schon Bibel und 
Liturgie der koptischen Kirche vor. Was erstere an- 
langt, deren verschiedene Gestalten bezüglich des Alten 
Testaments auf griechischen Texten der Septuaginta be- 
ruhen, so haben sich allerdings ebenso zahlreiche als 
umfangreiche und über alle Teile beider Testamente sich 
erstreckende Fragmente auch schon der saidischen Über- 
setzung erhalten, deren allmähliche Entstehung noch 
vollständig der Zeit vor Mitte des 4. Jahrhunderts an- 
gehören dürfte. Ja vom Neuen Testament dieser Ver- 
sion läßt sich, von Lücken in den Apostelbriefen abge- 
sehen, geradezu ein Gesamttext wieder herstellen. Frei- 
lich ist ihre Textgestalt im einzelnen Jahrhunderte lang 
in beständigem Fluß geblieben. Während für den 
Psalter, die Weisheit Salomons und vor allem für die 



Bibel und Liturgie. 111 

Offenbarung Johannis Handschriften oder Handschriften- 
bruchstücke noch des 4. Jahrhunderts selbst ihre ur- 
sprüngliche Form kennen lehren, geben spätere Zeugen 
der Textesüberlieferung vielfach von Überarbeitungen 
des Wortlautes Kunde, die nach jüngeren und schlech- 
teren griechischen Exemplaren vorgenommen wurden. 

Fast gleichaltrig mit der saidischen wird sodann eine 
mehr oder weniger vollständige achmimische Bibelüber- 
setzung gewesen sein, von der jedoch bislang erst Stücke 
der Genesis, der kleinen Propheten und einige wenige 
neu testamentliche Splitter bekannt geworden smd. 
Jünger war dagegen gewiß eine fajjumische Kirchenbibel, 
deren Existenz sich vorläufig durch Proben aus den 
Propheten, den Evangelien mit Ausnahme von Lukas 
und aus den Paulusbriefen belegen läßt. Doch wird 
auch diese wohl spätestens noch vor Ende des 5. Jahr- 
hunderts entstanden sein. 

Wahrscheinlich erst um die Mitte des 7. Jahrhunderts 
erfolgte demgegenüber endlich die Übertragung der 
Heiligen Schriften ins Bohairische, doch wurden an- 
scheinend für dieselbe ursprünglich noch auffallend alter- 
tümliche und gute griechische Vorlagen zugrunde ge- 
legt. Freilich dürften aber schon die Übersetzer selbst 
auch saidische Exemplare zu Rate gezogen haben, und 
sehr verschiedenartige Elemente hat vollends wieder eine 
textkritische Arbeit späterer Hände nachträglich in 
diese endgültige koptische Bibel eingeführt. Denn nicht 
nur saidische und jüngere griechische, sondern auch 
arabische, ja selbst armenische Handschriften wurden, 
wie man durch gelegentliche Randbemerkungen erfährt, 
bei der fraglichen Arbeit verglichen. 

Auch die Prosatexte der bohairischen Liturgie 
gehen wesentlich auf griechische Vorlagen von ver- 



Y12 Die koptische Literatur. 

hältnismäßig sehr hohem Alter zurück. Selbst für ein- 
zelne Stücke des die Formulare für die verschiedenen 
Weihungen und Segnungen enthaltenden „Euchologions", 
wie z. B. für das Gebet der Wasser weihe am Epiphanie- 
feste, erhärtet ihre wesentliche Identität mit Texten 
des byzantinischen Ritus, daß ihre Originale noch über 
die Epoche der Konsolidierung eines von der Reichs- 
kirche endgültig getrennten monophysitischen Kirchen- 
tums hinaufreichten. Vereinzelt läßt sich wohl auch, 
wie in der Begräbnisliturgie, eine nähere Beziehung eines 
bohairischen Gebettextes zu dem ensprechenden des 
griechischen Kirchengebetbuches der altchristlichen Ge- 
meinde von Thmuis beobachten, das seinerseits in ein- 
zelnen seiner Bestandteile auf deren berühmtesten Bischof, 
Serapion, einen Mitstreiter des hl. Athanasios, in anderen 
noch über diesen zurückgeht. Ein hohes Alter muß 
ferner bei Formularen angenommen werden, die, wie 
beispielsweise diejenigen der Taufe und der eucharisti- 
schen Feier, ihrer Natur nach einer besonders frühe 
fixierten Schicht liturgischen Gutes angehören. 

Die koptische Kirche bedient sich endgültig dreier bohai- 
rischer Meßformulare, denen je auch ein griechischer Text 
gegenübersteht, dessen sich die melkitische Kirche Ägyptens 
bediente, bevor sie zum ausschließlichen Gebrauche der by- 
zantinischen Liturgie überging. Von denselben ist die im 
Laufe der Zeit zum Normalformular gewordene äg5rptische 
Basileiosliturgie eine nächste Verwandte der byzantinischen. 
Das dem hl. Kyrillos Zugeschriebene erweist sich als die 
Wiedergabe einer der erhaltenen griechischen sog. Markus- 
liturgie gegenüber altertümlicheren Form der stadtalexan- 
drinischen Meßliturgie. Das dem hl. Gregorios von Nazianz 
beigelegte endlich ist vielleicht in der Tat wie die Basileios- 
liturgie aus dem kleinasiatischen Nordkreis nach Ägypten 
übertragen worden. Eine am ehesten im Sinne eines 
Protestes gegen arianische Lehre verständliche Eigen- 
tümlichkeit desselben bildet die Tatsache, daß es alle 



Apokryphen. 113 

Gebete nicht an die erste, sondern an die zweite Person 
der Gottheit richtet. 

Was demgegenüber an Resten saidischer Liturgie 
sich erhalten hat, besteht vor allem aus Bruchstücken, 
welche die drei bohairischen bzw. ägyptisch-griechischen 
Typen der Meßliturgie auf einer älteren Stufe ihrer 
Entwicklung kennen lehren. Außerdem sind Splitter 
noch von völlig andersartigen Meßgebeten in saudischem 
Koptisch bekannt geworden. Es handelt sich liier um 
die Wiedergabe griechischer Formulare, deren Gebrauch 
entweder überhaupt ein auf das obere Ägypten lokal 
beschränkter gewesen war oder bereits aufgehört hatte, 
als die Übersetzungstätigkeit ins Bohairische einsetzte. 

3. Apokryphen. — Eine Freude an märchenhafter 
Erzählung, ein Hang zum Glauben an allerlei Zauberei, 
die gleichmäßig der ägyptischen Volksseele angeboren 
sind, ließen nächst Bibel und Liturgie von den koptischen 
Übersetzern vor allem das zu großem Teile im Nillande 
selbst bodenständige Schrifttum mannigfachster Apo- 
kryphen bevorzugt werden, dessen erzählende Schicliten 
sich so recht in der Welt eines mehr oder weniger in 
reine Zauberei übergehenden Wunders bewegten. 

Das wichtigste ist es hier, daß in saidischer Über- 
setzung und zwar teilweise mit seltener Vollständigkeit 
Originalwerke verschiedener gnos tisch er Sekten 
des 2. und 3. Jahrhunderts sich erhalten haben. 

An der Spitze steht die ,,Pistis Sophia" in vier Büchern, 
von denen die drei ersten ursprünglich mit einer anderweitig 
unter dem Titel „Kleine Fragen der Maria" angeführten 
SchrÜt identisch gewesen sein dürften, während das an- 
scheinend älteste vierte Buch für sich allein betrachtet sein 
will. Zwei schon in der vorliegenden Redaktion dieses Werkes 
zitierte ,, Bücher Jeu" entstammen vielleicht näherhin einer 
Sekte der Severianer, ein dritter noch altertümlicherer Text 
derjenigen der Sethianer, deren Blütezeit der zweiten Hälfte 

Baumstark, Christi. Literatur. I. 8 



114 Die koptische Literatur. 

des 2. Jahrhunderts angehörte. Reste eines „EvangeHums nach 
Maria", dessen geheime Offenbarungen sich hauptsächhch an 
den Liebes jünger Johannes wenden, und eine „Weisheit 
Jesu Christi" vervollständigen das Bild dieses Schriften- 
kreises, dessen phantastische Mythologie, mit reichlicher 
Zahlenmystik durchsetzt, das christliche Glauben in der Um- 
armung heidnischen Denkens und Träumens zeigt. 

Davor, in der hier herrschenden geistigen Atmosphäre 
eigentlich heimisch zu werden, ist das koptische Christen- 
tum allerdings durch seinen entschieden kirchlichen 
Charakter bewahrt worden. Die Verhältnisse der Textes - 
Überlieferung lassen keinen Zweifel daran zu, daß es 
den Übersetzungen echt gnostischer Erzeugnisse frühe 
an Lesern zu fehlen begann. Länger haben solche die 
koptischen Texte noch von Hause aus jüdischer oder 
im Geiste der spätjüdischen Visionsliteratur weiter- 
arbeitender christlicher Apokalypsen gefunden. 

Von einer Eliasapokalypse, die Origenes bereits durch 
den Apostel Paulus (I. Kor. 2, 9) angeführt glaubte, haben 
sich umfangreiche Reste in saidischer und achmimischer 
Mundart gerettet. Nur saidisch liegt das Bruchstück einer 
ähnlichen Offenbarungsschrift unter dem Namen des Pro- 
pheten Sophonias, deren Dasein gleichfalls schon für den 
Anfang des 3. Jahrhunderts bezeugt ist, achmimisch das- 
jenige einer nächstverwandten noch rein jüdischen Apoka- 
lypse vor, das einen Blick in die Stätten der ewigen Seligkeit 
und Verdammnis eröffnet. Andere Texte gehören einem 
eigentümlichen Literaturkreise angeblicher Patriarchentesta- 
mente an. Endlich haben sich Fragmente altkoptischer Über- 
setzungen auch des vierten Ezrabuches und des zu Rom in 
der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts entstandenen „Hirten" 
des Hermas gefunden. 

Noch ungleich beliebter als alle visionär-lehrh^ten 
wurden aber bei den Kopten die erzählenden Apo- 
kryphen: zunächst natürlich diejenigen, welche sich 
mit dem Leben Christi und seiner Mutter beschäftigten. 
Aber auch die merkwürdige literarische Gattung des 



Apokryphen. 115 

frühchristlichen Apostelromans übte begreiflicherweise 
eine besonders starke Anziehungskraft auf sie aus. 
Neben Trümmern verschollener apokrypher Evangelien 
behaupten eine hervorragende Bedeutung die umfang- 
reichen Reste einer achmimischen Übersetzung der Pau- 
lusakten, in welchen an diesem um die Jahre 160 — 170 
von einem kleinasiatischen Presbyter der katholischen 
Großkirche verfaßten Werke eine der ältesten und ein- 
flußreichsten im Originale untergegangenen Schöpfungen 
jenes Genres uns im wesentlichen wiedergeschenkt wurde. 
Nur in einem arabischen und einem äthiopischen Texte 
hat sich dagegen vollständig ein in verschiedenen kops 
tischen Dialekten vorhanden gewesenes Gesamtkorpu- 
dessen erhalten, was von Apostellegenden großenteils 
gnostischen Ursprungs in der morgenländischen Kirche 
endgültig als vom Standpunkte katholischer Recht- 
gläubigkeit aus einwandfreie Lektüre zugelassen blieb. 
Nicht nur das „Protoevangelium des Jakobus", die Pi- 
latusakten und verschiedene Rezensionen der Erzählung von 
Maria Heimgang wurden frühzeitig in die Volkssprache Ober- 
ägyptens übertragen. Neben altkoptischen Bruchstücken, 
welche diesen auch anderweitig bekannten frühchristlichen 
Werken entstammen, steht vielmehr eine ausgedehnte Masse 
nur koptisch erhaltenen evangelischen Erzählungsgutes. Man 
wird sich hüten müssen, dasselbe auch nur wesentlich in dem 
Rahmen eines einzigen Literaturdenkmales, etwa des von der 
judenchristlichen Sekte der Ebioniten benützten „Evan- 
geliums der zwölf Apostel" unterbringen zu wollen, dessen 
Entstehung noch dem 2. Jahrhundert angehörte. Es können 
sehr wohl und werden tatsächlich diese Fragmente von Über- 
setzungen sehr verschiedener und in sehr verschiedene Zeit 
hinaufreichender Originale herrühren. Besonders greifbar 
scheinen vorläufig nur Schriften einer verhältnismäßig jungen 
Mache zu werden : ein sich als Werk des Gamaliel einführendes, 
sonst nie erwähntes Evangelium; ein wenigstens dem Namen 
nach auch von anderer Seite bezeugtes angebliches Buch 
(Evangelium oder Apokalj-pse) des Apostels Bartholomäus, 

8* 



116 Die koptische Literatur. 

das mit besonderer Ausführlichkeit bei dem Hinabsteigen 
der Seele Christi in die Unterwelt verweilte; eine Rede über 
das Leben der Gottesmutter, die einem Euodios von Rom, 
zweitem Nachfolger des Apostels Petrus, d. h. eigenthch dem 
jenen Namen tragenden zweiten Bischof von Antiocheia, bei- 
gelegt wird. Nur weniges mag in der Tat vielleicht aus dem 
alten ebioni tischen „Evangelium der Zwölfe" herrühren. 
Auch der Briefwechsel Jesu mit Abhgar war in koptischer 
Übersetzung so verbreitet, daß man das vermeintliche Schrei- 
ben des Herrn sogar als zauberkräftigen Text auf Amulette 
setzte. Nur bohairisch hat sich endlich eine junge „Geschichte 
des Zimmermanns Joseph" erhalten, welche den Nährvater 
Jesu in den Mittelpunkt der Vorgeschichts- und Eandheits- 
legenden stellt. 

Auf dem Gebiete der apokryphen Apostelakten sind 
neben den Resten der Paulusakten vor allem einige sonst un- 
bekannte Splitter der mit jenen etwa gleichaltrigen aus gno- 
stischen Kreisen hervorgegangenen Petrusakten zu nennen, 
die in koptischer Sprache ans Licht getreten sind. Von dem 
Gesamtkorpus endgültig rezipierter Stücke, die durchweg 
auch in griechischem Texte überliefert sind, haben sich koptisch 
u. a. Martyrien beider Apostelfürsten, Fragmente der Thomas- 
und Johannesakten und der Bericht|über das gemeinsame 
Wirken der Apostel Andreas und Matthias „in der Stadt der 
Menschenfresser" erhalten. 

Zum größten Teile nurmehr in arabischer bzw. 
äthiopischer Weiterübersetzung auf uns gekommen ist 
auch, was einstmals von der Literatur apostolisches 
Ansehen beanspruchender Kirchenordnungen 
koptisch vorhanden war. Nur ein einziges hierher ge- 
höriges Sammelwerk liegt sowohl in einem saidischen 
als auch in einem bohairischen Texte vor. Diese spezi- 
fisch der Kirche Ägyptens eigentümlichen ,, Kirchlichen 
Kanones der hl. Apostel" umfassen neben der „Aposto- 
lischen Kirchenordnung", einem gekürzten Texte des 
achten Buches der „Apostolischen Konstitutionen" und 
den ,, Apostolischen Kanones" der Griechen als wich- 
tigsten Bestandteil an der sogen. „Ägyptischen Kirchen- 



Theologie, medizinische und Zauberliteratur. 117 

Ordnung", ein nur durch sie vollständig erhaltenes Stück, 
welches, wie das Fragment einer altlateinischen Über- 
setzung dartut, einst auch im Abendland verbreitet und 
geschätzt war und dessen Verhältnis zum achten Buche 
der ,, Apostolischen Konstitutionen" und zum ,, Testament 
unseres Herrn" eines der verwickeltsten Probleme der 
altchristlichen Literaturgeschichte gebildet hat, bis es 
neuerdings wahrscheinlich gemacht wurde, daß in ihm 
im letzten Grunde ein Werk des 3. Jahrhunderts, die 
'AjzooTO/dXf] Tiagadooig betitelt gewesene Schrift des 
römischen Gegenbischofs Hippolytos (f 235), vorliegt. 

4. Theologie, medizinische und Zauberliteratur. — 

Wenn in der Stellung, welche das apokryphe Element im 
Rahmen der koptischen Literatur einnimmt, eine be- 
zeichnende Seite alten ägyptischen Volksgeistes zur 
Geltung kommt, so spiegelt sich in ihrer eigentlich 
theologischen Schicht die einzigartige Bedeutung, 
welche das Mönchtum für ihre Entwicklung gehabt hat. 
Denn aus den Bedürfnissen des Mönchslebens und eines 
von seinen führenden Vertretern ausgeübten Seelsorger- 
Uchen Apostolats ist, wenn schon nicht alles, so doch 
weitaus das Meiste und das Bedeutungsvollste hervor- 
gegangen, was die theologische Originalliteratur der 
Kopten aufzuweisen hat, hervorgegangen an den Schrif- 
ten Senutes vor allem das schlechthin höchststehende 
Denkmal aller originalen koptischen Prosa. 

Auf die grundlegende Bedeutung, welche die Mönehs- 
regeln und Briefe Pachoms, denen sich entsprechende Er- 
zeugnisse von der Hand seiner nächsten Nachfolger Theo- 
doros und Horsiese anschließen, für die Entwicklung des kop- 
tischen Schrifttums gehabt haben, ist bereits hinzudeuten 
gewesen. Doch ist einerseits nicht alles unter den Namen 
dieser Männer koptisch Erhaltene echt. Andererseits be- 
sitzen wir die Hauptmasse echten Pachomianischen Nach- 



118 Die koptische Literatur. 

lasses nurmehr in griechischer oder aus dem Griechischen ge- 
flossener lateinischer Übersetzung. Eine um so reichere ist 
die handschriftliche Überlieferung bei den Klostersatzungen, 
Reden und Briefen Senutes. Ein herrischer Feuergeist führt 
in denselben mit ehrlich derber I^eidenschaft den unerbitt- 
lichen Kampf gegen die letzten Reste des Heidentums auf der 
heiligen Erde des oberägyptischen Klosterlandes wie gegen 
die — nach Bedarf auch rücksichtslos verzerrte — Ketzerei 
des Nes torlos und allerhand sittliche Krebsschäden im Schöße 
der Kirche selbst. Eine von keinem Volksgenossen des Ver- 
fassers wieder erreichte Wucht, ja gelegentlich sogar Kunst 
der Sprache zeiclinet auch formell diese durchweg aus dem 
Drang und Zwang der Stunde geborenen Produkte eines heiß- 
blütigen Gelegenheitsschriftstellers aus. Schon die gegen- 
ständlich verwandten Schriften von Senutes Schüler und un- 
mittelbarem Nachfolger, dem demütig und vorsichtig milden 
Besä, vermögen sich mit den seinigen nicht mehr zu messen, 
und ebensowenig vermögen es diejenigen eines um etwa ein 
halbes Jahrhundert jüngeren Moses, dessen Kloster in der 
Nähe des alten Abydos lag. 

Soweit in ihr nicht das ägyptische Mönchtum in der 
Sprache seiner Heimat redet, ist die theologische Lite- 
ratur der Kopten so wesenhaft Übersetzungsliteratur 
aus dem Griechischen geblieben, wie diejenige keines 
einzigen anderen Hauptzweiges der orientalischen Chris- 
tenheit. An außerbiblischen Stücken ältesten christ- 
lichen Schrifttums erfuhren der Brief des römischen 
Klemens an die Gemeinde von Korinth, der zu den 
im achmimischen Dialekt bekannt gewordenen Texten 
gehört, und die Ignatiosbriefe eine gewiß frühzeitige 
Übertragung. Vor allem waren es aber die großen, 
griechischen Theologen des 4. und der ersten Hälfte des 
5. Jahrhunderts, ein Athanasios, Theophilos und Kyrillos 
von Alexandreia, die drei großen Kappadokier, Epipha- 
niös, Chrysostomos und dessen Widersacher Severianus 
von Gabala, welche wohl sämtlich noch vor dem Konzil 
von Chalkedon ihre oberägyptischen Übersetzer fanden. 



Theologie, medizinische und Zauberliteratur. 119 

Die spätere bohairische Übersetziingsliteratur hat als- 
dann diesen Kreis noch um Stücke von Sternen zweiter 
und dritter Größe am theologischen Himmel jener 
älteren Zeit erweitert, vor allem aber den literarischen 
Nachlaß der beiden maßgebenden monophysitischen 
Parteihäupter Ägyptens und Syriens, des Dioskuros und 
Severus, im koptischen Sprachgebiete zu gebührendei* 
Geltung gebracht. Ja, es fanden, wohl gewiß durch Ver- 
mittlung eines griechischen Textes, selbst Werke des 
Syrers Aphrem ihren Weg in das Koptische. Man 
übersetzte ferner Verhandlungen und Beschlüsse her- 
vorragender Kirchenversammlungen, wie der beiden all- 
gemeinen Konzile von Nikaia und Ephesos oder die- 
jenigen der Synode, welche der hl. Athanasios nach seiner 
Rückkehr aus der Verbannung im Jahre 362 zu Alexan- 
dreia um sich versammelt hatte. Auch die „Kanones 
des Athanasios" gehören hierher, eine interessante 
Sammlung altkirchlicher Rechtsbestimmungen, von der 
wenigstens umfangreiche koptische Bruchstücke sich er- 
halten haben, wenn anders sie die disziplinaren Beschlüsse 
einer zweiten von dem großen Kirchenfürsten im Jahre 
364 abgehaltenen alexandrinischen Synode darstellen. 
Daß dieser so umfangreichen theologischen Über- 
setzungsliteratur auch nicht der leiseste Ansatz einer 
profanwissenschaftlichen gegenübersteht, ist eine 
weitere für koptische Eigenart in hohem Grade bezeich-, 
nende Erscheinung. Für das Geisteserbe althellenischer 
Wissenschaft, das ihrem Volkstum zu vermitteln syrische 
Übersetzer sich in so rühmlicher Weise bemühten, war 
jeder Sinn in den Bauern- und Handwerkerkreisen, aus 
denen ursprünglich die national-ägyptische Christenheit 
sich rekrutierte, und bei dem weltflüchtigen, nur in 
seiner starren Einseitigkeit großen Mönchtum, das die 



120 I^iß koptische Literatur. 

ausschließliclie Führung in derselben übernahm, gleich- 
mäßig undenkbar. Selbst das wenige, was von Natur- 
dingen oder richtiger gesagt von Fabeleien über solche 
ein Kopte wissen mochte, verdankte er der Übertragung 
einer theologisch gefärbten Schrift, des griechischen 
Physiologos. 

Was im koptischen Geistesleben allenfalls als ein- 
Gegengewicht seines christlich-theologischen Charakters 
noch sich geltend macht, das kommt nicht von der 
griechischen Antike, sondern von dem heidnischen Alter- 
tum des eigenen Landes her, an dessen Kultur in auf- 
fälliger Weise gewisse Schichten des späteren saidischen 
Schrifttums wieder anzuknüpfen beginnen. Kümmerliche 
Beste einer medizinischen Literatur, unter denen 
sich nur ein einziges Bruchstück eines anscheinend um- 
fangreicheren Arzneibuches befindet, berühren sich in 
ihrer ganzen Art aufs nächste mit derjenigen schon 
hieroglyphischer Kezeptensammlungen. Die Zauber- 
literatur, die im alten Ägypten eine hervorragende 
Eolle gespielt hat, lebt aufs neue auf, und so seltsam 
mischen sich in ihr die Erinnerungen der nationalen 
Vergangenheit mit dem Glauben der christlichen Gegen- 
wart, daß die alten Götter, ein Horus und eine Isis, 
als die Künder von Beschwörungsformeln eingeführt 
werden, mittels deren der ,,Herr Jesus" wunderbare 
Heilung gibt, wo die Kunst des Arztes versagt. Vor 
allem in den erzählenden Einleitungen zu den einzelnen 
Zaubersprüchen, die von ihrer angeblichen Offenbarung 
und ersten Bewährung berichteten, kamen derartige alt- 
heidnische Elemente zur Geltung. Die ganze koptische 
Zauberliteratur aber hat eine weitere Wirkung in der 
vorbildlichen Bedeutung gewonnen, welche sie unver- 
kennbar für die noch ausgedehntere äthiopische besitzt. 



Erzählende Prosa. 121 

5. Erzählende Prosa. — Die Verbindung von Zauber- 
spruch und einleitender Anekdote, wie sie aus dem 
koptischen in das äthiopische Schrifttum übergehen 
sollte, hängt im letzten Grunde mit dem Erzählertalent- 
und der Erzählungsfreudigkeit zusammen, die von den 
ältesten hieroglyphischen Märchentexten aus der Zeit 
des mittleren Reiches bis zu den öffentlichen Erzählern 
in den Kaffeehäusern und auf den Straßen der Jetztzeit 
immer wieder als ein köstliche Gabe ägyptischen Volks- 
tums sich geltend machen. Erzählend ist denn auch 
außerhalb des apokryphen Schriftkreises ein gewaltiger 
Bruchteil zunächst aller koptischen Prosa gewesen. Die 
Rechtsnachfolgerin des altägyptischen Märchens ist da- 
bei die Heiligenlegende, sei es in einer von vorn- 
herein zur Lektüre bestimmten, sei es in der Form des- 
ursprünglich gesprochenen Wortes einer den Helden de& 
Tages verherrlichenden Festpredigt. Denn es ist be- 
merkenswert, wie gerne auf dem koptischen Boden 
hagiographische Erzählung die Form der Rede annimmt. 
Wie weit es sich hier alsdann in einzelnen Fällen um 
saidische bzw. bohairische Originale oder aber um Über- 
setzungen oder Bearbeitungen griechischer bzw. saidischer 
Vorlagen handle, ist nicht immer auf den ersten Blick 
zu erkennen. 

Wenigstens während der Blütezeit der saidischen 
Literatur standen die Glaubenshelden der Verfolgungs- 
zeit im Vordergrunde des Interesses. Neben eigent- 
lichen Martyrien, die sich als zeitgenössische Berichte 
über deren Leiden einführten, und den Festpredigten 
erzählenden Inhalts spielten eine gewisse Rolle die Samm- 
lungen von Wundergeschichten, die sich an die Ver- 
ehrung bestimmter Heiliger knüpften und deren Typus 
beispielsweise durch Texte zu Ehren des hl. Georgios 



222 ^i® koptische Literatur. 

und eines hl. Koluthos vertreten wird. Aber auch die 

Verehrung der Engelwelt, die in der koptischen Kirche 

•die denkbar höchste Bedeutung gewann und in einem 

Kult nicht nur der verschiedenen Erzengel, sondern 

auch der Evangelistensymbole und der apokalyptischen 

vierundzwanzig ,, Ältesten" sich offenbarte, ließ in der 

Literatur ihre Spuren zurück, wie sich an drei auf 

Theophilos von Alexandreia, Severus von Antiocheia 

und einen Eustathios zurückgeführten Lobreden auf 

den so recht im Brennpunkt jener Verehrung stehenden 

Erzengel Michael beobachten läßt. 

Eine besondere Beliebtheit haben auf koptischem Boden 
Helden christlicher Soldatenlegende erlangt, die wie Georgios, 
die beiden Theodore, Merkurios, den man in einen Zusammen- 
hang mit dem Lebensende des letzten heidnischen Kaisers 
Julianos brachte, und die vierzig Märtyrer von Sebaste nach 
Palästina oder vor allem nach Kleinasien weisen. Auch Menas, 
der wundermächtige Patron der Mareotiswürde, dessen glanz- 
volle Wallfahrtsstadt, ein frühchristliches Lourdes, durch 
Ausgrabungen der neuesten Zeit in den Vordergrund christlich- 
archäologischer Interessen gerückt wurde, steht mindestens 
an der Grenze dieser Gruppe. Kyros und Johannes, die zu 
Menuthis bei Kanopos einen ähnlichen Gnadenort hatten, und 
der „letzte Märtyrer" Erzbischof Petros von Alexandreia sind 
demgegenüber als besonders hochgefeierte Heroen eines 
schlechthin einheimischen Heiligenkultus zu nennen, dem 
eine stattliche Reihe von Märtyrerakten in bohairischem 
Koptisch gewidmet ist. Ja, selbst die Akten hervorragender 
Blutzeugen aus dem ältesten christlichen Heldenzeitalter, die 
es zu einer besonders intensiven kultischen Verehrung in 
Ägypten nicht gebracht haben, erlebten wie diejenigen eines 
Ignatios und Polykarpos eine Übersetzung aus dem Grie- 
chischen wenigstens ins Bohairische. 

Daß sodann allmählich die Mönchslegende in eine 
ebenbürtige Stellung neben der Märtyrerlegende ein- 
rückte, war in der Heimat des Mönchtums selbstver- 
ständlich. Ihre reichste Entfaltung hat sie indessen 



Erzählende Prosa. 123 

erst in der bohairischen Literatur gefunden. Anderer- 
seits weist diese an Biographien noch späterer und 
spätester koptischer Gottesmänner auch einzelne Stücke 
hagiographischen Inhaltes auf, die zunehmend den Cha- 
rakter der Legende mit demjenigen wirkHcher Geschichts- 
schreibung vertauschen. 

Ein saidisches Original, das vollständig allerdings nur- 
mehr in bohairischer und arabischer Übersetzung erhalten 
ist, die wohl mit Recht seinem unmittelbaren Schüler Besä 
beigelegte Lebensbeschreibung Senates, scheint in der mönchs- 
geschichthchen Literatur der Kopten eine führende Rolle 
gespielt zu haben. Lebensbilder des obengenannten Moses, 
eines Matthäus mit dem Beinamen ,,der Arme" und anderer 
wurden fiach dem bahnbrechenden Muster gleichfalls in sai- 
discher Mundart entworfen. Neben solchen saidischen sind 
griechische Vorlagen auch für diesen Literaturzweig innerhalb 
des bohairischen Schrifttums maßgebend geworden. Die 
sagenumwobenen Urväter des Mönchtums Paulos und An- 
tonios, Pachom und die nach seiner Regel lebenden Mönchs- 
gemeinden und die Hauptvertreter des jüngeren Asketen- 
tumes der Natronwüste, die beiden Makarios von Skete (f um 
360) und von Alexandreia (f um 395), Maximos, Dometios 
und Johannes Kolobos, kamen hier ausgiebig zu ihrem Rechte. 
Auch die Mönchsgeschichte des Palladios an Lausos wurde aus 
dem Griechischen übertragen. Als ein Beleg dafür, wie man 
sich in der Folgezeit mit der Aufgabe einer hagiographischen 
Behandlung von Gestalten einer näheren Vergangenheit ab- 
fand, mag zunächst die dem 8. Jahrhundert entstammende 
umfangreiche Lobrede des Bischofs Mina von Nikiu auf einen 
Patriarchen Isaak (f 688) angeführt werden. Als das jüngste 
in diesen Kreis gehörende, ja das wohl überhaupt jüngste 
erhaltene Denkmal koptischer Literatur beansprucht erhöhtes 
Interesse die im Jahre nach dem Tode des Helden von 
Bischof Michael von Zäqäziq - Belbes geschriebene Lebens - 
geschichte eines Johannes von Fanidjoit, der, vom Christen- 
tum abgefallen, nach reumütiger Rückkehr zum Glauben der 
Väter im Jahre 1209, um seine Schuld zu sühnen, sich selbst 
zum Martertode hinzudrängte. 

Überhaupt hat es den Kopten neben der umfang- 



124 I^iß koptische Literatur. 

reichen hagiographischen wenigstens an Ansätzen auch 
zu einer eigentlich historischen Literatur nicht ge- 
fehlt. Mochten bei ihnen über die kirchengeschichtlichen 
Ereignisse der frühchristlichen Zeit vielfach alles eher 
als zuverlässige Überlieferungen im Umlaufe sein, so 
besaßen sie doch daneben Übersetzungen der Kirchen- 
geschichte des Eusebios und, wie es scheint, einer solchen 
des Timotheos Ailuros, und verschiedene, teilweise mehr 
oder weniger umfassende koptische Originalarbeiten zur 
Patriarchengeschichte der eigenen Kirche konnten von 
denjenigen Vertretern des ägyptischen Monophysitismus 
benützt werden, welche nachmals diese Geschichte in 
arabischer Sprache zu schreiben unternahmen. 

Profane Geschichte freilich hat den koptischen Geist 
nur im Kleide des historischen Eomans beschäftigt. 
Eine Bearbeitung, welche die Alexandergeschichte des 
Pseudo-Kallisthenes auch in saidischem Koptisch fand, 
dürfte hier vorbildlich gewirkt haben. Von selbst- 
ständigeren Versuchen, die in der gleichen Kichtung in 
jüngerer, wenn auch noch nicht jüngster saidischer 
Sprache gemacht wurden, ist wenigstens einer für uns 
eine greifbare Größe geblieben. In seinem Zurückgreifen 
auf die vorchristliche Landesgeschichte berührt sich 
dieser Kambysesroman unverkennbar mit der an Alt- 
ägyptisches anknüpfenden Weise der medizinischen und 
Zauberliteratur und stellt nächst den Schriften Senutes 
das merkwürdigste Denkmal originaler koptischer Prosa 
dar. 

Den Gegenstand des Werkes bildet der Eroberungszug 
des für den Verfasser mit Nabuchodonosor zusammenge- 
flossenen zweiten persischen Großkönigs nach Ägypten. Doch 
ist von dem Ganzen nur mehr die Exposition erhalten, welche 
die der Eröffnung der Feindseligkeiten vorangehenden Ver- 
handlungen zwischen Persern und Ägyptern schüdert. Die 



Poesie. 125 

Bibel und Reminiszenzen griechischer Geschichtschreibung 
haben den Rohstoff für die Erfindung des unbekannten Er- 
zählers geliefert. Irgendwelche einheimische Überlieferung 
über den Freiheitskampf Ägyptens gegen die asiatischen Er- 
oberer standen demselben dagegen nicht mehr zu Gebote, 
obwohl die alten Götternamen ihm noch bekannt sind. Und 
doch hat diesem Mönche — denn nur um einen solchen kann 
es sich als Autor auch hier handeln — ein ganz unvermittelt 
auftauchender ägyptischer Nationalstolz beim Schreiben die 
Hand geführt. Als ein Volk von Helden rühmt er die Vor- 
fahren, das den hingeworfenen Fehdehandschuh ohne das 
leiseste Bangen aufnimmt. Man hat, schwerlich ohne Grund, 
den Eindruck gehabt, als sei es ihm darum zu tun gewesen, 
durch das Bild, das er entwirft, ihre Enkel zu einer — mehr 
völkischen als religiösen — Erhebung gegen die mohamme- 
danisch-arabische Fremdherrschaft seiner eigenen Zeit auf- 
zurütteln. 

6. Poesie. — Die national-volkstümliche saidische 
Renaissanceliteratur, deren Anfängen etwa der Kam- 
bysesroman zuzurechnen sein dürfte, hat auch die Blüte 
koptischer Poesie gezeitigt. Altsaidische Überset- 
zungen griechischer Kirchengesänge, die man in 
den liturgischen Büchern den Originalen beigab, waren 
die frühesten Erzeugnisse einer christlichen Liederdich- 
tung in koptischer Sprache gewesen. Koptische Originale 
waren denselben gegenüber bereits die eine von drama- 
tischem Leben erfüllte poetische Bearbeitung der Leidens- 
geschichte darstellenden Texte in fajjumischem Dialekt, 
von denen sich Bruchstücke gerettet haben und in denen 
man wohl mit Bestimmtheit liturgische Gesangstücke 
für die Feier der Karwoche wird erblicken dürfen. 

Auch die nun gegen Ende des ersten Jahrtausends 
aufblühende jüngere saidische Liederkunst steht 
wenigstens zum Teile im Dienste der Liturgie. Eine 
stattliche Sammlung von Ostergesängen nimmt unter 
dem, was von ihren Erzeugnissen erhalten geblieben ist. 



126 Die koptische Literatur. 

einen Ehrenplatz ein. Nicht minder waren für den 
gottesdienstlichen Vortrag Preislieder auf verschiedene 
Heilige bestimmt. Weiterhin haben aber eine Ummün- 
zung in die Liedform so zahlreiche biblische Stücke er- 
fahren, daß man sich zu der Vermutung gedrängt sieht, 
es habe eine — natürlich nicht lückenlose — dichterische 
Bearbeitung so gut als der ganzen Bibel gegeben, und 
wenn mindestens unter dem Erhaltenen die poetische 
Paraphrase der alttestamentlichen Weisheitsbücher einen 
besonders breiten Raum einnimmt, so ist das kaum zu- 
fällig angesichts der Stellung, welche lehrhafte, mehr 
oder weniger spruchmäßige Dichtung im Schrifttum des 
alten Ägyptens schon rund seit 2000 v. Chr. behauptete. 
Eine letzte Schicht des koptischen Liederschatzes läßt 
vollends die altägyptische Lust zum Fabulieren auch in 
gebundener Rede zur ungeschwächten Geltung kommen.. 
Noch deutlicher als in der prosaischen Heiligenlegende 
findet in ihr die uralte literarische Tradition volkstüm- 
licher Märchenerzählung ihre geradlinige Fortsetzung. 

Von Episoden alttestamentlicher Geschichtsbücher mit 
Einschluß von Judith und Tobias, von prophetischen Stellen 
und einigen Psalmen sind bislang saidische Nachdichtungen 
meist nur in Fragmenten bekannt geworden. Am vollstän- 
digsten sind es Sprüche der Weisheitsbücher im engeren Sinne 
und das Hohe Lied, die so in saudische Verse gebracht vor- 
liegen. Entsprechend steht Salomon im Mittelpunkte eines 
Kreises von MärchenHedern, deren eine besonders gut erhaltene 
Gruppe seinen Verkehr mit der Königin von Saba zum Vor- 
wurf hat. An einen Zusammenhang mit der Liturgie ist min- 
destens hier nicht mehr zu denken, wohl auch nicht bei anderen 
Trümmern erzählender Poesie, die in den konstantinischen 
Legendenkreis führen, und bei den Reihen zweier Sammlungen 
kürzerer Lieder vermischten religiösen Inhalts, deren eine 
vielleicht auf einen Humisi, Sohn eines Apa David, zurück- 
geht. Wohl ihr Bestes hat endlich die Kunst jüngerer sai- 
discher Dichter in der erschütternden Mönchslegende von 



Poesie. 127 

Archellites und dem rein weltlichen Märchen von Theodosios 
und Dionysios geleistet. Hier steigt von zwei ägyptischen 
Taglöhnern in Konstantinopel der eine in Erfüllung eines 
Traumes zur byzantinischen Kaiserwürde empor, vergißt an- 
fänglich im Glück seinen alten Arbeitsgefährten, wird dann 
von ihm aufgesucht, erkennt ihn wieder und verleiht ihm die 
erzbischöfliche Würde in der Kirche der Reichshauptstadt. 
Dort hat ein junger römischer Edelmann in Palästina das 
Mönchskleid genommen und, wie seine Mutter Synkletike 
seinen Aufenthaltsort entdeckt hat und ihn beschwört, die 
Klostermauern zu einer Begegnung mit ihr zu verlassen, 
erfleht er sich vom Himmel den Tod, um nicht durch eine 
solche Begegnung sein Gelübde zu brechen, daß er nie mehr 
ein Weib schauen werde; die unerbittlichen Konsequenzen 
einer aufs äußerste getriebenen Weltflucht siegen selbst über 
die reinsten und heiligsten Gefühle der natürlichen Menschen- 
brust, und an der Leiche des in seinem Gebete Erhörten klingt 
das Ganze in herzzerreißenden Lauten tiefsten Mutterschmerzes 
aus. Die volkstümliche Frische und Lebendigkeit der Ge- 
staltung erinnert im einen wie im anderen Falle auch nicht im 
entferntesten mehr an die Eigenart liturgischer Poesie. 

In ihrer Form erheben sich diese saudischen Lieder 
mit an sich überaus einfachen Mitteln zu einer nicht ge- 
ringen Kunst. Vier dreihebige akzentuierende Verse 
pflegen sich zu einzelnen Strophen zu verbinden. Je 
zwei Strophen stehen vielfach in einem engsten orga- 
nischen Zusammenhang, der auf antistrophischen Wech- 
selgesang hinweist. Ein gesetzmäßiger Wechsel von 
Rezitativ, Sologesang und Refrainstrophe eines Sänger- 
chores belebt die Strophenreihen längerer Gedichte. Die 
Auflösung ihres Textes in Rede und Gegenrede einer 
Mehrzahl von handelnden Personen läßt dieselben zu 
echten Singspielen voll bewegten dramatischen Lebens 
werden. 

Tief unter der unleugbaren Kraft dieser Schöpfungen 
steht ein jüngstes durch und durch gelehrtes Erzeugnis, 
saidischer Dichtkunst: das „Triaden", von dessen 



128 1^16 koptische Literatur. 

ursprünglicil 732 Vierzeilern 428 erhalten sind. Das 
eigenartige Werk eines noch einmal für eine Neu- 
belebung der alten nationalen Literatur schwärmenden 
Bewohners irgend einer Klosterzelle wohl schon des 
13. Jahrhunderts will nach eigenem Selbstzeugnis nichts 
anderes, als vom ,, Nutzen der koptischen Sprache" 
zu überzeugen. In der offenbar bereits toten redet der 
Verfasser zu diesem Zweck ein wenig von allem. Poe- 
tische Umschreibung von Bibelstellen, das Lob alt- 
testamentlicher und christlicher Heiliger, sittliche Er- 
mahnung und das Bekenntnis zur monophysitischen 
,,E.echtgläubigkeit" lösen sich in buntem E-eigen ab. 
Die Form ist dabei maßgeblich von den Vorbildern 
arabischer Dichtung beeinflußt. Insbesondere ist von 
dieser Seite der Reim entlehnt, dessen ziemlich künst- 
liche Anwendung zu dem freien Bau der von drei bis zu 
fünf Hebungen schwankenden Verse in einem seltsamen 
Gegensätze steht. Zu einer Erneuerung poetischen 
Schaffens in koptischer Sprache war es, das lehrt hier 
alles, tatsächlich schon zu spät geworden. 

Auch der ausgedehnte, wieder rein Hturgische Lie- 
derschatz der bohairischen Mundart erhebt sich 
denn nur selten noch über die Stufe des Triadons, um 
weitaus häufiger selbst unter ihr noch zurückzubleiben. 
Die auch hier herrschende vierzeilige Strophe baut sich 
aus Versen von meist nurmehr zwei Hebungen auf. 
Preisgesänge auf Heilige ,sog, ,,Doxologien", nehmen ge- 
legentlich nicht nur den Reim, sondern bei größerem 
Umfang auch die alphabetische Akrostichis 'an. Von 
sog. ,,Psalis", einer Liedergattung, deren Texte minde- 
stens ursprünglich zu engster Verbindung mit biblischen 
Gesangstücken bestimmt waren, weist eine Reihe an 
„unseren Herrn Jesus Christus" gerichteter Dichtungen 



Poesie. 129 

einen litaneiartigen Charakter auf. Überhaupt spielt 
ein je allen Strophen eines Gedichtes gemeinsamer Kehr- 
vers eine Hauptrolle. Der Inhalt sinkt nicht selten zu 
denkbar größter Nüchternheit herab. Das Bedeutendste 
sind noch die ,,Theotokia" oder Gottesmuttergesänge, 
deren im Gottesdienst eine hervorragende Stelle ein- 
nehmendes Korpus nach Texten für die einzelnen Tage 
der Woche geordnet ist. Ihr Inhalt ist wenigstens zu- 
weilen wirklich schwungvoll und berührt sich enge mit 
dem Geiste griechischer und namentlich syrischer Ma- 
riendichtung, während die Wiederkehr einer Refrain- 
strophe je nach einer gewissen Reihe von Hauptstrophen 
an den Aufbau saidischer Lieder erinnert. 



Nachtrag. 

Zu S. 96 Z. 8 : Den erwähnten kleineren historischen 
Texten ist nunmehr noch die um die Wende vom 6. zum 
7. Jahrhundert entstandene literaturgeschichtlich wertvolle 
Schrift eines Nestorianers Barliadhbegabba über ,,die Grün- 
dung der Schulen" beizufügen. 



Baumstark, Chrutl. Literatur. I. 



Register. 



Aus der Einleitung ist nur unmittelbar liteiTiturgeschichtlich Wichtiges 

beriicksichtigt. Die Stelle, an welcher die Lebensdaten eines Schriftstellers 

angefiihrt sind, ist mit * bezeichnet. 



•^ Abdallah ibn al Muqaffa' 91. 
•"Abhäisö" bar Börikhä 52*, 73, 77, 84, 

105 f. 
Abhgarsage 10, 63, 116. 
Abraham bar Liph 72. 
Abu Halim s. Elias III. 
Abü-1-Farag ibn at-Tajjib 55. 
Adambuch, Syrisches 62. 
Addai, Lehre des 63 f. 
Africanus, Sextus Julius 95. 
Ahai 85. 
Ahiqarsage 42. 
Ahüdhöemmeh 21, 79. 
Aisopische Fabeln 92. 
Alexauderlied, Syrisches 103. 
Alexioslegende 87. 
Ambrosios {?), Apologie des 66. 
Andronikos 95. 
Anianos 95. 

Antiocheia, Eliaskloster bei 38. 
Antön V. Taghrith 81. 
Aphrähät 44*, 73. 

Aphrem 43*, 70, 88, 99, 101 ff., 119. 
Apokalypse, Anonyme jiidische 114. 

„ (?) des Bartholomäus 115 f. 

„ des Baruch 61. 

„ des Daniel 65. 

„ des Elias 114. 

„ des Ezra 6.^. 

,, des Paulus 65. 

„ des Sophonias 114. 

Apokryphen, Nubisches 8. 
Apollinaristische Fälschungen 68. 
Apostel, Didaskalia der 81. 

,, Lehre der 64, 82. 
Apostelakten, Apokryphe 

des Andreas und Matthias 63, 116. 
des Johannes 63. 116. 
des Paulus 115. 



Apostelakten, Apoki-yphe 

des Petrus 116. 

des Philippus 63. 

der Thekla 63. 

des Thomas 41, 63, 116. 
Apostelbiographien 63. 
Apostelkonzile, Angebliche Beschlüsse 

zweier 82. 
Aramäer, Gleichnisse der 90. 
Archelliteslegende 87, 127. 
Aristeides, Apologie des 66. 
Aristoteles 69, 74. 
(Ps.-)Aristoteles, Theologie des 75. 
Arzneibücher, Koptische 120. 
Athanasios 66, 118. 
Athanasios v. Bälädh 49*. 67 ff. 
Ätheria 37. 

Bäbhai 85. 

Bälai 44*, 102 f. 

Bar Daisän 42*, 63, 74, 99. 

Bar ''Ebhräjä 51*, 70—73, 76—90, 84, 

93, 97 f, 105. 
Barhadhbesabbä 129. 
Bar' Sau mä 20 f. 
Bartholomäus v. Bologna 32. 
Barzoi 91. 
Basileios 68, 118. 
Bä'^üthädichtung 101. 
Bäzüdh 76. 
BeirutjPresbyterianische Mission zu 34. 

,, St. Josephsuniversität zu 84. 
Besä 118, 123. 

Beth Seiokh, Geschichte der Stadt 85. 
Bibel, Saidische dichterische Bearbei- 
tung der 126. 
Bibelübersetzung, Achmimische 111. 

„ Bohairische 111. 

„ Fajjumische 111. 



Register. 



131 



Bibelübersetzung, Saidische 110 f. 
Bibelübersetzungeu, Syrische 53 — 57. 
Biographie des Abraham v. Kidhünä 88. 

,, dos hl. Aphreni 88. 

„ des Ahüdhöemmeh 123. 

„ des hl. Antonios 88. 

„ des Bar'^ittä 104. 

„ des hl. Dometios 123. 

,, des hl. Eugenios 88. 

des Eusebios v.Samosata 87. 
des Jabhallähä III 88. 

„ des Ja'qöbh Bürd^^änä 88. 

„ des Johannän t. Tellä 88. 

„ des hl.JohannesKolobosl23. 

„ des Julianos Säbhä 88. 

,, des hl. Makarios v. Alexan- 
dreia 123. 

„ des hl Makarios v.Skete 123. 

„ des Mär(j) Abhä I. 88 

„ dos Märüthä v. Taghrith 88. 

„ des Matthäus (kopt. As- 
keten) 123. 

,, des hl. Maxiinos 123. 

„ des Moses (kopt. Asketen) 
123. 

„ des hl. Pachom(ios) 123. 

„ des Rabban Hörmizd 104. 

„ des Rabbülä 87. 
des hl. Sabas 39. 

„ des Sabhrisö" 88. 

,, des Sem''6n Stylites 87. 
Bödh 91. 
Bfijjä'ädichtung 111. 

Chemie, Syrische 78. 
Chronik, Edessenische 42, 93. 

,, Jakobitische vom J. 846 95. 

„ Maronitische ,, J. 664 94. 
Chrysostomos 68, 118. 

Daniel v. Salah 70. 
David bar Paulos 79. 
Deraokritos 41. 
Diatessaron 54 f. 
Diodoros v. Tarsos 45. 
(Ps.-)Diony8ios der Areiopagite 68. 
Dionysios'bar Salibhi 50*, 70, 72, 75. 
Dionysios v. Teilmahre 95. 
(Ps.-JDionysios v. Teilmahre 96 f. 
Dioskuros 20, 119. 
Dorotheos 63. 

Elias I. 79. 
Elias III. 60. 
Elias V. Anbar 104. 



Elias bar Sinäja^ 50*, 79, 97. 

Emmanuel bar Sahhäre 104 f. 

""Enänisö" 80, 89. 

''Enjänädichtung 101. 

Epiphanios 63, 78, 118. 

Euagrios v. Pontos 68. 

Euchologion, Koptisches 112. 

Eudoohos 80. 

lPs.-)Euodios 116. 

Eusebios v. Kaisaroia 66, 86, 95, 124. 

(Ps.-)Eusebios' Geschichte des Apostels 

Johannes 63. 
Eustathios 122. 
Evangelienübersetzung , Altsyrische 

54 f. 
Evangelium, Apokryphes 

(?) des Bartholomäus 115 f. 

des Gamaliel 115. 

,,nach den Hebräern" 36. 

der Maria 114. 

der Nazaräer 36 f. 

des Thomas 62. 

der Zwölf Apostel 115 f. 
Ezrabuch, Drittes 61. 

,, Viertes 61, 114. 

FelliM 52. 

Flaviiis Josepbus 61, 92, 96. 

Galenos 69. 

Geoponika, Syrische 70. 

Georgios v. Arbela 72. 

Georgios v. Be'^eltäu 71. 

Georgios, Bischof der Araber 49*, 69, 

74, 78. 
Georgios, Wunder des hl. 121 f. 
Giwargis Wardä, 102. 
Gregorios v. Nazianz 68, 118. 
Gregorios v. Nyssa 68, 118. 
Gregorios der Wundertäter 66. 

Hannänä 46. 

Hariri 105. 

Henäniso'^ I. 83. 

Henäniso^ bar Saroswai 80. 

Heraclensis s. Thomas v. Harqel. 

Herraas. .„Hirte" des 114. 

Hibhä 45*, 69. 

Hieronymus 36 f., 89. 

Hippolytos V. Rom 63, 117. 

Homerübersetzung s. Theophilos von 

Edessa. 
Horsiese 117. 
Humisi 126. 
Hunain ibn Ishaq 50. 

9* 



132 



Register. 



Ibn Sinä 76. 

Ignatiosbriefe 66, 118. 

Ignatios ibn Wähib 59. 

Inschriften, Aksumitische 13. 

Isaias v. Skete 68. 

Ishaq V. Antiocheia 103. 

Ishaq Esbadhnäjä 105. 

Ishaq V. Ninive 71. 

Isö'^bar'^Ali 80. 

Is6'"bar Bahlül 80. 

Isö^bar Nun 71, 83*. 

Isö'bokht V. Rewärd§sir 83. 

Isö'"dädh V. Merw 71. 

Isö^denah v. Basra 90. 

Tso^jabh I. 60. 

Isö'^jabh III. 46*, 60, 73, 85. 

{Ps.-)Isokrates 70. 

Izlä-Kloster, Statuten desselben 46. 

Jannarios Kandidatos 68. 

Ja^'qübh Bürde'' änä 21 f. 

Ja^qübh v. Edessa 49*, 57, 59, 67 f., 

72 f., 78f , 95. 
Ja'qübh v. Sörügh 47*, 73, 75 f., 86, 

99, 102 ff. 
Jeu, Bücher 113 f. 
Johannän I. 59. 
Johannän IX. 103. 
Johannän bar Aphtönjä 48, 88. 
Johannän bar Kaldün 104. 
Johannän bar Penkäje 96. 
Johannän bar Qürsos (v. Tellä) 84. 
Johannän bar Zö'bi 79 f, 106. 
Johannän v. Därä 73. 
Johannän v. Ephesos 48*, 88, 94, 96. 
Johannän v. Euphemeia 75. 
Johannän v. Litarba 79. 
Johannän Säbhä 71. 
Johannes v. Maiuma 89. 
Joseph, Geschichte des Zimmermaniis 

116. 
Joseph bar Malkön 106. 
Joseph Hüzäjä 80. 
Josephdichtung, Syrische 103. 
(Ps.-)Josua Stylites 93, 96 f. 
Jubiläen, Buch der 62. 
Judas, Geschichte der Silberlinge des 

64. 
Julianos v. Halikarnassos 22 f., 68. 
Julianusroman 90 f. 

Kalifen, Buch der 95. 
Kalilagh und Damnagh 91. 
(Ps.-)Kallisthenes 91, 96, 124. 
Kambysesroman 124 f. 



Kamis bar Qardähß 102. 
Kandidianos 96. 
Kanones des Athanasios 119. 
„ , Apostolische 82, 116. 
„ der Apostel, Kirchliche 116 f. 
., , Griechische 59. 
Kirchengeschichtliche Bruchstücke, 

Anonyme nestorjanische 95 f. 
Kirchenordnung, Ägyptische 116 f. 

„ Apostolische 83, 116. 

Klemens v. Rom 118. 
(Ps.-)Klemens' Briefe an die Jung- 
frauen 61. 
(Ps.-)Klemens' Jakobitisches Rechts- 
buch 82 f. 
Klementinenroman 62. 
Klosterget chichte von Beth Qöqä 104. 
„ desDairä dh6-'Umra89. 
„ von Rabban Hormi/.d 89. 
Koluthos, Wunder des hl. 122. 
Konstitutionen , Apostolische 81 ff., 

1161 
Konzilskanones von Alexandreia 119. 
., von Chalkedon 82. 

„ von Ephesos 82, 119. 

„ von Konstantinopel 82. 

„ von Nikaia 8, 82, 119. 

„ der Provinzialsynoden 82. 
Kreuzauffindungslegenden 63. 
Kümi 69. 
Kyrillos v. Alexandreia 19, 67, 118. 

Lazar v. Beth Qandasä 71. 
Leidensgeschichte, Fajjumische dichte- 
rische Bearbeitung der 125. 
Leidensstrophen 101. 
Liturgische Poesie, Bohairische 125 f. 
„ „ Christlich-palästi- 

nensische 39. 
,, ,, Saidisehe 125 f. 

Lukiauos 69. 

Madhräsädichtung 98 f. 
Makarios v Qärä 60. 
Makkabäerbuch, Drittes 61. 
„ Viertes 61. 

Ma'^nä 67. 

Märä, Brief des 41 f. 
Märchenlieder, Saidisehe 126 f. 
Maria, Kleine Fragen der 113. 
Maria Heimgang, Texte über 62, 115. 
MärO) Akten des hl. 64. 
Mär(j) Abhä I. 4b*, 551, 60. 67. 
Märtyrer, Akten persischer 85. 
Märtyrerakten, Bohairische 122. 



Register. 



133 



Martyrios s. Sähdönä. I 

Martyrium des ''Azzazä'il 86. 

.,' des Barsamjä ^85. 

„ des Gürjä u. Sämöuä 85. 

des Habbibh 85. 

„ des Ignatios 122. 

„ des Lukas 63. 

,, der Märtvrer von Samo- 

sata 84. 

„ dos Menas 8, 122. 

„ des Pethjön 85. 

,, des Petrus v. Alexandreia 

122. 

„ des Petrus u. Paulus 63, 

116. 

„ des Philemon 39. 

„ des Polykarpos 122. 

., des Sarbil 85. 

Mäiütba V. Maipherqat 44*, 85, 100. 
Märutba v. Taghrith 21. 
Masora, Syrische 57. 
Matthäusevangelium 36. 
Matthäuskloster (bei Mossuli 25. 
Mauröbhädichtuug 101. 
Mechithansten 33. 
Medizin, Syrische 77. 
Meliton v. Sardcs 66. 
Melkiten, Liturgie der 61. 
Menandros, Sprüche des 41. 
Mösihäzökhä 93 f. 

Meßliturgie, Fragment einer ostsyri- 
schen, im Britischen Museum 58. 
Meßliturgie, Jakobitische 59. 
,, Koptische 112 f. 

„ Maronitische 58 f. 

„ Nestorianische 58, 60. 

Methodios, Vision des 65. 
Michael v Zäqaziq 123. 
Mikhä'el L 50*, 59. 97. 
Mimrädichtung 102 ff. 
Mina v. Nikia 123. 
Mose V. Aghel 62. 
Mose bar Kephä 50*, 71 ff., 78. 
M6s§ v. Nisibis 25 
Moses (kopt. Asket) 118. 
MQsä 91. 

Sarek, Kloster 25. 

Narsai 45*. 99, 103 f. 

Nostorios 45. 67. 

Nilliturgie 39. 

Nisibis, Schule von 20, 46, 72. 

Odon Salomons, Apokryphe 62. 
Onithädichtung 102. 
Ostergesänge, Saidische 125 f. 



Pachom 108, 117. 

Palladios 89, 123. 

Pälüt 10, 55. 

Paradies der Väter 89. 

Patriarcheutestamente 114. 

Paulos, Abt 68. 

Paulos. Bischof 59. 

Paulos V. Kallinikos 67. 

Paulos der Perser 74. 

Paulos V. Telia 56. 

Paulus' Briefwechsel mit den Korin- 
thern 63. 

Paulushaupt, Auffindung desselben 63. 

Pehlewiliteratur, Christliche 8. 

Perikopenbuch, Xubisches 8. 

Perikopenbücher. Christlich - palästi- 
nensische 37 ff. 

Perserschule, Edessenische 19 f., 43. 

P^sittä 53 ff. 

Philippos (Schüler Bar Daisäns) 74. 

Philoxeniana s. Polvkarpos. 

Philoxenos 47*, 56, "70 ff., lr>, 89. 

Phokas, Sohn des Sergios 68. 

Physiologos 78. 120. 

Pilatusakten 62, 105. 

Pistis Sophia 113. 

Piaton 69. 

Plotinos 75. 

Plutarchos 69. 

Polykarpos, Landbischof 56. 

Polykarposbrief 66. 

Porphyrios 69, 74. 

Präsanktifikatenmesse, Jakobitische 
59. 

Predigten, Christlich-palästinensische 
39. 

Predigten, Koptische 121. 

Pröbhä 69, 74. 

Proklos v. Konstantinopel 68. 

Prophetenbiographien 63. 

Protoevangelium des Jakobus 62, 1 15. 

Psalmen, Apokrj'phe syrische 61. 

Qäjörä (Kyvos) 72. 
Qälädichtiing 100 f. 
Qennesre, Thomaskloster zu 48 f. 
Qürillönä 44. 

Rabbüla 19*, 44, 67, 84, 86, 101. 
Rechtsbücher, Römische 82. 
Romanos 16. 
Rufinus V. Aquileia 62, 89 

Sabaskloster 25. 
Säbhä 105 



134 



Register. 



Sähdöna 46*, 71. 

Schatzhöhle, Buch der 64. 

Sölemou V. Basra 65. 

Sem^ön v. Beth Arsäm 48*, 86, 96 f. 

Sem'"6n v. Beth Garmai 95. 

Sera'ön v. Hisn-Mansür 70. 

Seni''6n Qöqäjä 101. 

Sem'^on v. Rewärdösir 83. 

Sem^'ön v. Sanqöläbhädh 97. 

Senute 108*, 117 f. 

Sergios, Mönch 104. 

Sergios v Kesapha 86. 

Sergios v. Ris^ainä 47*, 68 ff., 74, 77. 

Severianus v. Gabala 118. 

Severus v. Antiocheia 20*, 47, 59, 67 f , 

119, 122. ^ 
Severus bar Sakkü 51*, 73, 76. 
Severus, Mönch 70. 
Severus Sebhokht 49, 77. 
Siebenschläferlegende 86. 
Siebzigjüugerlisten 63. 
Sinai, Katharinakloster auf dem 37. 
Sindbänbuch 91 f. 
Singanfu, Denkmal von 11. 
Soghithadichtung 99 f. 
Sokrates 95 f. 

Stephanos bar Sfidhaile 75. 
Sjmodosbuch 83. 
Syro-Hexaplaris s. Paulos v. Telia. 

Tagzeitengebet, Jakobitisches 59. 

„ Nestorianisches 60. 

Tahsephtädichtung 101. 
Tatiauos s. Diatessaron 
Taufliturgie, Jakobitische 59. 

„ Koptische 112. 

,, Nestorianische 60. 

Testament unseres Herrn 82 f., 117. 



Themistios 69. 
Theodore tos 95. 
Theodoros (Schüler Pachoms) 117. 
Theodoros bar Koni 71. 
Theodoros bar Zärüdhi 68. 
Theodoros v. Mopsuestia 45, 67. 
Theodosios 68. 
Theodosios, Patriarch 76. 
Theodosios u. Dionysios, Märchen von 

127. 
Theophilos v. Alexandreia 118, 122. 
Theophilos v, Edessa 92. 
Theotokia 129. 

Thmuis, Kirchengebetbuch von 112. 
Thomas v. Edessa 56, 67, 72. 
Thomas v. Harqel 56 f. 
Thomas v. Margä 90. 
Timotheos I. 73*, 83. 
Timotheos IL 72. 
Timotheos Ailuros 22, 124. 
Titos V. Bostra 66. 
Töräni 52. 
Triadon 127 f. 
Turgämädichtung 111. 

Unitoren 32 

Viudanios Anatolios 70. 

Wasserweihe, Koptischer Ritus der 12. 
Weihnachtsgesänge, Altsyrische 100. 
Weisheit Jesu Christi 114. 
Weißes Kloster 108. 
Weltchronik des 12. Jahrhunderts, 
Anonyme syrische 97. 

Zacharias v. Merw 80. 

Zacharias Rhetor v. Mitylene 88, 941 

Zauborliteratur, Koptische 120. 



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